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Nahostvermittlung: Syrien fordert seinen Preis

Von Gabriela Keller, Damaskus

Syrien wird seinen Einfluss auf die Hisbollah nicht ohne Gegenleistung zur Lösung des Konflikts nutzen. Es will die Golanhöhen zurück. Doch während Präsident Assad auf Angebote wartet, brennt das Volk darauf, Israel zu bekämpfen. Das Regime könnte dem Druck nicht gewachsen sein.

Ganz Damaskus hat das Banner der Hisbollah gehisst. Die gelbe Flagge weht überall in der Stadt, an Autos, Balkonen, Fassaden. Auch Porträts von Hassan Nasrallah sind nun allgegenwärtig, tausendfach lächelt der Hisbollah-Chef von Postern und Plakaten, oft mit Präsident Baschar al-Assad an seiner Seite, manchmal vor dem photoshop-farbintensivierten Inferno einer Bombenexplosion. Junge Männer laden sich Nasrallahs Predigten als Klingelton aufs Handy, selbst Christen zünden in der Kirche Kerzen für den Schiitenführer an.

Hisbollah-Anhänger in Damaskus am vergangen Freitag: Der Widerstand soll ausgedehnt werden.
AP

Hisbollah-Anhänger in Damaskus am vergangen Freitag: Der Widerstand soll ausgedehnt werden.

In den Verkaufsständen der Altstadt stapeln sich T-Shirts, die mit dem runden, bärtigen Konterfei Nasrallahs bedruckt sind. Die Damaszenerin Faiqa Fachouri wühlt in der Auslage nach ihrer Größe. „Wir sind glücklich, dass Syrien an der Seite der Hisbollah steht“, sagt die 55-Jährige. „Israel plant, unsere Länder zu zerstören. Nasrallah kämpft, um unser Leben und unsere Ehre zu verteidigen. Deshalb ist er für uns ein Held.“

Die Gewalt im Libanon hat der Hisbollah die begeisterte Verehrung des Volkes eingebracht – von der Unterstützung des Regimes profitiert sie seit Langem. Amerika und Israel machen Syrien daher direkt für die Angriffe der Extremisten verantwortlich. Doch je länger die israelische Offensive dauert, umso stärker setzt sich im Westen die Ansicht durch, dass der Weg zum Frieden über Damaskus führt: Syrien könnte bei der Suche nach einer Lösung seinen Einfluss nutzen; Experten gehen davon aus, dass das Regime derzeit in ständigen Beratungen mit der Miliz steht.

"Die Gewalt wird sich ausbreiten"

Die amerikanischen Bemühungen, den „Schurkenstaat“ Syrien mit Sanktionen zu schwächen und international zu isolieren, scheinen damit vorerst gescheitert; Syrien zeigt sich seit Ausbruch der Krise mit wachsendem Selbstbewusstsein. „Wir waren in der Region immer ein Faktor“, betont der Parlamentsabgeordnete Georges Jabbour, ein Berater des ehemaligen Präsidenten Hafis al-Assad. „Nun hat der Westen ein wenig von seiner Dummheit abgestreift und diese Tatsache zur Kenntnis genommen.“ Ohne Syrien, meint Jabbour, könne die Region nicht zu dauerhaftem Frieden finden. „Im Gegenteil. Die Gewalt wird sich weiter ausbreiten.“

Doch Damaskus werde nicht ohne Weiteres zwischen dem Westen und Nasrallahs Gotteskriegern vermitteln, sagt ein Experte, der dem Außenministerium nahe steht und nicht namentlich genannt werden will. „Warum sollten wir helfen?“, fragt er. „Soll der Westen mit seiner Politik untergehen – genau das passiert ja gerade.“ Schließlich sei die Nuklearmacht Israel ihrem Ziel, die Hisbollah zu zerschlagen, bisher noch nicht sichtlich näher gekommen.

„Syrien wird überhaupt nichts tun, ehe klar ist, was wir im Gegenzug bekommen“, erklärt Ayman Abdel Nour, der in der regierenden Baath-Partei zu den Reformern gehört. Denn das Regime wittert die Chance, einen weit größeren Preis für seinen möglichen Beistand zu ziehen als nur die Rückkehr in eine Partnerschaft mit dem Westen: „Syrien will den Golan zurück“, sagt Abdel Nour. „Die Aussicht muss konkret sein. Versprechen reichen nicht.“ Doch in diesem Fall könne die Strategie der Amerikaner erfolgreich sein, die Achse Teheran-Damaskus aufzuspalten. „Syrien wäre bereit, sich aus diesem Bündnis zu lösen“

Der Golan gilt als unverzichtbar

Derzeit sieht es so aus, als könnte das Regime in Damaskus als Sieger aus der Krise hervorgehen. Schon jetzt hat Syrien sich als einflussreiche Regionalmacht profiliert: Erstmals seit der Ermordung des libanesischen Premiers Rafik Hariri im Februar vergangenen Jahres reiste nun ein offizieller Vertreter einer europäischen Regierung nach Damaskus. Der spanische Außenminister Miguel Moratinos traf sich zu Gesprächen mit Präsident Assad.

