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Einkaufszentrum in Nairobi: Terroristen halten Geiseln fest - 59 Tote bestätigt

AFP

Mindestens 59 Menschen starben bei einem Angriff auf ein Einkaufszentrum in Nairobi, unter ihnen auch Kinder. Noch immer halten sich die Terroristen mit Geiseln in dem Gebäude auf. Kenias Militär hat den Komplex abgeriegelt. Die Chancen für Verhandlungen mit der Schabab-Miliz sind schlecht.

Nairobi - Die Zahl der Toten durch einen Terroranschlag im kenianischen Nairobi ist laut Regierungsangaben auf 59 gestiegen. Das Alter der Opfer liegt zwischen zwei und 78 Jahren, berichteten die Behörden. Ein Vertreter des kenianischen Roten Kreuzes sprach am Sonntag von 43 Toten und mindestens 200 Verletzten.

Die bewaffneten Angreifer - vermutlich Anhänger der islamistischen Schabab-Miliz - halten noch immer Geiseln in ihrer Hand, mit denen sie sich in dem Gebäudekomplex verschanzt haben. Noch ist vollkommen unklar, wie viele Menschen in der Gewalt der Angreifer sind. Es soll sich um Angestellte und Kunden der Shopping-Mall handeln.

Am frühen Morgen dauerte der Einsatz der Sicherheitskräfte in der kenianischen Hauptstadt an. Bisher habe man etwa 1000 Menschen aus dem Gebäude retten können, hieß es. Die Armee verstärkte ihre Truppen rund um das Zentrum, zahlreiche Soldaten mit Helmen und kugelsicheren Westen trafen ein. Wie ein Korrespondent der Nachrichtenagentur AFP berichtete, kam es am Sonntagmorgen im Inneren der Westgate-Shopping-Mall zu einem Schusswechsel. Zwei verletzte Soldaten seien aus dem Gebäude gebracht und in Krankenwagen abtransportiert worden.

Die Geiseln halten sich offenbar in verschiedenen Bereichen des Gebäudes auf. Dem Nationalen Katastrophenzentrum zufolge sind die oberen Stockwerke der Shopping-Mall aber "gesichert". Man sei noch nicht mit den Geiselnehmern in Kontakt.

Verhandlungsbereitschaft gering

In der Nacht konnten laut ersten Berichten bereits fünf Geiseln befreit werden. Die Polizei ging von mindestens zehn Geiselnehmern aus. Ein mutmaßlicher Angreifer soll festgenommen und verletzt ins Krankenhaus gebracht worden sein. Er werde als Verdächtiger behandelt und befragt, hieß es.

"Der Einsatz geht weiter, es darf aber nichts überstürzt werden", sagte ein Militärvertreter vor Ort. "Unsere Teams sind da", sagte er, "wir werden das hier beenden, sobald wir können."

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Geiselnahme in Nairobi: "Wir werden es beenden"
Die Chancen für Verhandlungen allerdings stehen offenbar schlecht: Über einen Twitter-Account verbreiteten Vertreter der somalischen Schabab-Miliz, die sich zu dem Anschlag bekannt hatte, folgende Meldung: "Zehn Stunden sind vergangen, und die Mudschahidin sind noch immer stark in der #Westgate Mall." Man werde in keiner Form verhandeln.

Der Polizei zufolge ereignete sich der Überfall während eines Kinderkochwettbewerbs, der von einem Radiosender veranstaltet wurde. Die Schießerei begann, als gerade die Gewinner ausgezeichnet werden sollten.

Binnen Sekunden nach dem Überfall brach in dem Einkaufszentrum Panik aus. Familien rannten mit ihren Kindern auf der verzweifelten Suche nach einem Ausgang umher, auf dem Boden lagen verletzte, blutende Menschen. Augenzeugen schilderten, dass die Täter ihre Opfer regelrecht hingerichtet hätten. "Die Angreifer wollten mir in den Kopf schießen, aber sie haben mich verfehlt", sagte Sudjar Singh der Nachrichtenagentur AFP.

Franzosen und Kanadier unter den Opfern

Staatschef Uhuru Kenyatta zeigte sich am Samstagabend kämpferisch. In einer TV-Ansprache sagte er: "Wir werden den Terrorismus besiegen." Kenia habe schon früher ähnliche Angriffe überstanden. "Ich weiß, wie Sie sich fühlen, denn ich habe selbst sehr enge Familienmitglieder verloren. Ich bitte Gott, uns allen Trost zu spenden, während wir mit dieser Tragödie kämpfen." Zeitungsberichten zufolge handelt es sich bei den Verwandten des Präsidenten um einen Neffen und dessen Verlobte.

