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Nahost: Kriegsparteien stimmen für Waffenruhe - und kämpfen weiter

Ab morgen, 7 Uhr, sollen im Nahen Osten die Waffen schweigen, auch Israels Kabinett hat der Resolution des Sicherheitsrats zugestimmt. Noch sind 30.000 israelische Soldaten in wütende Kämpfe mit der Hisbollah im Libanon verstrickt– sie sollen einer Uno-Friedenstruppe den Boden bereiten.

Jerusalem – Die Entscheidung des israelischen Kabinetts fiel eindeutig aus: Ohne Gegenstimme votierten 24 Kabinettsmitglieder nach mehrstündigen Beratungen für die Uno-Resolution 1701. Nur der frühere Verteidigungsminister Schaul Mofas habe sich der Stimme enthalten, hieß es in Regierungskreisen.

"Die libanesische Regierung ist unser Ansprechpartner, sollte es zu Problemen oder Verstößen gegen die Entschließung kommen", sagte Israels Ministerpräsident Ehud Olmert im Militärrundfunk. Die schiitische Hisbollah-Miliz werde nicht länger als Staat im Staate existieren, sagte er nach Angaben aus Teilnehmerkreisen im Kabinett.

Israels Außenministerin Zipi Livni sprach sich in einer Pressekonferenz für ein "robustes Mandat" der internationalen Schutztruppe aus. Es reiche Israel nicht, die Worte in der Uno-Resolution zu lesen - die Ergebnisse müssten sichtbar werden. Der Nahost-Krieg habe die "Spielregeln" zwischen der Hisbollah und Israel verändert, so die Ministerin. Ihr Land bestehe weiterhin darauf, dass die von der Hisbollah verschleppten zwei israelischen Soldaten bedingungslos freigelassen würden.

Die Zustimmung durch die israelische Ministerrunde war erwartet worden, es hatte bereits vor den Beratungen entsprechende Äußerungen von Regierungsmitgliedern gegeben.

Bereits gestern hatte die libanesische Regierung der Resolution zugestimmt. Die Vorlage sei "trotz einiger Vorbehalte" einmütig gebilligt worden, sagte der libanesische Informationsminister Ghasi Aridi gestern in Beirut. Insbesondere stimmten auch die zwei der Hisbollah zugehörigen Minister im Kabinett für die Waffenruhe.

Auch die radikal-islamische Hisbollah-Miliz, die seit Mitte vergangenen Monats Raketen auf Nordisrael abfeuert und von Israels Armee bekämpft wird, hatte gestern signalisiert, sich an die Waffenruhe halten zu wollen. Hisbollah-Chef Hassan Nasrallah betonte aber zugleich im parteieigenen TV-Sender al-Manar, dass seine Organisation weiterkämpfen werde, solange Israel libanesisches Territorium besetzt halte.

Im Nahen Osten herrscht weiterhin Krieg: Nur wenige Stunden vor der geplanten Waffenruhe bombardierten die israelischen Streitkräfte heute südliche Vororte der libanesischen Hauptstadt Beirut. Aus den Vororten wurden mindestens zwanzig Angriffe gemeldet, berichtete die libanesische Polizei. Der US-Nachrichtensender CNN sprach von 18 Luftschlägen. Über Beirut stiegen schwarze Rauchwolken auf, es waren schwere Explosionen zu hören.

Auch die südlibanesische Stadt Tyrus geriet wieder unter Beschuss. Fünf Tankstellen gingen dort in Flammen auf. Über der Stadt standen große schwarze Rauchwolken von dem brennenden Treibstoff. Auch das größte palästinensische Flüchtlingslager bei Sidon wurde angegriffen.

Auch die Hisbollah verstärkte ihren Raketenbeschuss auf Nordisrael. 160 Geschosse gingen heute nieder. In der Ortschaft Schlomi wurde ein 60-Jähriger getötet, dessen Haus direkt von einer Katjuscha-Rakete getroffen wurde. Neun weitere Israelis erlitten Verletzungen. Seit Beginn der kriegerischen Auseinandersetzungen am 12. Juli kamen fast 1000 Libanesen sowie 108 israelische Soldaten und 41 israelische Zivilisten ums Leben.

Israels Verteidigungsminister Amir Perez rechtfertigte heute die trotz Verabschiedung der Uno-Resolution andauernde Offensive im Südlibanon. Israel setze alles daran, das Vorrücken seiner Armee zu stoppen, sagte Perez im öffentlichen Rundfunk. Die Truppen würden aber so eingesetzt, dass sie sich so gut wie möglich verteidigen könnten. Zudem solle mit der jüngsten Militäroffensive dem "Ersatz der israelischen Armee" durch eine internationale Friedenstruppe der Boden bereitet werden, betonte Perez.

An der gestern eingeleiteten großen Bodenoffensive sind rund 30.000 israelische Soldaten beteiligt, Israel will damit die Kontrolle über den Südlibanon bis zum Fluss Litani übernehmen. Ministerpräsident Olmert hatte die Angriffsoperation in der vergangenen Nacht angeordnet. Hubschrauber setzten unmittelbar darauf Fallschirmjäger tief im Inneren des Südlibanon ab, auch direkt am Litani-Fluss. Die Tageszeitung "Haaretz" sprach von der größten Luftlandeoperation der israelischen Streitkräfte seit 1973. Ihr Ziel sei es, die "Grundlage für ein reibungsloseres Einrücken der internationalen Streitkräfte in den Südlibanon zu schaffen", erklärte der israelische Tourismusminister Isaak Herzog vor der Kabinettssitzung heute.

Israels Armee erlitt gestern die schwersten Verluste seit Beginn der Feindseligkeiten vor einem Monat: Bei heftigen Kämpfen mit Hisbollah-Aktivisten wurden 24 Soldaten getötet.

hen/AP/dpa/Reuters

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Krieg im Libanon: Zerstörung vor der Waffenruhe

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