Nahost-Krise Israel plant unbewohnte Pufferzone im Libanon

Israel will seine Offensive im Libanon so lange fortsetzen, bis die radikalislamische Hisbollah keine Bedrohung mehr darstellt. Das kündigte der israelische Ministerpräsident Olmert am Abend im Parlament an. Die Luftwaffe will mindestens noch zwei Wochen weiterbomben.


Premier Ehud Olmert verspricht der Nation keinen Rosengarten, sondern stachelige Zeiten im Kampf gegen Terrororganisationen. Israel, so Olmert in einer Rede an die Nation, habe weder die Konfrontationen im Süden noch im Norden gesucht. Das Land kämpfe nicht gegen den Libanon oder gegen die Palästinenser, sondern gegen die Terrororganisationen Hamas und Hisbollah. Sowohl Hamas als auch Hisbollah hätten sich geirrt: Der Wunsch Israels nach Frieden sei kein Zeichen der Schwäche. Israel sei nicht bereit, im Schatten drohender Raketen zu leben. Sein Land werde es verstehen, sich zu verteidigen, auch wenn die Zivilbevölkerung dafür einen Preis bezahlen müsse. Israel werde für seine Freiheit und für sein Recht auf ein normales Leben kämpfen, so Olmert.

Während europäische und arabische Politiker um Deeskalation bemüht sind und an einem Waffenstillstand arbeiten, fordern israelische Militärkreise weitere zwei Wochen für Angriffe auf Hisbollahziele im Libanon. So viel Zeit benötige die Luftwaffe, um die Raketen der Schiitenmilizen auszuschalten. Seit dem Beginn der Operation sei erst ein Viertel des Militärpotentials der Hisbollah vernichtet worden. "Der Himmel über dem Libanon ist so voll, dass wir nicht alles ausführen können,", meinte ein Pilot der israelischen Luftwaffe in einem Rundfunkinterview, und Generalstabschef Dan Halutz sagt: "Wir sind ja erst seit 100 Stunden aktiv". Auf der Liste der zu zerstörenden Objekte figurieren neben den Katjuschas insbesondere die Mittelstreckenraketen der Hisbollah, welche Tel Aviv im Zentrum Israels erreichen könnten.

Laut Verteidigungsminister Amir Peretz strebt Israel ein weiteres Ziel an: Sie will auf libanesischem Territorium eine unbewohnte Pufferzone einrichten, um damit eine Rückkehr der Hisbollahmilizen an die Grenze zu verhindern. Man dürfe, so Peretz, die Angriffe nicht einstellen, bevor eine "neue Realität" und neue Spielregeln in der Region gelten.

Die Regierung kann sich auf die Unterstützung durch die Bevölkerung verlassen. Die öffentliche Meinung befürwortet den Militäreinsatz gegen die Hisbollah fast einhellig. Im Massenblatt "Jediot Achronot" wird zum Beispiel betont, dass Israel erstmals seit Jahren seine "echte Grenze" verteidige. Es gehe nicht um Landraub, um Besiedlung oder um Eroberung, sondern um die Respektierung der internationalen Grenze. Dafür sei jeder Bürger bereit, zu kämpfen. Hisbollahmilizen hatten am vergangenen Mittwoch auf israelischem Gebiet eine Patrouille angegriffen und zwei Soldaten entführt.

Den Schiitenmilizen eine Lektion erteilen

Immer wieder sprechen Politiker und Offiziere von "Abschreckung": In den vergangenen Jahren habe Israel auf Angriffe der Hisbollah oft ungenügend scharf geantwortet. Dadurch sei bei Hisbollahchef Hassan Nasrallah der Eindruck entstanden, dass er sich gegenüber Israel alles erlauben könne. Jetzt müsse den Schiitenmilizen eine Lektion erteilt werden, lautet der Tenor in Israel. Auch die libanesische Regierung habe endlich zu begreifen, dass die libanesische Armee – und nicht die Hisbollah – an der Grenze zu Israel stationiert sein müsse.

Trotz der massiven israelischen Attacken hat die Kampfbereitschaft der Hisbollah nicht nachgelassen. Gerechnet wird jetzt mit einem Angriff auf Tel Aviv, dessen Bewohner bereits zur "Wachsamkeit" aufgefordert worden sind. Die Polizei bereitet sich im Zentrum des Landes bereits auf "Angriffe durch Terroristen" vor.

Einen Vorgeschmack, wie die Metropole aussehen könnte, bietet der Norden Israels. Dort sind in den vergangenen Tagen mehr als 1000 Katjuschas niedergegangen. Die Region wirkt wie ausgestorben, auch Haifa, die drittgrößte Stadt des Landes, die heute erneut Katjuscharaketen sah, welche ein Haus zerstörten. Die Bewohner, die das Krisengebiet nicht verlassen haben, sind seit Mittwoch zum Aufenthalt in Schutzräumen verdammt. Viele Geschäfte bleiben geschlossen. Im Norden herrscht Ausnahmezustand. An der Universität Haifa schrieben zum Beispiel Studenten ihre Abschlussarbeit im unterirdischen Luftschutzbunker. Familien im Zentrum des Landes laden ihre Mitbürger aus dem Norden zu sich nach Hause ein. Wie lange die Ruhe in und um Tel Aviv anhält, weiß allerdings niemand.

Denn neben der Bedrohung durch Raketen der Hisbollah tut sich eine alt-neue Front auf: Attentate. Bewohner der Westbank wollen aus Solidarität mit den Libanesen ihren Teil zum Kampf gegen Israel beitragen. Heute war in Jerusalem ein Palästinenser mit einer Bombe unterwegs. Er konnte in letzter Minute gefasst werden.

Pierre Heumann ist Nahostkorrespondent der Schweizer "Weltwoche"



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