Das Einkaufszentrum ist ein beliebter Treffpunkt für wohlhabende Kenianer und im Land lebende Ausländer. Unter den Toten waren auch zwei Französinnen. Der kanadische Ministerpräsident Stephen Harper erklärte, zwei seiner Landsleute seien ums Leben gekommen, darunter ein Diplomat.

Frankreichs Staatschef François Hollande verurteilte das "feige Attentat" und zeigte sich ebenso wie die Regierungen in Washington und Ottawa entsetzt. Sie sicherten den Betroffenen und der kenianischen Regierung ihre Solidarität zu.

Großbritannien hat der Regierung von Kenia nach dem Terroranschlag Unterstützung zugesagt. Laut Angaben von Außenminister William Hague sind "ohne Zweifel" Briten unter den Opfern. "Wir stehen in engem Kontakt mit den Behörden in Kenia und haben Hilfe angeboten", sagte er.

Eine Frau namens Amita Sharma sagte BBC Radio Berkshire: "Wir haben einen Freund, dessen Schwiegertochter im vierten Monat schwanger war und wir wissen, dass sie erschossen wurde und nicht überlebt hat." Sie habe außerdem einen Cousin, der in dem Einkaufszentrum arbeite. "Als ich mit ihm sprach, sagte er seine Freunde seien noch drin und einer von ihnen sei erschossen worden."

Die chinesische Botschaft in Kenia bestätigte den Tod einer 38-jährigen Chinesin. Der Sohn der Frau sei verletzt und werde in einem Krankenhaus behandelt.

Laut Angaben des US-Außenministeriums wurden mehrere US-Bürger verletzt. Dem Auswärtigen Amt in Berlin lagen zunächst keine Erkenntnisse darüber vor, dass Deutsche betroffen sein könnten. Bundesaußenminister Guido Westerwelle hat den Angriff "auf das Schärfste" verurteilt. "Wir wünschen uns, dass es gelingt, die Täter und Hintermänner dieses schrecklichen Attentats schnell zur Verantwortung zu ziehen", erklärte der Minister in Berlin. "In dieser schweren Stunde fühlen wir uns dem kenianischen Volk tief verbunden."

"Die kenianische Regierung ignorierte unsere Warnungen"

Am Samstagmittag hatten maskierte und mit automatischen Waffen und Handgranaten bewaffnete Männer die Westgate Mall angegriffen und das Feuer auf "Ungläubige" eröffnet. Die somalische Schabab-Miliz schrieb später via Twitter, ihre Kämpfer hätten "mehr als hundert ungläubige Kenianer getötet". Im Einkaufszentrum anwesende Muslime seien verschont und vor dem Angriff "nach draußen eskortiert" worden.

"Die kenianische Regierung ignorierte unsere Warnungen und massakrierte weiter unschuldige Muslime in Somalia", hieß es in der Twitter-Mitteilung. Die Attacke sei eine Vergeltungstat für die in Somalia begangenen "Verbrechen ihrer Soldaten", erklärte die al-Qaida nahestehende Miliz. Die Botschaft laute: "Zieht eure Truppen aus unserem Land ab."

Ein Sprecher der Miliz erklärte später, die Gruppe habe Kenia "vor solchen Angriffen gewarnt", das sei aber ignoriert worden. Die Extremisten sollen in der Vergangenheit bereits damit gedroht haben, die Westgate-Shopping-Mall ins Visier zu nehmen. Die kenianische Armee unterstützt die somalischen Regierungstruppen im Kampf gegen die Schabab-Miliz. Im Jahr 2011 war die kenianische Armee zur Unterstützung in Somalia einmarschiert.

Der UN-Sicherheitsrat verurteilte den "Terrorangriff auf das Schärfste" und betonte, "alle Formen des Terrorismus" müssten bekämpft werden. Generalsekretär Ban Ki Moon sprach von einem "vorsätzlichen Angriff auf Zivilisten", die sich nicht hätten wehren können.

Es handelt sich um den schwersten Anschlag in Kenia seit der Sprengung der US-Botschaft 1998, bei der mehr als 200 Menschen starben.

