Von Ulrike Putz, Beirut
Die Hamas hat den Ausnahmezustand für den Gaza-Streifen ausgerufen: Weil für das Wochenende mit "massiven Angriffen" israelischer Kampfjets gerechnet werden müsse, sollten die Menschen nach Möglichkeit zu Hause und in Deckung bleiben. Geschäfte sollen schließen, Autofahrten auf das Nötigste reduziert werden: Die Hamas fürchtet, dass der Kleinkrieg mit Israel, den sie selbst angezettelt hat, schon in den kommenden Tagen außer Kontrolle geraten könnte.
Zwei Jahre lang hatten sich die über den Gaza-Streifen herrschende Hamas und Israel im Wesentlichen an einen im Januar 2009 zum Ende des Gaza-Kriegs ausgerufenen Waffenstillstand gehalten. Um die Ruhe zu garantieren, hatte die Hamas auch Zwist mit den eigenen Verbündeten in Kauf genommen: Raketenkommandos des Islamischen Dschihad, die in Eigeninitiative gegen Israel schossen, wurden von der Hamas-Polizei festgenommen. Ihre Mitglieder sollen erbarmungslos gefoltert worden sein.
Die Kehrtwende am vergangenen Samstag kam um so überraschender. Hamas-Männer feuerten innerhalb nur 15 Minuten etwa 50 Mörsergeschosse auf Israel. Die Erklärung der Führung, man habe den Tod zweier von israelischen Soldaten getöteten Teenager rächen wollen, klang fadenscheinig. "Die Hamas reagiert üblicherweise nicht mit Dutzenden Geschossen auf den Tod zweier Männer", sagt Mkhaimar Abu Sada, Politologe an der unabhängigen Azhar-Universität im Gaza-Streifen.
In Wahrheit verbarg sich wohl eine andere Absicht hinter den Salven, die auf die Felder israelischer Kibbuzim niedergingen: So sollte vom innenpolitischen Druck abgelenkt werden, unter dem sich die Hamas zunehmend sieht. "Die Geschosse waren ein Köder. Sie sollten eine israelische Antwort heraufbeschwören, die die Menschen im Gaza-Streifen hinter der Hamas vereint und daran erinnert, wer der gemeinsame Feind ist: Israel", sagte der Politologe Abu Sada SPIEGEL ONLINE.
Denn die Hamas, Siegerin der palästinensischen Parlamentswahlen 2006, hat ihren Rückhalt in der Bevölkerung in weiten Teilen verloren. Das zeigte sich in den vergangenen Wochen mehrfach. Zur größten Kundgebung der Unzufriedenheit kam es am 15. März, rund 10.000 junge Palästinenser im Gaza-Streifen demonstrierten da nach dem Vorbild ihrer tunesischen, ägyptischen und libyschen Altersgenossen. Sie forderten die Aussöhnung der Palästinenser, die seit der blutigen Machtübernahme der Hamas im Sommer 2007 politisch wie geografisch gespalten sind.
Fatah und Hamas sollten ihren Streit begraben und eine Einheitsregierung bilden, forderten die Demonstranten: Ein nur leicht kaschierter Ruf nach einem Ende der Alleinherrschaft der Hamas über den Gaza-Streifen, den die Machthaber aber natürlich nicht dulden wollten. Sicherheitsleute trieben die Demonstranten brutal auseinander. Versuche von Studenten in den darauffolgenden Tagen, sich erneut zu versammeln, wurden von knüppelschwingender Einsatzpolizei zunichte gemacht. Gleichzeitig unternahm die Hamas Anstrengungen, westliche Journalisten von der Berichterstattung über die Unruhen in Gaza-Stadt abzuhalten. Mehrere Büros ausländischer Korrespondenten in dem Küstengebiet wurden durchsucht und verwüstet.
In dieser für die Islamisten schwierigen Situation unternahm deren gemäßigter Hamas-Präsident Ismail Hanija einen Vorstoß, dem Volk mit seinen Forderungen entgegenzukommen. Er lud Fatah-Chef Mahmud Abbas ein, zu Versöhnungsgesprächen in den Gaza-Streifen zu kommen. Abbas sagte prompt zu, doch die Hardliner der Hamas rebellierten. "Sie träumen davon, in Gaza ihr eigenes kleines islamisches Emirat zu regieren und den politischen Islam als Erfolgsrezept für die Region zu verkaufen", sagt Abu Sada.
Eine Koalition mit der Fatah komme für den radikalen Flügel der Hamas deshalb nicht in Frage. Die Militanten setzten sich im internen Streit über das weitere Vorgehen durch und schickten die Raketenkommandos los: "Der Beschuss Israels sollte Scharmützel an der Grenze auslösen, die wiederum sollten den Besuch von Abbas und die Aussöhnung verhindern", erklärt Abu Sada.
