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Nahost: Wie die Hamas Israel zum Frieden bomben will

Von Ulrike Putz, Gaza-Stadt

Grausame Kriegslogik: Die Hamas verstärkt ihren Raketenterror - und provoziert Vergeltungsschläge der Israelis. So will sie die Regierung Olmert zur Entscheidung zwingen: verhandeln oder Krieg führen? Jetzt signalisiert die Hamas Gesprächsbereitschaft.

Gaza-Stadt - Nach vier Tagen heftiger Gefechte und schwerer Bombardements aus der Luft haben sich die israelischen Truppen in der vergangenen Nacht aus dem Gaza-Streifen zurückgezogen; zudem gab es weniger Luftangriffe. Auch von palästinensischer Seite flogen heute nur noch sporadisch Raketen gen Israel. Der "Heiße Winter", wie Israel die jüngste Operation in Gaza getauft hat, ist vorerst vorbei.

Hamas-Kämpfer im Gaza-Streifen: Raketen auf Israel feuern, um über den Frieden zu sprechen
AP

Hamas-Kämpfer im Gaza-Streifen: Raketen auf Israel feuern, um über den Frieden zu sprechen

Dass die Temperaturen in den nächsten Tagen und Wochen jedoch wieder steigen werden, davon gehen sowohl die Israelis als auch die Palästinenser im Gaza-Streifen aus.

Der Schaden, den beide Seiten bisher angerichtet haben, ist schon groß genug. Der Friedensplan von Annapolis liegt verschüttet unter einem hohen Berg von Trümmern: denen von Gaza und denen von Sderot und Aschkelon. Palästinenserpräsident Mahmud Abbas und seine Delegation haben angesichts der Ereignisse in Gaza die Gespräche ausgesetzt – und das, obwohl die regierende Hamas in Gaza erklärter Feind der Regierung im Westjordanland ist.

Für die amerikanische Außenministerin Condoleezza Rice, die zu einer neuen Verhandlungsrunde nach Israel kommt, wird dieser Besuch zu einem Feuerwehreinsatz. Sie muss dankbar sein, wenn sie auch nur das bescheidenste aller Ziele erreicht: die Gesprächspartner wieder an einen Tisch zu bringen.

Dass es in der vergangenen Woche zu einem derart heftigen Ausbruch der Gewalt kam, hat selbst Militärexperten in Israel und dem weiteren Nahen Osten überrascht. Nicht dass es in den vergangenen Monaten jemals ruhig war an jener Front: Seit sich Israel im Sommer 2005 aus dem Gaza-Streifen zurückgezogen hat, werden von dort aus Kassam-Raketen auf israelisches Gebiet abgeschossen. Israel antwortete mit Beschuss aus der Luft und schickte Bodentruppen für kurze Vorstöße auf palästinensisches Gebiet. Auf palästinensischer Seite gab es dabei knapp über hundert, auf israelischer elf Tote.

Der blutige Schlagabtausch der vergangenen Woche ist das Resultat einer bewussten Eskalation: Hamas hat den Einsatz dramatisch erhöht, indem sie die 120.000-Einwohner-Stadt Aschkelon unter Beschuss nahm. Sie holte nach den Kassam auch die Raketen mit der größeren Reichweite aus den Verstecken - und überschritt damit eine rote Linie. Niemals, das wusste Hamas, würde es die Regierung in Jerusalem hinnehmen, dass eine größere Stadt von Gaza aus attackiert wird.

Verzweifelter Befreiungsschlag

Es war wohl ein Befreiungsschlag, ein Akt der Verzweiflung. Denn die Situation im Gaza-Streifen hatte sich in den vergangenen Wochen noch einmal verschlechtert. Seit Ägypten seine Grenze wieder geschlossen hat, und zwar fester denn zuvor, ist die andauernden Blockade Israels wieder akut zu spüren. Immer weniger Lebensmittel, Treibstoff und Medikamente erreichen den Gaza-Streifen. Und der Zorn der Bevölkerung darüber richtete sich zunehmend auch gegen die allein herrschende Hamas.

Der Angriff auf Aschkelon ist der Versuch, mit dem Spiel über die Bande einem Waffenstillstand mit den Israelis zu erreichen. "Seit Wochen gibt es Signale von der Hamas, sie sei bereit, Israel eine zehn, fünfzehn Jahre lange "Hudna" anzubieten", sagt Mkhaimar Abu Sada, Politologe und einer der renommierten politischen Analysten in Gaza.

Eine "Hudna" wäre eine elegante Lösung für die Islamisten: Sie ist ein Waffenstillstand nach religiösem Recht, bei dem sich zwei Feinde trotz weiter bestehender Konflikte auf einen kalten Frieden einigen. Für die Hamas hieße "Hudna", dass sie ihre Prinzipien und somit das Gesicht wahren könnte. Der bewaffnete Kampf gegen Israel bliebe auf dem Papier ihr Lebenselixier, während sie sich praktisch mit dem Erzfeind auf offene Grenzen einigen könnte. Die Hamas würde dafür im Gegenzug den Beschuss israelischer Städte und Dörfer einstellen.

"Innenpolitisch ist es das oberste Ziel der Hamas, ihre Machtposition in Gaza auszubauen", sagt der Politologe Abu Sada. Die Hamas wolle eine "Hudna", um tatsächlich regieren zu können. "Sie wollen der Bevölkerung in der Fatah-dominierten Westbank beweisen, dass sie etwas leisten können und die bessere Partei sind – wenn man sie nur lässt."

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