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Nahost-Krise: Uno legt schockierenden Gaza-Bericht vor

Zehntausende Flüchtlinge, kaum Wasser und Lebensmittel: Erstmals seit Beginn der Gaza-Offensive beschreibt die Uno detailliert die humanitäre Lage. Die Kommissarin für Menschenrechte fordert eine Untersuchung wegen möglicher Kriegsverbrechen Israels.

Berlin - Die Bilanz der Uno knapp zwei Wochen nach Beginn der israelischen Gaza-Offensive fällt verheerend aus: "Es gibt keinen sicheren Ort im Gaza-Streifen, keine Zufluchtsorte, keine Bunker", heißt es in einem fünfseitigen Report über die humanitäre Lage, "die Grenzen sind geschlossen und die Menschen haben keinen Ort, an den sie sich flüchten können". Fast warnend weist die Uno darauf hin, dass die "als Zuflucht genutzten Einrichtungen" der Organisation nicht konstruiert sind, um Flüchtlinge vor Bombardements zu schützen.

Grundsätzlich gibt die Uno regelmäßig Berichte über die humanitäre Lage in Gaza heraus. In der aktuellen Situation, in der ausländische Medien und Beobachter von der israelischen Armee konsequent aus dem Gaza-Streifen ferngehalten werden, gibt der Report über den "Schutz von Zivilisten" nun erstmals Einblicke und Zahlen zur katastrophalen humanitären Lage in der Kampfzone. Explizit fordern die Autoren des Berichts, dass wegen des "dringenden Bedarfs" an humanitärer Hilfe Transporte in den Gaza-Streifen "rund um die Uhr" operieren können müssten.

Die Angaben der Uno werden der israelischen Regierung nicht gefallen. Ziemlich gelassen hatte diese stets behauptet, eine humanitäre Krise in Gaza gebe es nicht. Indirekt stellte man fest, die Berichte und Zahlen seien Hamas-Propaganda. Zudem betonte das Militär, dass Israel eben im Krieg sei und der Kampf im Vordergrund stehe.

Nun aber kommen die beeindruckenden Schilderungen der Uno, die nach dem Beschuss zweier ihrer Schulen und eines Hilfstransports am Donnerstag frustriert die Unterbrechung ihrer Mission in Gaza verkünden musste.

Uno-Kommissarin fordert unabhängige Untersuchung

Das Klima zwischen der Uno und Israel, traditionell belastet wegen der zahlreichen Verstöße des Landes gegen Uno-Resolutionen, ist in der zweiten Woche des Gaza-Konflikts mittlerweile eisig. Unabhängig von dem Report der lokalen Helfer machte die hochrangige Uno-Funktionärin Navi Pillay in Genf schwere Vorwürfe gegen Israel.

"Der Teufelskreis von Provokation und Rache muss ein Ende haben", sagte Pillay, Hochkommissarin für Menschenrechte. Viele Menschen, so die Uno-Frau, seien durch "Israels nicht hinnehmbare Militärschläge" auf eindeutig gekennzeichnete Uno-Einrichtungen getötet worden.

Pillay beließ es nicht bei den Vorwürfen, sie forderte eine "glaubhafte und unabhängige Untersuchung" der möglichen Verstöße gegen die Menschenrechte. Diese wären, würden sie sich bestätigen, Kriegsverbrechen, so die Funktionärin. Laut Pillay müssten sofort Uno-Beobachter in Gaza zugelassen werden.

Die Daten des Reports werden bei einer solchen Untersuchung auch eine große Rolle spielen. Gleich zu Beginn des Dossiers beziffert die Uno die Zahl der in den vergangenen zwei Wochen getöteten Menschen auf 758. Ob es sich bei den männlichen Opfern um Hamas-Kämpfer oder Zivilisten handelt, ist schwer auszumachen.

Gleichwohl sind unter den Toten auch 60 Frauen und 257 Kinder, beide Gruppen zusammen machen 42 Prozent der Opfer aus - der Krieg gegen die Hamas in Gaza trifft die Schwachen.

Die Uno beschreibt, wie die Menschen im Gaza-Streifen ums Überleben kämpfen. Demnach ist die Stromversorgung in fast allen Teilen Gazas mehr oder minder zum Erliegen gekommen. Am 4. Januar, so der Bericht, seien rund 75 Prozent der Bevölkerung, die auf rund 1,5 Millionen Menschen geschätzt wird, ohne Strom gewesen. Trotz der von den Israelis erlaubten Benzintransporte waren auch am 6. Januar noch immer weite Teile von Gaza-Stadt ohne Elektrizität. Die angespannte Sicherheitslage erlaube Reparaturen nur sehr begrenzt.

