US-Wahlkampf Jetzt will jeder der neue Ronald Reagan sein

Die US-Präsidentschaftskandidaten überbieten sich gegenseitig mit Lobreden auf die verstorbene First Lady Nancy Reagan - vor allem Donald Trump hofft, das Erbe ihres Ehemannes antreten zu können. Tatsächlich gibt es viele Ähnlichkeiten.

Donald Trump
REUTERS

Donald Trump

Von , Washington


Für viele Europäer waren Ronald und Nancy Reagan in den Achtzigerjahren der Inbegriff des imperialistischen, gemeingefährlichen Amerikas. Er, ein Ex-Schauspieler, der Deutschland mit US-Atomraketen vollstellte, erschien friedensbewegten Deutschen lange als Kriegstreiber. Sie, mit Beton-Föhnfrisur und eingefrorenem Hollywood-Lächeln, gab die undurchschaubare First Lady an seiner Seite.

In Amerika wurden die Reagans dagegen bis ins hohe Alter verehrt. Zum Tode von Nancy Reagan, die am Wochenende im Alter von 94 Jahren starb, stimmten Politiker und Medien Loblieder auf die Ex-First-Lady an. Sie sei eine Frau mit Stil und Einfluss gewesen, stellte die "New York Times" ehrfürchtig fest. Auch die Präsidentschaftskandidaten beeilten sich, die große alte Dame der republikanischen Partei ausführlich zu würdigen.

"Nancy Reagan, die Ehefrau eines wahrhaft großen Präsidenten, war eine beeindruckende Frau", twitterte Donald Trump. "Sie hatte eine große Leidenschaft für unsere Nation", erklärte Ted Cruz. Und Marco Rubio befand, Nancy habe eine ganze Generation von Amerikanern durch ihr Beispiel "inspiriert".

"Nancy Reagan hat einmal geschrieben, nichts könne einen auf das Leben im Weißen Haus vorbereiten. Sie hatte recht, natürlich. Aber wir hatten einen Vorsprung, weil wir das Glück hatten, sie als Beispiel zu haben. Unsere ehemalige First Lady hat diese Rolle neu definiert."

US-Präsident Barack Obama und seine Ehefrau Michelle

"Nancy war eine außergewöhnliche Frau: eine gnädige First Lady, eine stolze Mutter und eine hingebungsvolle Ehefrau für Präsident Reagan - ihren Ronnie. Ihre Charakterstärke war legendär."

Ex-Präsident Bill Clinton und Präsidentschaftsbewerberin Hillary Clinton

"Nancy Reagan, die Ehefrau eines wahrhaft großen Präsidenten, war eine beeindruckende Frau. Sie wird fehlen."

Republikanischer Präsidentschaftsbewerber Donald Trump

"Präsident Reagan ist wieder mit seiner Ehefrau und seiner Partnerin vereint. Aber Amerika und die Reagan-Familie haben eine Frau von Größe und Stärke verloren. [...] Ihre Liebesgeschichte war eine der größten unseres Landes. Amerika ist stärker und besser dank ihnen."

Ex-Präsident Jimmy Carter

"Nancy Reagan wird für ihre große Leidenschaft für unsere Nation und ihre Liebe für ihren Ehemann Ronald in Erinnerung bleiben."

Republikanischer Präsidentschaftsbewerber Ted Cruz

"Nancy Reagan war eine vorbildliche First Lady. Selbst nach ihrer Zeit im Weißen Haus war sie eine Kämpferin für Stammzellenforschung, um ein Heilmittel gegen Alzheimer zu finden. Nancy Reagan hatte ein gutes Herz, und sie wird sehr fehlen."

Demokratischer Präsidentschaftsbewerber Bernie Sanders

"Ich erinnere mich an Nancy als eine noble Frau, die Präsident Reagan unterstützte und an seiner Seite stand. Sie wird als eine gute Freundin Israels in Erinnerung bleiben."

Israels Premier Benjamin Netanyahu

"Sie definierte ihre Rolle als Schutzschild für das emotionale und physische Wohlergehen des Präsidenten."

Carl Sferrazza Anthony, Historiker der First Ladies' Library in Ohio

"Nancy Reagan war eine meiner Heldinnen. Sie diente mit unglaublicher Kraft, Klasse und Grazie als First Lady und hinterließ ihre Spuren in der Welt."

Ex-Gouverneur Arnold Schwarzenegger

"Nancy Reagan war Präsident Reagan absolut treu, und es tröstet uns, dass sie noch einmal vereint werden."

