Nahost-Krise Die Zweifronten-Zwickmühle

In Nahost stehen alle Zeichen auf Eskalation: Israel hat die Entführung zweier Soldaten durch die Hisbollah als Kriegserklärung des libanesischen Staates gewertet und Verhandlungen ausgeschlossen.

Von Yassin Musharbash


Berlin - Dramatische Zuspitzung im Nahostkonflikt: Am Mittwochmorgen um 9.05 Uhr israelischer Zeit haben Kämpfer der radikalislamischen Hisbollah-Miliz einen Militärkonvoi der Israelis überfallen und zwei Soldaten als Geiseln genommen. Mit einer blitzschnellen Verfolgung hofften die Generale die Entführer noch vor Erreichen ihres safe houses stoppen zu können - vergebens.

Nur wenige Stunden nach dem Kidnapping verkündete die israelische Regierung von Ehud Olmert: Die Verschleppung sei "ein Kriegsakt des Staates Libanon gegen den Staat Israel auf dessen souveränem Territorium". Am Abend werde das Kabinett weitere militärische Maßnahmen beraten. Die Devise aber sei klar: "Sehr, sehr, sehr schmerzhaft" werde die Reaktion Israels ausfallen.

Seit dem späten Vormittag operieren israelische Soldaten aller drei Waffengattungen auf libanesischem Gebiet. Kampfjets der Luftwaffe überfliegen die Hauptstadt Beirut, Kanonenboote beschießen Brücken im Süden des Libanon, israelische Panzer überqueren die per Zaun geschützte Grenze zwischen den beiden Ländern.. Auf beiden Seiten soll es bereits Tote gegeben haben: Zwei libanesische Zivilisten und nach Angaben der israelischen Armee sieben tote israelische Soldaten. Schon sieht es aus, als habe ein neuer Krieg im Nahen Osten begonnen.

Die israelisch-libanesische Krise kommt zu einem Zeitpunkt, da die Lage im Nahe Osten extrem angespannt ist: Seit mehr als zwei Wochen halten militante Palästinenser, unter anderem von der Hamas, im Gaza-Streifen einen israelischen Soldaten gefangen. Auch hier lehnt Olmert Verhandlungen ab; stattdessen lässt er seine Armee den Streifen täglich unter Granatbeschuss nehmen. Heute starben auch dort Menschen, als die israelische Armee versuchte, einen Terrorführer zu liquidieren: Palästinensischen Angaben zufolge 19 Menschen, darunter Zivilisten und Kinder.

Bellizistische Töne aus Tel Aviv

Ob es einen Zusammenhang zwischen den beiden Geiselnahmen gibt, ist unklar. In Damaskus und Beirut wird von einigen Experten vermutet, die Hisbollah habe die internationale Aufmerksamkeit, die gerade auf die Region gerichtet ist, für sich nutzen wollen. Heute ließ die Miliz, die für zahllose Sprengstoff- und Selbstmordanschläge sowie Granatenangriffe und Entführungen verantwortlich ist, durchsickern, dass sie ihre Geiseln gegen libanesische Gefangene in Israel austauschen wolle. In der Tat sitzen dort Gefangene zum Teil seit Jahrzehnten ohne Anklage in Haft.

Es sei denkbar, sagt der Leiter der Berliner Stiftung Wissenschaft und Politik (SWP), Volker Perthes, dass die Hisbollah damit auf einen Widerspruch der israelischen Politik hinweisen will: Während Israel einen Austausch von Gefangenen mit der Hamas ablehnt, hat sie in ähnlichen Fällen mit der Hisbollah verhandelt. Zuletzt war dies 2004 der Fall, als Israel für einen Geschäftsmann und die Leichen dreier Soldaten 436 arabische Häftlinge entließ. Deutschlands Nachrichtendienst war damals bei der Vermittlung behilflich. 1985 ließ Israel gar 1150 Libanesen im Tausch für drei Soldaten laufen.

Möglicherweise hat Israel aber diesmal keinen Spielraum: In der derzeitigen Situation kann das Land kaum mit der Hisbollah verhandeln, ohne seine Position in Gaza zu schwächen. Diese Zwickmühle könnte die harschen Worte Olmerts Richtung Beirut erklären. Der ist überdies der erste israelische Premier, der kein Kriegsheld ist - und darum umso bedachter, ein kämpferisches Image zu pflegen.