Nahost-Konflikt
Die Gebiete
Im Grunde dreht sich der Konflikt um das Existenzrecht Israels und die Forderung nach einem eigenen Palästinenserstaat . Es gibt inzwischen palästinensische Autonomiegebiete - den Gaza-Streifen und das Westjordanland . Die Grüne Linie trennt die Gebiete von Israel. Um die israelischen Siedlungen in den umstrittenen Gebieten gibt es immer wieder Streit.
Die Gegner
Dem Staat Israel stehen einzelne Gruppierungen und Institutionen gegenüber: im Gaza-Streifen und Westjordanland die Palästinensische Autonomiebehörde | Hamas | Kassam-Brigaden | Volkswiderstandskomitee (PRC) | PLO | Fatah | Al-Aksa-Brigaden | Islamischer Dschihad | im Libanon die Hisbollah
Geschichte

Auch das Wassersystem in Gaza ist großteils außer Betrieb. Laut der Uno sind 800.000 Menschen im Gaza-Streifen ohne fließendes Wasser, rund die Hälfte aller Quellen könne wegen fehlender Elektrizität nicht angezapft werden, die andere Hälfte pumpt nur zeitweise Wasser an die Oberfläche. Vor allem aber ist das Abwassersystem durch die Luftangriffe massiv beschädigt. Konkret warnt die Uno vor Infektionen, mit denen sich die Menschen anstecken könnten, da das Abwasser nicht mehr abgepumpt wird und Teile Gazas zu überfluten droht.

In den Kliniken fehlt es am Nötigsten

Zudem wird die Nahrungsversorgung immer dürftiger. Seit dem 6. Januar arbeiten nur noch neun Bäckereien, die Preise fürs Brot verdoppelten sich. Die Schließung der Schmuggel-Tunnels von Ägypten nach Gaza hat laut Uno zu einer weiteren Verschärfung der Lage geführt. Die Organisation schätzt gemeinsam mit dem "World Food Program", dass 80 Prozent der Bevölkerung mittlerweile auf Hilfe von außen angewiesen sind. Doch die 232 Lastwagen mit Mehl, die seit dem 1. Januar nach Gaza fahren durften, konnten den Hunger nicht stillen.

Im Notstand befinden sich auch die Krankenhäuser. Die wenigen Betten für Schwerverletzte seien "überbelegt". Seit Tagen würden Patienten so schnell wie möglich wieder nach Hause geschickt - so soll Platz für neue Verletzte geschaffen werden. Viele Verwundete könnten gar nicht aus der Kampfzone in Krankenhäuser gebracht werden, da die Ambulanzen wegen des anhaltenden Bombardements und der Bodenkämpfe nicht an sie herankämen. Laut dem Bericht wurden elf Ambulanzen beschossen, sechs medizinische Helfer kamen ums Leben.

Devote Bitte der Helfer

Die medizinische Ausstattung der Kliniken beschreibt die Uno als katastrophal. Schon vor der Offensive seien medizinische Ausstattung und Ersatzteile für die Technik wegen der Isolation des Gaza-Streifens rar gewesen. Vor der Offensive wurden 700 bis 1000 chronisch Kranke monatlich regelmäßig in Ägypten oder in Israel behandelt. Dieser Ausweg ist nun versperrt. Auch wenn das Rote Kreuz am 5. Januar ein paar Kisten Impfstoff und andere Medikamente nach Gaza bringen konnte, fehlen laut Uno Ärzte, die auf die Behandlung von Verletzten geschult sind.

Zunehmend suchen Palästinenser Schutz in Unterkünften der Uno. Der Report rechnet vor, dass es seit der Krise im Jahr 1967 nicht mehr so viele "gewaltsam obdachlos" gewordene Menschen in Gaza gab. Rund 16.000 Menschen sind bereits in Einrichtungen der Organisation gekommen, 23 solcher Notunterkünfte gibt es bereits. Doch die Kapazität der Uno ist begrenzt, die Autoren des Berichts schätzen, dass nur rund 40.000 Menschen in den Häusern, Schulen und anderen Notunterkünften Platz finden können.

Die Autoren des Berichts enthalten sich jeder moralischen Wertung oder Kritik an Israel. Sie bitten - fast devot - einzig um das, was in Konflikten wie diesem eigentlich normal ist: "Jeder Mechanismus, der die Verteilung von Hilfsgütern ermöglicht, ist willkommen."

mgb

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