ala/Reuters/AFP/dpa

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insgesamt 39 Beiträge
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1. möglicherweise entkamen Islamisten
andua 22.09.2013
Zitat von sysopREUTERSMindestens 39 Menschen starben bei einem Angriff auf ein Einkaufszentrum in Nairobi, unter ihnen auch Kinder. Noch immer halten sich die Terroristen mit Geiseln in dem Gebäude auf. Die Chancen für Verhandlungen mit der Schabab-Miliz sind schlecht. http://www.spiegel.de/politik/ausland/nairobi-angreifer-verschanzen-sich-mit-geiseln-in-einkaufszentrum-a-923706.html
Die kenyanischen Medien berichten zur Zeit davon, dass Menschen die aus dem Gebäude kamen nicht kontrolliert wurden oder auch keine medizinische Untersuchung bekamen, sie konnten einfach gehen. Ein Mann behauptete in einem Interview sogar, er beobachtete wie ein Angreifer seine Uniform und Maske auszog , sich unter die Geiseln mischte und unbehellig gehen konnte. Der kenyanische Präsident wandte sich gestern an die Kenyaner mit der Aufforderung zur Einigkeit. Er besitz als Angeklagter vor dem Internationalen Strafgerichtshof aber nicht viel moralische Authorität. Weiterhin ist seine Politik seit März von ethnischer Spaltung und Begünstigung der eigenen Ethnie gekennzeichnet. Er behauptete kürzlich, seine Partei "Jubilee" werde die nächsten 20 Jahre regieren, er 10 Jahre und dann sein Stellvertreter der ebenfalls angeklagte Ruto weiter 10 Jahre.
2.
optionalerKanzler 22.09.2013
Nachdem ich erst vor 3 Monaten aus Nairobi weggezogen bin, trifft mich das Ganze sehr. Allerdings kann man sagen, dass dieser Anschlag längst überfällig war. Seit mittlerweile mehreren Jahren besteht diese Gefahr, sie wurde mehrmals angekündigt und die Botschaften - besonders die amerikanische - haben immer Warnungen ausgesprochen' welche Orte vermieden werden sollten. Im Rahmen des Konflikts mit Al-Shabaab sind bereits mehrere kleinere Angriffe in Nairobi passiert (wahrscheinlich kaum hier wahrgenommen). Lächerlich sind auch die Alibi-Sicherheitskontrollen, die in jeder Mall eingeführt wurden. Kleinere Eingänge waren teilweise unbewacht und die Kontrollen waren in einer geschätzten Sekunde fertig. Die Wachmänner hatten überhaupt keine Lust. Deshalb kommt der Anschlag nicht überraschend, aber es ist umso deprimierender, da genügend Zeit vorhanden war, entsprechende Sicherheitsmaßnahmen zu treffen. Leider fehlte der Wille dazu - keinesfalls das Geld.
3. Meinungsvielfallt
APPEASEMENT 22.09.2013
Zitat von sysopREUTERSMindestens 39 Menschen starben bei einem Angriff auf ein Einkaufszentrum in Nairobi, unter ihnen auch Kinder. Noch immer halten sich die Terroristen mit Geiseln in dem Gebäude auf. Die Chancen für Verhandlungen mit der Schabab-Miliz sind schlecht. http://www.spiegel.de/politik/ausland/nairobi-angreifer-verschanzen-sich-mit-geiseln-in-einkaufszentrum-a-923706.html
wünschte mir, das bei lochen Berichten nicht immer der religiöse Hintergrund der Täter eine wichtige Rolle spielt. Man sollte das konsequenterweise ausklammern und nur noch von Terroristen sprechen. Wie kann man das Problem in diesen Ländern lösen?
4. Wunschdenken
AxelSchudak 22.09.2013
Zitat von APPEASEMENTwünschte mir, das bei lochen Berichten nicht immer der religiöse Hintergrund der Täter eine wichtige Rolle spielt. Man sollte das konsequenterweise ausklammern und nur noch von Terroristen sprechen. Wie kann man das Problem in diesen Ländern lösen?
Ihr Wunsch, die Religion auszublenden, trägt nicht zur Lösung bei, da sich diese Gruppen explizit auf ihre Religion berufen.
5. Unbesiegbar
funnukem 22.09.2013
Zitat von sysopREUTERSMindestens 39 Menschen starben bei einem Angriff auf ein Einkaufszentrum in Nairobi, unter ihnen auch Kinder. Noch immer halten sich die Terroristen mit Geiseln in dem Gebäude auf. Die Chancen für Verhandlungen mit der Schabab-Miliz sind schlecht. http://www.spiegel.de/politik/ausland/nairobi-angreifer-verschanzen-sich-mit-geiseln-in-einkaufszentrum-a-923706.html
So lange Terroristen gibt, die mit ihrer Ideologie durch Gehirnwäsche Märtyrer schaffen, denen ihr Leben genau so wenig wert ist wie das ihrer Opfer, wird der Terrorismus unbesiegbar bleiben. Wir müssen in unseren Welt Wohl oder Übel mit dem Risiko von solchen sinnlosen Attentaten leben. Sie werden sich nie völlig verhindern lassen. Es macht auch keinen Sinn unsere Freiheit einem übermächtigen Sicherheitsaparat zu opfern. Wie sagte schon Benjamin Franklin einer der Gründngsväter der USA vor knapp 300 Jahren: „Wer die Freiheit aufgibt um Sicherheit zu gewinnen, der wird am Ende beides verlieren.“
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Fläche: 571.416 km²

Bevölkerung: 45,546 Mio.

Hauptstadt: Nairobi

Staatsoberhaupt und Regierungschef:
Uhuru Kenyatta

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