Ebenso eine Rolle spielt, dass die Hisbollah im Libanon anerkannter Bestandteil des politischen Raumes ist: Seit sie 1985 ein politisches Programm vorstellte, gilt sie dort vornehmlich als Partei. Bei der Wahl 2005 errang sie 14 Mandate, sie stellt sogar zwei Minister in der aktuellen Regierung. Wohl aus diesem Grund erklärte Olmert, die libanesische Regierung trage die volle Verantwortung für die Freilassung der Geiseln.

Nicht endender Alptraum

Das ohnehin nicht freundschaftliche Verhältnis Beiruts zu Tel Aviv war vor einem Monat weiter beschädigt worden: Die libanesische Regierung warf Israel vor, einen Mossad-Killer eingeschleust zu haben, der Islamistenführer im Libanon liquidiere. Die 2005 gewählte libanesische Regierung ist die erste, die nicht mehr komplett von Syrien abhängig ist. Unter besseren Umständen hätte hier Spielraum für eine friedliche Konfliktbeilegung entstehen können.

Die Hisbollah ist seit ihrer Gründung 1982 einer der nicht enden wollenden Alpträume Israels. Sie entstand mit der Unterstützung Irans und der Deckung Syriens. Ihr Auftrag: Die israelische Besatzung des Südlibanon mit allen Mitteln zu bekämpfen. Weil Geld und Waffen (durch die Rückendeckung der großen Brüder in Damaskus und Teheran) nie knapp waren, blieb die Hisbollah stets schlagkräftig. Als Israel im Mai 2000 schließlich den Südlibanon räumte, schrieb sich die Islamistentruppe dies als Erfolg gut. Spätestens seither gilt sie auch in den Palästinensergebieten als Vorbild. Sie ist die einzige Bewegung, wird oft gesagt, die Israel schlug. Nach Uno-Resolutionen müsste sie längst entwaffnet sein; ihre über tausend Kämpfer werden aber nicht behelligt.

Zwickmühle an zwei Fronten

Nun stehen wieder einmal alle Zeichen auf Sturm in Nahost. Auch Syrien spielt mit dem Feuer: Israel habe die Angriffe der Hisbollah verdient, sagte Vizepräsident Faruq al-Schara. Volker Perthes von der SWP vermutet, dass die Hisbollah-Aktion nicht vollkommen ohne Kenntnis Syriens zustande kam - und dass Damaskus damit eine Botschaft an Israel gesandt hat: "Es ist ein Zeichen, dass Israel nicht in Ruhe und Frieden wird leben können, solange das Problem der Schebaa-Farmen und des Golans nicht gelöst ist." Die 14 Bauernhöfe und das Golan-Gebirge sind 1967 von Israel besetzt worden. Vor einer Rückgabe der Bergkette will Syrien Israel nicht anerkennen.

Die israelische Zeitung "Haaretz" berichtet im Internet unter Berufung auf Indiskretionen aus dem Verteidigungsministerium bereits, dass auch Israel ordentlich mit den Säbeln rasselt: Die Armee plane eine Invasion "tief in den Libanon". Historisch gingen solche Abenteuer der israelischen Armee jedoch immer schief.

Aktuell würden wohl schon ein oder zwei verlustreiche Gegenanschläge der Hisbollah auf libanesischem Boden ausreichen, um die Eskalation noch weiter zu treiben. Möglicherweise gar bis zu einem regelrechten Krieg, wie ihn rechte Parlamentsabgeordnete in Israel bereits fordern. SWP-Exerte Perthes glaubt zwar, dass Israels Armee sich auf den Süden Libanons konzentrieren wird, hält die Lage insgesamt jedoch für "ausgesprochen gefährlich".

Die Hisbollah-Entführung von heute Morgen hat die Gaza-Krise um mehrere Potenzen verschärft; Israel steht nun einem Zwei-Fronten-Konflikt gegenüber. Aus Gründen der Abschreckung kann sich das Land nicht leisten, nachzugeben. Um eine militärische Eskalation zu verhindern, wäre genau das allerdings wohl notwendig.

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