Auch im Libanon konnte Syrien sein Gewicht nach dem erzwungenen Truppenabzug wieder deutlich erhöhen: Die anti-syrische Regierung in Beirut ist geschwächt, die Hisbollah, Syriens Verbündeter, zumindest ideologisch massiv gestärkt. Daher, sagt Abdel Nour, setze sich Damaskus derzeit in erster Linie für einen Waffenstillstand ein – ehe der Konflikt sich ausweitet: „Bis die ersten Bomben auf Damaskus fallen, hat Syrien gewonnen.“

Bei kommenden Verhandlungen habe das Regime keine andere Wahl, als die seit 1967 israelisch besetzten Golanhöhen zum Preis seines Beistandes zu machen, erklärt der Politologe Samir al-Taqi: „Niemand kann in Damaskus regieren ohne dass der Golan ganz oben auf der Agenda steht.“ Acht Kilometer außerhalb der Hauptstadt seien die israelischen Posten bereits in Sichtweite, damit sei Damaskus praktisch eine Hauptstadt unter Belagerung. Eine Politik, die den Golan nicht zur Priorität mache, sei unmöglich, bestätigt der Parlamentarier Georges Jabbour. „Der Präsident ist in dem Punkt nicht frei. Wenn er den Golan aufgibt, würde sich ihm jeder Syrer widersetzen. Ich selbst würde mich ihm widersetzen.“

Auch werde Syrien keine Unterhändler akzeptieren, heißt es aus dem Umfeld des Außenministeriums, weder aus arabischen noch aus europäischen Staaten: „Wenn die Amerikaner etwas von uns wollen, sollen sie selbst kommen.“ Bis sich die USA kompromissbereit zeigen, werde Syrien weiter seine Strategie einer „Front der Behinderung“ ausbauen – das bedeutet konkret, die Feinde der USA und Israels zu vereinen, die amerikanische Politik in der Region zu torpedieren und den Widerstand zu stärken – sei es in Libanon, Palästina oder Irak. Sollte es aber ein ernsthaftes Entgegenkommen von Seiten der Amerikaner geben, werde Syrien positiv reagieren: „Im Grunde will Syrien wieder in Kontakt mit dem Westen treten.“

Widerstand gegen Israel als Pflicht?

Doch bisher haben die USA - im Gegensatz zu einigen Repräsentanten der EU und nicht zuletzt dem deutschen Außenminister Franz Walter Steinmeier - noch keine Anstalten gemacht, eine Annäherung zu suchen. „Sie denken immer noch, sie könnten Probleme lösen, indem sie Syrien ignorieren“, kritisiert der Experte. „Amerika arbeitet nach der Strategie, keine Zugeständnisse zu machen, ehe Syrien sich beugt.“ Diesmal werde die Rechnung jedoch nicht aufgehen. „Selbst, wenn Chaos in der Region die Folge ist, müssen wir der Tatsache ins Auge sehen.“

Und sollten die Gespräche Syrien keine Aussicht auf den Golan bringen, könnte das Regime sogar zu einem letzten Mittel greifen: Die Waffenstillstandslinie zum israelisch besetzten Gebiet für den bewaffneten Widerstand zu öffnen. Schon rufen Politiker und prominente Geistliche nach einer eigenen syrischen Bewegung nach Vorbild der Hisbollah – in dem totalitären Staat, wo der Geheimdienst jedes Freitagsgebet in den Moscheen auf Systemkonformität hin prüft, ist allein die Diskussion ein deutliches Warnsignal „Es ist eine Möglichkeit, die in Erwägung gezogen wird“, bestätigt Georges Jabbour.

Doch wäre das freilich eine Verzweiflungstat, die Israel umgehend zum Angriff zwingen würde. Allerdings könnte der Zeitpunkt kommen, an dem Assad keine Wahl bleibt: „Die Regierung steht unter enormem Druck“, erklärt Baath-Mitglied Ayman Abdel Nour. „Wenn sie jetzt auf den Golan verzichten, laufen sie Gefahr, im Volk ihre Legitimation zu verlieren.“

Schon jetzt sei die Wut kaum noch kontrollierbar, hat der Imam Mohammed al-Habasch beobachtet: „Das Volk glaubt, es habe die religiöse Pflicht, den Besatzern Widerstand zu leisten“, sagt er und erzählt von Familien in seinem Bekanntenkreis, deren Söhne sich in den letzten Tagen in den Dschihad verabschiedet haben. Vermutlich in den Libanon, da Syrien der Frustration noch kein Ventil bietet. Habasch ist ein Geistlicher, der für seine Weltoffenheit und Toleranz bekannt ist. „Aber jedes Mal, wenn die Menschen hier Opfer von Israel werden, wird die Stimme der Gemäßigten immer leiser. Wir verlieren an Glaubwürdigkeit“, beklagt er. „Wenn der Krieg weiter eskaliert, wird sich unser Volk von nichts mehr aufhalten lassen.“

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