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Nahostkonflikt: "Ohne Amerika wird es keinen Frieden geben"

40 Jahre vertane Chancen: Butros Butros Ghali hat wenig Hoffnung für einen Frieden im Nahen Osten. Nötig sei ein ganz neuer Ansatz - und ein ernsthaftes Engagement der USA, sagt der ehemalige Uno-Generalsekretär im Interview mit SPIEGEL ONLINE.

SPIEGEL ONLINE: Herr Ghali, vor 40 Jahren ging der Sechstagekrieg zuende – mit katastrophalen Auswirkungen für die Arabische Welt. Ägypten verlor den Sinai, Syrien die Golanhöhen, Jordanien Ostjerusalem und das Westjordanland. Die Palästinenser sind bis heute leer ausgegangen ...

Ghali: ... das Nahostproblem, wie die Welt den arabisch-israelischen Dauerkonflikt nennt, ist seit 1967 ständig am Kochen, eine Lösung ist nach wie vor nicht in Sicht.

SPIEGEL ONLINE: Ägypten und Jordanien unterschrieben Friedensverträge mit Israel und erhielten ihre Territorien zurück, ist das nichts?

Ghali: Diese bilateralen Verträge wirken wie Aspirin und täuschen Frieden vor, doch mit dem Palästinaproblem haben sie nichts zu tun. Selbst wenn Israel die syrischen Golanhöhen freigeben würde, worauf nichts hindeutet, hätte das keine Auswirkungen auf das Hauptproblem: die Schaffung eines unabhängigen Palästinenserstaates.

SPIEGEL ONLINE: Über die Gründung eines solchen Staatswesens sind sich die Israelis und Palästinenser doch schon einig. Das war das Ergebnis der Oslo-Abmachungen.

Ghali: Und was ist daraus geworden? Nicht viel, wir sind heute wieder da, wo wir vor vierzig Jahren standen. Vierzig Jahre vertaner Chancen und kein Schritt näher am Frieden. Wir brauchen einen völlig neuen Ansatz.

SPIEGEL ONLINE: Der vor kurzem in Riad bekanntgegebene und von allen arabischen Staaten mitgetragene Friedensplan wäre doch ein guter Neuanfang: Abzug der Israelis aus den besetzten Gebieten und Normalisierung der Beziehungen zwischen Israelis und der arabischen Welt – ohne Ausnahme.

Ghali: Haben Sie eine ermutigende Reaktion aus Israel gehört?

SPIEGEL ONLINE: Man muss einfach wieder verhandeln, wenn nicht wieder alles völlig zusammenbrechen soll.

Ghali: Wenn beide Seiten sich dazu durchrängen, einen längerfristigen Gewaltverzicht zu erwirken und auch durchzuhalten, wäre schon viel gewonnen. Viel mehr ist auf absehbare Zeit sowieso nicht zu erwarten.

SPIEGEL ONLINE: Warum sind Sie so pessimistisch?

Ghali: Ich bin Realist. Um einen Frieden zu schließen, der den Namen verdient, brauchen wir auf beiden Seiten starke Regierungen, die von einer überzeugenden Bevölkerungsmehrheit getragen werden. Solche entscheidungsfähigen Regierungen sehe ich weder in Israel, noch unter Palästinensern. Wir haben es auf beiden Seiten mit schwachen Mannschaften zu tun.

SPIEGEL ONLINE: Könnten da nicht die Uno oder die Europäische Union helfen, die bereits auf dem Balkan erfolgreiche Befriedigungsprojekte begleiten?

Ghali: Ausschlaggebend wäre eine wirkungsvolle Vermittlerrolle der Amerikaner. Doch die USA sind nicht gewillt und motiviert, sich mit Nachdruck für einen palästinensisch-israelischen Frieden einzusetzen, wie sie es unter Präsident Jimmy Carter noch getan hatten - als sie 1979 den ägyptisch-israelischen Camp David-Friedensvertrag aus der Taufe hoben. Ohne Amerika wird es keinen Frieden geben.

SPIEGEL ONLINE: Die Position Washingtons kann sich doch wieder ändern, ein neues Engagement für einen echten Nahostfrieden ist vorstellbar.

Ghali: Ich lass mich nicht von Wunschdenken leiten. Die vergangenen vierzig Jahre, die den palästinensisch-israelischen Frieden nicht weitergebracht haben, sollten uns allen bestimmte Grundwahrheiten nahe legen: Wie anderswo in der Welt sollten endlich auch im Nahen Osten die Politiker künftig nicht länger mit Worten spielen und auf beiden Seiten Entscheidungen erst dann treffen, wenn sie die Dinge, um die es geht, vorurteilslos und mit wissenschaftlicher Gründlichkeit durchdacht haben. Emotionen müssten einer Kultur des friedlichen Dialogs weichen. Das kann in diesem Teil der Welt allerdings noch lange dauern, ich werde es vielleicht nicht mehr erleben. Dich irgendwann wird es soweit sein. Ich weigere mich zu sagen: Es ist zu spät.

Das Interview führte Volkhard Windfuhr

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Zur Person
DPA
Der Jurist Butros Butros Ghali, 86, war von 1992 bis 1996 Generalsekretär der Vereinten Nationen. Ghali wirkte in mehreren ägyptischen Regierungen mit, unter anderem als Staatsminister für Auswärtige Angelegenheiten. Er war Architekt des ägyptisch-israelischen Friedensvertrages 1979.


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