Völkermord an Herero Delegation aus Namibia macht Druck auf Bundesregierung

Als Kolonialmacht schlug Deutschland den Aufstand der Herero im heutigen Namibia brutal nieder. Eine Delegation aus dem afrikanischen Land ist nun nach Berlin gereist - mit klaren Forderungen.

Soldat mit Kriegsgefangenen
AFP

Soldat mit Kriegsgefangenen

Von Vivien Krüger


Wenn Esther U. Muinjangue vor zehn Jahren in Deutschland über den Völkermord an ihren Vorfahren sprach, dann waren es meist nicht mehr als fünf oder sechs Leute, die ihr zuhörten. Heute seien es oft Hunderte. "Das ist eine gute Entwicklung", sagt sie. "Wir sind hoffnungsvoll."

Die Professorin für Sozialarbeit an der Universität Windhoek und Vorsitzende der Ovaherero Genocide Foundation in Namibia sitzt in einem Café in Berlin-Mitte. Seit zwei Tagen ist sie mit anderen Namibiern in der Hauptstadt, um nicht zum ersten Mal für ihr Anliegen zu kämpfen: Sie fordert die Deutschen auf, endlich die volle Verantwortung für den Völkermord an den Hereros und Namas Anfang des 20. Jahrhunderts zu übernehmen.

Zwischen 1904 und 1908 schlugen die Soldaten der deutschen Kolonialmacht im damaligen Deutsch-Südwestafrika die Aufstände der beiden dort ansässigen Hirtenvölker brutal nieder - unter der Führung von Lothar von Trotha. Dessen Leitspruch war: "Innerhalb der deutschen Grenze wird jeder Herero mit oder ohne Gewehr, mit oder ohne Vieh erschossen."

Die Deutschen trieben die Verfolgten in die Wüste, wo viele verdursteten. Sie erschossen ihre Kinder und vergewaltigten die Frauen. Die wenigen Überlebenden wurden enteignet und in Lager interniert. Das Volk der Herero wurde zu fast 80 Prozent ausgelöscht, das der Namas zu 50 Prozent.

Gespräche ohne Ergebnis

Die Taten sind unbestritten, doch was heute daraus folgen muss, darüber verhandeln seit 2015 die deutsche und die namibische Regierung: Es geht um Sprachregelungen, Gedenkformen, vor allem aber um eine Entschädigung - bislang ohne Ergebnis.

Im Mai 2017 reichten Herero- und Namas-Vertreter deshalb Klage gegen die Bundesregierung vor einem New Yorker Zivilgericht im Süden Manhattans wegen der Ermordung von 80.000 Menschen ein. Möglich macht das ein Paragraf im US-Gesetz, der es Privatpersonen erlaubt, Staaten wegen Verstößen gegen das Völkerrecht zu verklagen.

Konkret geht es um die Schuldanerkennung Deutschlands und die Wiedergutmachung für seine historischen Verbrechen in Südwestafrika. Länger als ein Jahr weigerte sich Deutschland, die Klage anzunehmen und schickte deshalb keine Vertreter vor Gericht. Die Bundesregierung berief sich auf die Staatenimmunität, die ihrer Meinung nach verhindere, dass ein ganzes Land verklagt werde. Nach heftigen Druck der Amerikaner beauftragte die Bundesrepublik im Januar dann aber den US-Juristen Jeffrey Harris, sie vor Gericht zu vertreten.

"Wir waren da sehr positiv gestimmt und hoffnungsvoll, dass die Dinge langsam in Gang kommen und es in die richtige Richtung geht", erzählt Esther U. Muinjangue. Doch bis heute gehe das Verfahren nur schleppend voran. Das Gericht vertagte sich auf Anfang Mai.

"Wollen direkt mit der Regierung verhandeln"

Der ehemalige CDU-Außenpolitiker Ruprecht Polenz ist der offizielle deutsche Verhandlungsführer. Er versucht weiterhin, eine Übereinkunft zu finden. Doch Muinjangue empfindet die deutsche Haltung bis heute als feindselig und wenig kooperativ. "Wir würden sehr gerne direkt mit der deutschen Regierung verhandeln und nicht ständig nur über Bevollmächtigte", sagt sie.

Ihre Stiftung wird seit Anfang des Jahres auch vom Europäische Zentrum für Verfassungs- und Menschenrechte ECCHR aus Berlin unterstützt. Die Menschenrechtsanwälte um den ECCHR-Generalsekretär Wolfgang Kaleck beraten die Namibier in rechtlichen Fragen und helfen mit, ihr Anliegen in Deutschland weiter zu verbreiten.

Esther U. Muinjangue bekommt oft zu hören, es gehe den Namibiern ja nur um Geld. Ihre Forderungen gingen darüber aber weit hinaus, sagt die Delegationsleiterin: Neben der finanziellen Unterstützung, etwa in die infrastrukturellen Probleme Namibias oder den Gesundheitsbereich, sollten sich die Deutschen auch für Denkmäler oder in Bildungs- und Aufklärungsprogrammen engagieren.

Truppen aus Hamburg

Die Delegation aus Namibia reist nun weiter nach Hamburg, wo am Freitag und Samstag der Zweite Transnationale Herero- und Nama-Kongress stattfindet, organisiert von der Initiative Schwarze Menschen in Deutschland Bund e. V., der Rosa Luxemburg Stiftung Hamburg und dem zivilgesellschaftlichen Bündnis "Quo Vadis Hamburg".

Hamburg ist für Muinjangue ein spezieller Ort, wurden doch die Verstärkungstruppen der deutschen Kolonialmacht Anfang des 20. Jahrhunderts vom Hamburger Hafen aus entsandt. Die Stiftungsvorsitzende hofft sehr, dass ihr Besuch in Hamburg eine Spur der Aufklärung hinterlassen wird und sich immer mehr Menschen des historischen Schicksals der Hereros und Namas annehmen werden.

Es wäre wunderbar, sagt Esther U. Muinjangue, wenn es den Kindern der Hereros und Namas irgendwann einmal möglich wäre, "nach Berlin oder Hamburg zu reisen, um dort in unterschiedlichen Bereichen zu studieren und dieses Wissen anschließend zurück in ihre Heimat zu tragen".



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