Nahost-Krise Israel will Lebensadern des Libanon kappen

Mit einer Seeblockade will Israel die libanesische Regierung zwingen, gegen die schiitische Hisbollah-Miliz vorzugehen. In der Nacht bombardierte die Luftwaffe den Flughafen. Frankreich und Russland kritisierten die "Kriegshandlungen". US-Präsident Bush dagegen betonte Israels Recht auf Selbstverteidigung.


Jerusalem/Beirut - Die israelische Regierung beschloss heute auf einer Dringlichkeitssitzung die Seeblockade gegen libanesische Häfen sowie die Ausweitung der Angriffe auf Ziele in dem Land. Israels Landwirtschaftsminister Schalom Simtschon erklärte im Rundfunk, sein Land wolle die Spielregeln im Libanon ändern. Die Regierung in Beirut müsse einsehen, dass sie für das verantwortlich sei, was im Libanon geschehe. Die Offensive sei auf unbestimmte Zeit angelegt.

Ziel Israels sei es, die schiitische Miliz Hisbollah dauerhaft aus dem Südlibanon zu vertreiben und ihr eine Rückkehr in das Grenzgebiet zu Israel zu verwehren. Der israelische Verteidigungsminister Amir Perez erklärte, Israel werde es nicht zulassen, dass die Hisbollah in ihre Stützpunkte zurückkehre. Die libanesische Regierung müsse Truppen an der Grenze stationieren, forderte Perez. Ein hochrangiger israelischer Offizier stellte klar, bei der Offensive handele es sich nicht um "eine Angelegenheit von Tagen", sondern sie sei länger geplant.

Die israelische Luftwaffe flog heute ihre schwersten Angriffe auf Ziele im Libanon seit der Invasion von 1982. Dabei wurde auch der internationale Flughafen von Beirut bombardiert und der Fernsehsender Al Manar der Hisbollah-Miliz angegriffen.

Am Flughafen von Beirut schlugen mindestens zwei israelische Geschosse in eine der drei Start- und Landebahnen ein, wie Mitarbeiter berichteten. Der Betrieb wurde daraufhin eingestellt. Das wichtigste Terminal wurde offenbar nicht getroffen, der Flughafen wurde jedoch geschlossen. Zwei Flüge mit Kurs auf die libanesische Hauptstadt wurden nach Larnaka auf Zypern umgeleitet. Die israelischen Streitkräfte erklärten, der Flughafen sei ein zentraler Umschlagplatz der Hisbollah für Waffen. Er liegt nahe der südlichen Vororte von Beirut, die eine Hochburg der Hisbollah sind.

Die israelische Armee rief die libanesischen Behörden Medienberichten zufolge auf, einen Stadtteil im Süden Beiruts zu evakuieren. Alle Zivilisten sollten das Gebiet verlassen, berichtete die Internetseite Maariv NRG unter Berufung auf einen Armeevertreter. In dem Viertel lebe der Chef der radikal-muslimischen Hisbollah, Sajjed Hassan Nasrallah. Außerdem befänden sich dort das Hauptquartier und Waffendepots der Organisation. Einen ähnlichen Bericht strahlte der israelische Rundfunk aus.

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Schiitische Milizionäre feuerten unterdessen weitere Katjuscha-Raketen auf Israel ab. Einige davon schlugen mehr als 20 Kilometer südlich der Grenze ein, wie die Streitkräfte bestätigten. Nach Angaben von Sanitätern wurde eine Frau getötet, fünf weitere Personen wurden verletzt. Eine Rakete der Hisbollah-Miliz sei am Morgen in das Wohnhaus der Frau in Naharija eingeschlagen, hieß es. Darüber hinaus wurden nach Angaben der Streitkräfte ein Luftwaffenstützpunkt und ein Kibbuz getroffen.

Hisbollah droht mit Angriff auf Haifa

Später drohte ein Sprecher der Hisbollah mit einem Raketenangriff auf die israelische Stadt Haifa, die 30 Kilometer südlich der Grenze liegt. Es ist jedoch nicht klar, ob die Waffen der radikal-muslimischen Organisation überhaupt soweit reichen.

US-Präsident George W. Bush erklärte bei seinem Besuch in Deutschland nach einem Gespräch mit Bundeskanzlerin Angela Merkel, Israel habe das Recht, sich selbst zu verteidigen. Er warnte jedoch davor, die libanesische Regierung zu schwächen. Bush betonte, dass in erster Linie "Terroristen" für die Eskalation der Gewalt im Nahen Osten verantwortlich seien. "Meine Haltung ist: Es gibt eine Gruppe von Terroristen, die den Friedensprozess stoppen will", sagte Bush.

Russland verurteilte die israelischen Angriffe und forderte zugleich die Hisbollah auf, die beiden verschleppten israelischen Soldaten freizulassen. "Die fortdauernde Zerstörung ziviler Infrastruktur im Libanon und den Palästinenser-Gebieten durch Israel ist weder zu verstehen noch zu rechtfertigen", sagte der Sprecher des russischen Außenministeriums, Michail Kamynin.

Ausdrücklich verurteilte die russische Führung den Beschuss des Flughafens von Beirut. "Das ist ein gefährlicher Schritt auf dem Weg zu einer militärischen Eskalation." Der Konflikt dürfe sich unter keinen Umständen auf die gesamte Region ausweiten.

Kritik an Israel übte auch Frankreich. Die israelischen Angriffe auf den Libanon seien eine "unverhältnismäßige Kriegshandlung". Die Lage im Nahen Osten wurde als "äußerst besorgniserregend" eingestuft. "Natürlich verurteilen wir diese unverhältnismäßige Kriegshandlung", sagte Außenminister Philippe Douste-Blazy im Radiosender Europe 1. Frankreich unterstütze die libanesische Forderung nach einer Dringlichkeitssitzung des Sicherheitsrates. Verteidigungsministerin Michèle Alliot-Marie erklärte, die "äußerst besorgniserregende" Lage dürfe "aus regionalen und globalen Gründen nicht andauern".

Durch die israelische Bombardierung des Flughafens von Beirut sei jeder, der in den Libanon wolle, gezwungen, über das Meer oder über Syrien zu reisen, sagte Douste-Blazy. "Das ist anormal." Zudem drohe der Libanon "in die schlimmsten Kriegsjahre zurückzufallen". Tausende Libanesen würden nun fliehen wollen, während sie doch dabei gewesen seien, ihr Land wieder aufzubauen. Douste-Blazy warnte vor einer "sehr gefährlichen Spirale der Gewalt, welche die ganze Region destabilisieren kann". Der Sicherheitsrat solle umgehend darüber beraten; die Unversehrtheit des libanesischen Territoriums müsse gewährleistet bleiben.

Die USA bekräftigten dagegen das Recht Israels auf Selbstverteidigung. "Wir rufen beide Seiten zur Zurückhaltung auf, respektieren aber das israelische Recht, sich zu verteidigen", sagte ein US-Regierungsvertreter am Rande des Besuches von Präsident George W. Bush in Rostock. Gestern hatte ein Sprecher des Nationalen Sicherheitsrates der USA Syrien und Iran für die Angriffe der südlibanesischen Hisbollah auf Israel mitverantwortlich gemacht.

In Gaza bombardierten Kampfflugzeuge das palästinensische Außenministerium. Es stürzte teilweise ein, mindestens 13 Menschen im Umkreis wurden verletzt. Die israelischen Streitkräfte erklärten, sie hätten das Außenministerium in Gaza gezielt angegriffen, weil es von der radikalislamischen Hamas-Bewegung zur Planung von Terroranschlägen benutzt worden sei. Außenamtssprecher Mark Regev sagte, der palästinensische Außenminister Mahmud Sahar habe vorab von dem geplanten Überfall auf einen israelischen Grenzposten gewusst, bei dem Extremisten mit Verbindungen zur Hamas-Regierung am 25. Juni den Soldaten Gilad Schalit verschleppten. Der palästinensische Außenamtssprecher Taher al-Nunu warf Israel "organisierten Terrorismus" vor, der sich gegen das gesamte palästinensische Volk richte.

als/dpa/Reuters/AFP/ddp



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