Nahost-Konflikt "Israel ignoriert die Tatsachen"

Der israelische Militärschlag in Gaza wird "unabsehbare Folgen" für die Region haben, warnt der frühere Uno-Generalsekretär Butros Butros Ghali. Im SPIEGEL-ONLINE-Interview spricht er über die Kurzsichtigkeit israelischer Politiker, die Rolle Ägyptens - und seine gedämpfte Hoffnung auf Frieden.


SPIEGEL ONLINE: Hat Israels Generalangriff auf den Gaza-Streifen den Friedensprozess im Nahen Osten jetzt endgültig zu Fall gebracht?

Butros Ghali: Das wird sich rasch herausstellen. Doch schon jetzt steht fest, dass der israelische Angriff auf Gaza eine Katastrophe ist. Diese Militäroperation verschafft den Fundamentalisten Auftrieb - nicht nur in Palästina, sondern auch in allen anderen arabischen Ländern. Ich wundere mich, dass Israel das nicht gemerkt hat. Die Israelis hätten doch von ihrem Angriff auf den Libanon im Sommer 2006 die Lektion lernen müssen, dass solche Aktionen die Position der Integristen stärkt. Damals gewann die Hisbollah an Einfluss und wurde zur stärksten politischen Kraft im Libanon.

SPIEGEL ONLINE: Ist der Libanon nicht eher ein Sonderfall?

Butros Ghali: Nein, der Gaza-Krieg kommt den radikalen Islamisten in der gesamten arabischen Welt ebenso zugute wie vor zwei Jahren der Krieg gegen die Hisbollah, schwächt aber darüber hinaus die Position von Abu Masin, des Präsidenten der palästinensischen Autonomiebehörde, und die gemäßigten Parteien in den arabischen Ländern und in Israel, die einen Dialog fordern und einen echten Verhandlungsfrieden fordern.

SPIEGEL ONLINE: Das klingt sehr pessimistisch. Die Friedenshoffnungen könnten doch nicht über Nacht weggeblasen werden.

Butros Ghali: Das zu beurteilen, möchte ich heute eher dem lieben Gott überlassen.

SPIEGEL ONLINE: Sehen Sie nicht doch einen Silberstreif am Horizont?

Butros Ghali: Eine wirkliche Verbesserung der Gesamtsituation werden wohl erst die kommenden Generationen erleben. Wenn ich ein rosigeres Bild zeichnen würde, wäre ich nicht ehrlich.

SPIEGEL ONLINE: Warum sehen Sie die Zukunft so schwarz? Gerade Sie galten doch selbst in stürmischen Zeiten als Hoffnungsträger. Als nach dem Jom-Kippur-Krieg nur noch wenige an Frieden glauben mochten, halfen Sie Ex-Präsident Anwar al-Sadat in Camp David Frieden mit Israel zu schließen, der bis heute hält.

Butros Ghali: Diesmal ist es anders. Die heutigen Entscheidungsträger in Israel, die den Angriff auf Gaza befahlen, haben nicht an die Zukunft gedacht. Das ist ein folgenschwerer Fehler.

SPIEGEL ONLINE: Was führt Sie zu dieser Annahme?

Butros Ghali: Israel verschließt gelegentlich vor harten Fakten die Augen. Der Gaza-Streifen stellt gerade mal zwei Prozent der Gesamtfläche des geografischen Palästina dar. Es liegt aber in der Natur der Dinge, dass diese Fläche im Rahmen eines echten Friedensschlusses stark ausgeweitet werden muss. Ein weiterer Tatbestand, den Israelis immer wieder verdrängen, sind die 1,3 Millionen arabischen Palästinenser, die bei der Staatsgründung Israels 1948 in ihren Dörfern und Städten geblieben sind und heute rund ein Fünftel der israelischen Bevölkerung ausmachen. Um das Jahr 2060 werden die Palästinenser gut die Hälfte der Bewohner Israels und der israelisch besetzten Gebiete stellen - Tendenz steigend.

SPIEGEL ONLINE: Die demografische Entwicklung wird demnach den Traum von einem Staat mit einer jüdischen Bevölkerungsmehrheit zunichte machen. Doch ist diese in israelischer Sicht ungute Entwicklung in der gegenwärtigen Konfliktsituation von Bedeutung?

Butros Ghali: Das wachsende Ungleichgewicht zwischen Juden und Arabern im israelischen Herrschaftsbereich ist von entscheidender Bedeutung für die nahe Zukunft des jüdischen Staates. Die zionistische Idee eines rein jüdischen Staates geht schon heute nicht mehr auf, diese Entwicklung lässt sich nicht mehr aufhalten. Die Lunte brennt doch schon. Die Abwanderung aus Israel nimmt zu, nicht nur im Anschluss an Krisensituationen. Immer mehr israelische Familienväter haben kein Vertrauen in die Zukunft und wollen ihren Kindern ein Leben in ständiger Furcht und Friedensferne ersparen. Doch die jetzige israelische Führung scheint einzig und allein von Wahltaktik motiviert zu sein. Das angesichts des Ausmaßes des bereits jetzt angerichteten Schadens unverantwortlich.

SPIEGEL ONLINE: Israel will die Raketenüberfälle von islamistischen Freischärlern ein für allemal beenden.

Butros Ghali: Was das Militär jetzt tut, richtet hundertfachen Schaden an, mit unabsehbaren Folgen für die gesamte Region, natürlich auch für die Israelis.

SPIEGEL ONLINE: Hamas, Hisbollah und islamistische Hardliner, aber auch arabische Nationalisten, werfen Ägypten vor, die Palästinenser im Stich zu lassen. Ist dieser Vorwurf richtig?

Butros Ghali: Die ägyptische Grenze steht allen kranken und kriegsversehrten Palästinensern offen, Tag und Nacht. Ägypten schickt Hilfsgüter jeglicher Art in den Gaza-Streifen.

SPIEGEL ONLINE: Die Hamas fordert aber, dass Kairo seine Grenze allen Palästinensern öffnet.

Butros Ghali: Humanhilfe, Nahrungsmittel, Arzneien, Ärzteteams, die Versorgung mit Treibstoff, die Behandlung von Verwundeten und Kranken in ägyptischen Krankenhäusern - all das ist voll im Gang. Doch eine völlig offene, nicht mehr kontrollierte Grenze würde unweigerlich zum Einschleusen von bewaffneten Terroristen führen. Die blutigen Anschläge auf Touristenhotels in Scharm al-Scheich und anderen Sinai-Urlaubs-Hochburgen sind uns noch gut in Erinnerung.

SPIEGEL ONLINE: Es gibt Stimmen, die Ägypten auffordern, den Frieden mit Israel aufzukündigen.

Butros Ghali: Solche Sprüche sind sinnlos. Ägyptens Friedensvertrag mit Israel hat allen Arabern gedient. Wer außer Ägypten kann mit Israel glaubwürdigen Kontakt halten und Grenzöffnungen und einen schrittweisen Abbau der Blockade aushandeln? Eine Aufkündigung des Friedens mit Israel hätte für alle Araber und Israelis schreckliche Folgen, unsere Kinder und Enkel würden uns verfluchen.



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