Israel antwortete auf die Provokation und schlug mit begrenzten Kampfjet-Attacken zurück. Die jugendlichen Demonstranten im Gaza-Streifen reagierten, wie sie - nach dem Kalkül der Hamas - reagieren sollten: Sie sagten bis Ende des Monats alle Protestaktionen ab, um angesichts der israelischen Angriffe den Zusammenhalt in Gaza nicht zu gefährden. Soweit lief alles nach Plan für die Hamas. Doch dann schaltete sich der Islamische Dschihad in den Schlagabtausch ein.
Er ist der Ansicht, dass im Kampf gegen Israel einzig der bewaffnete Widerstand legitim ist. Politische Verhandlungen mit dem Feind werden abgelehnt. Doch nachdem die Hamas selbst den bislang von ihr durchgesetzten Waffenstillstand gebrochen hatte, legten die Militanten jede Zurückhaltung ab. Wo sich die Hamas-Männer auf Mörser beschränkt hatten, feuerten sie "Grad"-Raketen mit großer Reichweite auf Israel.
Das Ergebnis: Der von der Hamas kalkulierte Konflikt lief aus dem Ruder, denn Israels Angriffe wurden aggressiver. Zehn Menschen - alles Palästinenser - kamen beim Schlagabtausch im und am Gaza-Streifen bislang ums Leben. Ob der Bombenanschlag in Jerusalem, bei dem am Mittwoch eine Touristin getötet wurde, mit der Eskalation in Zusammenhang steht, ist unbewiesen, aber wahrscheinlich. Quellen im Gaza-Streifen berichten, dass auch das Attentat auf das Konto des Islamischen Dschihad gehe.
Am Donnerstagabend detonierte ein Geschoss nach Angaben des israelischen Rettungsdienstes nur 20 Kilometer vor der Metropole Tel Aviv, 45 Kilometer vom Gaza-Streifen entfernt. Andere Geschosse trafen die Hafenstadt Aschdod. Israelische Kampfjets flogen kurz darauf erneut Vergeltungsangriffe. Auch an diesem Samstag wurde Israel mit Raketen aus dem Gaza-Streifen beschossen, ein Haus wurde beschädigt. Opfer gab es nicht.
Die Hamas und Israel bemühen sich nun, die Lage wieder in den Griff zu bekommen. Israels Premierminister Benjamin Netanjahu kündigte an, sein Land werde "verantwortungsbewusst und klug agieren", um die Ruhe und Sicherheit beizubehalten, die zwei Jahre lang entlang der Grenze zum Gaza-Streifen geherrscht hat. Ein Hamas-Sprecher sagte, seine Organisation versuche, den jüngsten Anstieg der Gewalt zu stoppen und Stabilität zu garantieren.
Weder Israel noch die Hamas haben derzeit Interesse an einer Neuauflage des Gaza-Kriegs von 2009. Denn beide glauben, vom derzeitigen Status quo profitieren zu können.
Die Hamas geht davon aus, dass sie langfristig von den Umbrüchen im benachbarten Ägypten profitieren wird. Denn die anstehenden Wahlen dürften der dortigen Muslimbruderschaft - aus der die Hamas hervorgegangen ist - Macht und Einfluss sichern. Die Hamas hofft, dass eine von den Muslimbrüdern beeinflusste ägyptische Regierung die Grenzen zum Gaza-Streifen öffnen und so die Abhängigkeit des Küstenstreifens von Israel beenden wird. Das würde die Arbeitsbedingungen der Menschen sehr verbessern.
Jerusalem wiederum kommt die Spaltung der Palästinenser entgegen: So lange sich deren Fraktionen im Westjordanland und am Mittelmeer untereinander bekriegen, stehen sie nicht als geschlossene Front gegen Israel. Eine Versöhnung beider Parteien würde die Hamas, die das Existenzrecht Israels nicht anerkennt, zudem international aufwerten. Israel will das um jeden Preis verhindern. So lange sich die Radikalislamisten an den Waffenstillstand halten, ist ein von der Hamas regierter Gaza-Streifen für Israel "machbar", heißt es aus Sicherheitskreisen in Israel. Der Status quo sei einer unberechenbaren Einheitsregierung mit Hamas-Beteiligung vorzuziehen.
HilfeLassen Sie sich mit kostenlosen Diensten auf dem Laufenden halten:
| alles aus der Rubrik Politik | Twitter | RSS |
| alles aus der Rubrik Ausland | RSS |
| alles zum Thema Hamas | RSS |
© SPIEGEL ONLINE 2011
Alle Rechte vorbehalten
Vervielfältigung nur mit Genehmigung der SPIEGELnet GmbH