Nahost-Krise Israel verhindert Abschuss von Langstreckenrakete

Das israelische Militär hat nach eigenen Angaben eine iranische Langstreckenrakete auf libanesischem Boden zerstört. Das Geschoss hätte Tel Aviv erreichen können, erklärte die Armee.


Jerusalem - Libanesische Rebellen hätten einen Abschuss der in Iran gefertigten Rakete vorbereitet, sagte ein israelischer General. Ein israelischer Treffer habe den Raketenwerfer so weit beschädigt, dass der Flugkörper zu Boden ging anstatt mit einer Reichweite von bis zu 200 Kilometern nach Israel zu fliegen. Die dem Einschlag folgende Explosion habe möglicherweise zu Berichten über den angeblichen Abschuss eines israelischen Flugzeugs über Beirut geführt.

In der Nacht feuerte die Hisbollah erneut mindestens zwei Dutzend Raketen auf Nord-Israel, mindestens eine schlug in Haifa ein. Nach israelischen Militärangaben landeten Geschosse in insgesamt 17 Kibbuzim und Ortschaften. In der Stadt Safed wurde ersten Berichten zufolge ein Krankenhaus getroffen, fünf Menschen seien verletzt.

Der israelische Ministerpräsident Ehud Olmert hatte zuvor eine Fortsetzung der Kampfhandlungen im Libanon angekündigt. Israel werde nicht ruhen, bis die radikal-islamische Hisbollah-Bewegung keine Bedrohung mehr für sein Land darstelle, sagte Olmert in der israelischen Knesset. Israel vollziehe mit der am vergangenen Mittwoch begonnenen Militäroperation "Gerechter Preis" einen "Akt der Selbstverteidigung in seiner wesentlichsten Natur". Es werde "niemals sein Einverständnis dazu geben, im Schatten der auf seine Bürger gerichteten Raketen zu leben". Wegen der Militäroffensive beruft Israel nun mehrere tausend Reservisten ein. Sie sollen im Westjordanland eingesetzt werden, wie am Montagabend aus Militärkreisen verlautete. Die bislang dort stationierten Soldaten werden an die libanesische Grenze verlegt.

Als Bedingung für eine Waffenruhe fordert Jerusalem die Übergabe der von der Hisbollah entführten Soldaten. Außerdem solle sich die Miliz aus dem Südlibanon zurückziehen, erklärte ein ranghoher Regierungsvertreter. Der israelische Armeerundfunk berichtete, Israel plane die Einrichtung einer Schutzzone im Süden des Libanon. Ein ein Kilometer breiter Streifen solle verhindern, dass sich Hisbollah-Kämpfer der Grenze nähern könnten.

Bei Angriffen der israelischen Armee im Libanon wurden am Montag Dutzende Menschen getötet. Kampfflugzeuge griffen Küstenstädte im Norden und Süden des Landes sowie die Hauptstadt Beirut und Ortschaften im Osten an. Bei einem Angriff auf zwei Militärstützpunkte im Norden wurden mindestens sechs libanesische Soldaten getötet. Im Osten des Landes griff die israelische Armee die Häuser von Hisbollah-Vertretern an. Dabei starben elf Menschen. Sieben Menschen kamen bei Angriffen südlich der Hauptstadt Beirut ums Leben. Zwölf Zivilisten wurden Sanitätern zufolge getötet als ein Kleinbus von Raketen beschossen wurde. Im libanesischen Fernsehen waren brennende Trümmer in Beirut zu sehen. Sicherheitskreisen zufolge wurden zivile Einrichtungen wie Tankstellen und Fabriken getroffen.

Kämpfer der Hisbollah feuerten ihrerseits binnen 24 Stunden mehr als 100 Raketen auf Israel ab. Dabei wurde erneut die Hafenstadt Haifa getroffen. Ein dreistöckiges Gebäude stürzte ein. Sanitätern zufolge wurden zwei Menschen verletzt. Der Hafen der 250.000 Einwohner zählenden israelische Stadt wurde dem Verkehrsministerium zufolge geschlossen. Am Sonntag waren durch Raketenbeschuss acht Menschen getötet wurden.

Die von Syrien und Iran unterstützte Hisbollah verlangt von Israel die Freilassung eigener Kämpfer und inhaftierter Palästinenser. Israel, das die Militäraktion nach der Verschleppung von zwei ihrer Soldaten durch die Hisbollah Mitte vergangener Woche begonnen hatte, fordert die Entwaffnung der Miliz gemäß der Resolutionen des Uno-Sicherheitsrats.

400 Deutsche aus dem Libanon evakuiert

Deutschland und andere Länder haben angesichts der israelischen Luftangriffe in großem Umfang die Ausreise ihrer Bürger aus dem Libanon angeschoben. Tausende Ausländer sind bereits aus Beirut geflohen. Bundesaußenminister Frank-Walter Steinmeier erklärte in der ARD, am Montagabend seien 400 Deutsche evakuiert worden. Es sei gelungen, die deutschen Staatsbürger in mehreren Konvois mit Bussen über die Grenze nach Syrien zu bringen. Von der Hauptstadt Damaskus sollten sie die Weiterreise nach Deutschland antreten. Für 60 Menschen sei Platz auf einem französischen Schiff bereitgestellt worden, das nach Zypern auslaufen solle. Der SPD-Politiker kündigte an, dass in den nächsten Tagen Ausreisekapazitäten für weitere 800 Menschen geschaffen werde, damit alle deutschen Staatsangehörigen ausreisen könnten, die dies wünschten. Insgesamt leben bis zu 2000 Deutsche im Libanon. Steinmeier warnte die Nahost-Konfliktparteien vor einer Ausweitung der Krise zu einem Flächenbrand.

Frankreich, Italien und die USA entsandten Schiffe in Richtung Libanon, auf denen ihre Bürger außer Landes gebracht werden sollten.

Uno-Generalsekretär Kofi Annan sagte, Mitglieder des Sicherheitsrats arbeiteten an einem Plan zur Entsendung einer multinationalen Sicherheitstruppe in den Südlibanon. Israel lehnt das Vorhaben zum jetzigen Zeitpunkt ab. Es wolle auf jeden Fall sicherstellen, dass sich die Hisbollah nicht an seiner Nordgrenze etabliere, sagte Regierungssprecherin Miri Eisin. Wie bereits die Teilnehmer des G-8-Treffens in St. Petersburg forderte auch die EU die Konfliktparteien zu einem Ende der Gewalt auf. Eine sofortige Waffenruhe verlangte die EU jedoch nicht. Frankreichs Präsident Jacques Chirac bezeichnete Israels Offensive als abnormal und forderte Verhandlungen über eine Feuerpause.

Bei den schwersten Gefechten seit der israelischen Invasion 1982 wurden im Libanon bislang rund 200 Menschen getötet. In Israel kamen 24 Menschen ums Leben.

agö/ler/AP/Reuters/dpa

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