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Nahost-Konflikt: Palästinenser werfen Israel "verrückten Krieg" vor

Israel droht ihnen mit einer gewaltigen Katastrophe, die Palästinenser kontern mit dem Vorwurf des "verrückten Kriegs": Der Konflikt um den Gaza-Streifen eskaliert nach den jüngsten Angriffen der israelischen Luftwaffe nicht nur militärisch - sondern auch verbal.

Jerusalem/Tel Aviv - Hamas-Führer Ismail Hanija reagierte prompt auf die Ankündigung aus Israel: Hanija warf dem Nachbarn "einen verrückten Krieg" gegen die rund 1,4 Millionen Palästinenser im Gaza-Streifen vor. Gezielte Tötungen von Führern des "Widerstandes" sowie Kindern würden die Palästinenser weder einschüchtern noch vom Dschihad (heiliger Krieg) bis zum Sieg abbringen, sagte Hanija in Gaza.

Zuvor hatte der stellvertretende israelische Verteidigungsminister Matan Vilnai mit seinen Drohungen für große Empörung bei den Palästinensern gesorgt. Vilnai sagte dem israelischen Armeerundfunk, dass die fundamental-islamistische Hamas-Organisation mit ihren Raketenangriffen den Palästinensern im Gaza-Streifen eine große Katastrophe bringen werde. Auf Hebräisch benutzte er dabei das Wort "Shoah" - aber ohne den bestimmten Artikel, was übersetzt eben "Katastrophe, Untergang, Desaster" bedeutet. Mit bestimmtem Artikel meint es "die Shoah", also den Holocaust. Zunächst hatten mehrere Agenturen vom Holocaust gesprochen.

Gegenüber SPIEGEL ONLINE erklärte Vilnais Sprecher Eitan Ginzburg: "Der Minister hat den Begriff Holocaust im Sinne von Genozid weder verwendet noch intendiert." Vielmehr sei gemeint, dass sich jemand ins eigene Unglück stürze.

Vilnai ist in Israel bekannt für seine drastischen öffentlichen Äußerungen. So hatte der Politiker beispielsweise Ende Januar nach der Sprengung der Grenzbefestigung zwischen Ägypten und dem Gaza-Streifen damit gedroht, Israel könnte seine Verbindungen zu dem Palästinensergebiet komplett kappen. Wie viele andere israelische Spitzenpolitiker machte Vilnai zunächst Karriere in der Armee.

Erste Äußerung Hanijas seit Wochen

Hanija äußerte sich erstmals seit Wochen wieder vor Anhängern während des traditionellen Freitagsgebetes in Gaza. Aus Furcht vor einer gezielten Tötung soll er nach israelischen Medienberichten in den Untergrund gegangen sei. Hanija selbst hatte das bestritten.

Der nach dem blutigen Putsch vom Juni vergangenen Jahres entlassene Ex-Ministerpräsident rief die Bewohner des Gaza-Streifens zu Ruhe und Geduld auf. Gleichzeitig kritisierte Hanija die arabischen Länder für ihr Stillschweigen.

Die israelische Armee plant nach eigenen Angaben trotz aller Drohungen derzeit keine Großoffensive im Gaza-Streifen. Stattdessen wolle die Armee weiter wie bisher mit Luftangriffen und begrenzten Kampfeinsätzen gegen den Raketenbeschuss durch militante Palästinenser vorgehen, berichtete der israelische Rundfunk unter Berufung auf Regierungsmitarbeiter.

Zuvor hatte bereits Verteidigungsminister Ehud Barak gesagt, dass Israel wenig Interesse an einer Offensive habe und zuerst alle anderen Optionen ausschöpfen wolle. Andererseits drohte Barak der radikal-islamischen Palästinenserorganisation Hamas im Gaza-Streifen erneut damit, dass eine Bodenoffensive der israelischen Armee Realität werden könne.

Aus Sicht israelischer Militärkommentatoren fürchtet die Regierung im Falle eines Einmarsches unter anderem eine große Zahl von Opfern unter israelischen Soldaten und der palästinensischen Zivilbevölkerung.

Israel fliegt weiter Luftangriffe

Die israelische Luftwaffe flog heute nach Angaben einer Militärsprecherin sieben Luftangriffe im Gaza-Streifen. Nach palästinensischen Angaben wurde dabei ein Haus in Dschabalia im nördlichen Gaza-Streifen getroffen. Zwei Erwachsene und zwei Kinder seien verletzt worden. Nach den Worten der israelischen Militärsprecherin hat die Armee nicht die Absicht, Zivilisten Schaden zuzufügen. Aber militante Palästinenser würden die Raketen aus Wohngebieten heraus auf Israel abfeuern, sagte sie.

Seit Beginn der neuen Runde des Blutvergießens am Mittwoch haben militante Palästinenser israelische Grenzstädte mit mehr als 120 Raketen und Mörsergranaten beschossen. Eine der selbst gebauten Kassam-Raketen schlug heute in einem Haus in der Grenzstadt Sderot ein. Den Angaben zufolge wurde niemand verletzt.

Bei israelischen Luftangriffen und Kampfeinsätzen sind nach palästinensischen Angaben seit Mittwoch 34 Palästinenser im Gaza-Streifen und im Westjordanland getötet worden. Dazu gehörten auch acht Kinder sowie ein fünf Monate altes Baby.

Angesichts der andauernden Gewalt glauben einer Umfrage zufolge 69 Prozent aller Israelis nicht mehr an ein Friedensabkommen mit den Palästinensern. Wie die Tageszeitung "Jediot Achronot" weiter berichtete, sind drei von vier Befragten (78 Prozent) der Ansicht, dass die israelische Regierung die Gespräche nur aus rein politischen Erwägungen fortsetzt. Nur noch elf Prozent der Befragten halten Ministerpräsident Ehud Olmert für einen geeigneten Regierungschef.

Wegen der jüngsten Gewaltwelle hat Ägyptens Geheimdienstchef Omar Suleiman seinen geplanten Israel-Besuch verschoben. Suleiman will nach israelischen Medienberichten Bedingungen aushandeln, die zu einer Wiedereröffnung des seit Juni 2007 geschlossenen Grenzübergangs Rafah an der Grenze Ägyptens zum Gaza-Streifen führen könnten. Kämpfer der Hamas hatten die Grenze nach einer vollständigen Abriegelung des Gaza-Streifens durch Israel am 23. Januar gewaltsam geöffnet.

flo/ AFP/dpa/Reuters

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