Barbara Bush, Frau von Ex-Präsident George Bush senior

Es ist eine jener seltsamen Launen der Geschichte, dass Nancy Reagan ausgerechnet in diesen Tagen gestorben ist. Mitten in einem schmutzigen, harten Wahlkampf um die nächste Präsidentschaftskandidatur erinnert ihr Tod Amerikas Konservative an bessere Jahre. Einmal mehr wird deutlich, wie weit sich die Republikaner von den für sie goldenen Zeiten der Reagan-Ära entfernt haben. Während die Partei unter Reagan vereint und stark war, ist sie nun zutiefst gespalten, ihre Präsidentschaftskandidaten beschimpfen sich gegenseitig als Lügner und streiten sich in TV-Debatten sogar über Penislängen.

Schon seit Beginn des Wahlkampfs berufen sich fast alle Kandidaten auf Reagan. Egal ob Trump, Rubio oder Cruz - jeder will sich den amerikanischen Wählern als der wahre Erbe des 2004 verstorbenen Ex-Präsidenten präsentieren. Der Sender CNBC zählte nach, dass sein Name in einer der republikanischen TV-Debatten insgesamt 60 Mal fiel. Immer noch ist "Reagan" in Amerika eine Chiffre für Erfolg, Kraft und politische Überlegenheit.

Vor allem Donald Trump erscheint mit seinem Wahlspruch "Make America great again" ("Macht Amerika wieder groß") als Wiedergänger des einstigen republikanischen Heroen. Den gleichen Spruch nutzte Reagan in seiner erfolgreichen Wahlkampagne 1979 gegen den damaligen Präsidenten Jimmy Carter. Nun ziert er rote Trump-Mützen, Anstecker und Wahlplakate.

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Nancy Reagan ist tot: Von den Höllenhunden zur First Lady
Zwar bezieht sich Trump in seinen Reden relativ selten direkt auf Reagan, aber er versucht, mit seiner Kampagne gegen die Eliten in Washington bewusst an das Gefühl der Reagan-Jahre anzuknüpfen. Wie heute Trump war auch Reagan ein politischer Außenseiter, ein Anti-Intellektueller, der nie ein Buch las und gegenüber dem Ausland breitbeinig auftrat. Und wie heute hatten auch damals viele US-Bürger den Eindruck, von einer schwachen, korrupten Elite geführt zu werden, mit der endlich aufgeräumt werden müsse.

Reagan versprach den politischen Aufbruch - so wie Trump

Nach dem Vietnamkrieg und den Ölkrisen versprach der politische Außenseiter Reagan einen fundamentalen Wandel und Aufbruch. Und er konnte liefern: Die "Reagan Revolution", eine Mischung aus harten neoliberalen Reformen im Inland und militärischer Stärke im Ausland, gab Amerika viel von seinem Selbstbewusstsein zurück.

An diese Ära will Trump anknüpfen - ähnlich wie einst Reagan schafft er es, mit nationalistischen Tönen Wähler aus einer frustrierten Arbeiterschaft und Mittelschicht zu gewinnen, die bislang eher wenig Leidenschaft für Politik zeigten.

Genervt sprechen Trumps Widersacher dem Milliardär derweil das Recht ab, sich als Erbe Reagans zu präsentieren. Trump habe in der Partei Abraham Lincolns und Ronald Reagans nichts zu suchen, lautet einer der Lieblingssätze von Marco Rubio. Und Ted Cruz betont stets, er allein sei es, der die "breite Reagan-Koalition" aus Arbeitern, Evangelikalen und Konservativen wieder zusammenbringen könne.

Was in dem Wahlkampfgetöse derweil in Vergessenheit gerät, ist, dass sowohl Ronald Reagan als auch seine Frau Nancy in ihren späteren Jahren im In- und Ausland durchaus für Ausgleich und Versöhnung eintraten. Es war Reagan, der in den Abrüstungsgesprächen mit der Sowjetunion wichtige Weichen für das Ende des Kalten Kriegs stellte. Seine Frau Nancy soll ihn dazu ermuntert haben.

Vor allem sorgten sich die Reagans stets um die Einheit seiner Partei. Einer der wichtigsten Sprüche von Ronald Reagan lautete: "Ein Republikaner sollte niemals schlecht über einen anderen Republikaner sprechen."

Daran hält sich in seiner Partei nun wahrlich niemand mehr.

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Marinus_Ladegast 07.03.2016
1. Trump, the
Reagan hatte bereits eine lange Karriere in der Politik vorzuweisen, als er sich für das Präsidentenamt bewarb. Bekanntlich war er unter anderem acht Jahre lang Gouverneur von Kalifornien. Trump hat Erfahrung in Reality-TV-Shows. Und was immer man von Reagan halten mochte, er war ein begnadeter Redner, der es verstand, seine Zuhörerschaft mit Witz und Charme für sich einzunehmen. Bei Trump finden wir da wohl eher die grobschlächtige Pöbelei eines pubertierenden Schulhofschlägers.
mazzeltov 07.03.2016
2. Was haben Reagan und Trump gemeinsam?
Ein simples Weltbild und keine Ahnung von Politik. Und was ist der Unterschied? