Nahostkrise Israelische Armee fasst 16-Jährigen mit Bombengürtel

An einem Kontrollpunkt bei Nablus haben israelische Soldaten einen palästinensischen Jungen mit einem Bombengürtel gefasst. Der 16-Jährige soll laut Augenzeugen geistig behindert sein. Eine Palästinenser-Brigade bekannte sich dazu, den Jungen auf den Weg geschickt zu haben.


Kontrollstelle Hawara: Unter seinem Parka trug der Junge einen Sprengstoffgürtel
AP

Kontrollstelle Hawara: Unter seinem Parka trug der Junge einen Sprengstoffgürtel

Tel Aviv/Nablus - Die Szene ist gespenstisch: Ein Junge steht allein auf einer Straße zwischen Militärfahrzeugen und Sandsäcken. Er trägt Jeans, ein weißes T-Shirt, darüber einen weiten Parka. Soldaten nehmen ihn ins Visier, fordern ihn auf, sich auszuziehen. Unter der Jacke erscheint ein grauer Sprengstoffgürtel mit einem weißen Handgriff. Ein Roboter zum Bombenentschärfen fährt auf ihn zu, während er die Hände über den Kopf hält.

Der Junge, der an der Kontrollstelle Hawara bei Nablus festgenommen wurde, ist den Angaben zufolge 16 Jahre alt. Die Soldaten hätten am Mittwoch nach einer Anschlagswarnung alle Passanten an dem Kontrollpunkt strikt kontrolliert, berichteten Augenzeugen mehreren israelischen Zeitungs-Reportern sowie der Nachrichtenagentur AP. Der Junge sei wegen seiner übergroßen Jacke aufgefallen. Daraufhin seien die Soldaten hinter Betonbarrieren in Deckung gegangen und hätten ihn ins Visier genommen.

Ein TV-Team von AP hielt die dann folgenden Momente im Film fest: Die Soldaten befahlen ihm, seinen Parka auszuziehen. Als sich der Junge der Jacke entledigt hatte, schickten sie einen Roboter zum Entschärfen von Bomben. Das Gerät überbrachte dem Jungen eine Schere, mit der er die Weste durchschneiden sollte. Nach längeren und zunehmend verzweifelten Bemühungen gelang dies dem Jungen schließlich. Die Soldaten zwangen ihn dann, sich bis auf die Unterhose auszuziehen.

Ein israelischer Offizier, Leutnant Tamir Milrad, sagte einem Reporter der israelischen Zeitung "Haaretz": "Der Junge sagte uns, er wolle nicht sterben, er wolle nicht in die Luft fliegen." Er habe ausgesagt, dass er ein "Held" werden wollte. Seine Auftraggeber hätten ihm versprochen, er werde im Himmel Sex mit 70 Jungfrauen haben.

16-jähriger Palästinenser: Bombengürtel um den Bauch
REUTERS

16-jähriger Palästinenser: Bombengürtel um den Bauch

Der 16-Jährige leide am Down-Syndrom, sagte ein palästinensischer Augenzeuge laut der Agentur dpa. Er sei in Nablus vielen Menschen bekannt, weil er oft bei Demonstrationen dabei sei. Auch "Haaretz" und AP berichten, die Familie des Jungen habe ihn als geistig sehr langsam beschrieben. Sein Bruder habe gesagt: "Er weiß überhaupt nichts."

In einer kontrollierten Explosion wurde die Bombe, ein 8-Kilo-Sprengkörper, schließlich zerstört. Soldaten an dem Kontrollpunkt sagten einem Armeesender, die Urheber des versuchten Anschlages hätten dem Jungen dafür 100 Schekel gegeben (etwa 20 Euro). Hätte sich der Junge mit der Bombe in die Luft gesprengt, hätte dies neben den israelischen Soldaten auch etliche Palästinenser getroffen. An dem Checkpoint hatten mehrere Hundert auf Durchlass gewartet.

"Haaretz" zufolge hat sich die Fatah Tanzim Brigade aus dem Balata-Flüchtlingslager dazu bekannt, den Jungen mit dem Sprengstoff losgeschickt zu haben. Die israelische Regierung warf den militanten Palästinensern vor, zunehmend Kinder in dem Konflikt einzusetzen.

In der vergangenen Woche hatten Fatah Tanzim Aktivisten in Nablus bereits einen elfjährigen Jungen mit einer Bombe durch eine Straßensperre geschickt. Die mit Nägeln gefüllte Bombe sollte explodieren, als Soldaten das Kind stoppten. Die Anstifter hatten dem Jungen eine große Geldsumme versprochen, falls er es schaffen sollte, die Bombe durch die Straßensperre zu tragen und einer auf der anderen Seite wartenden Frau zu geben.



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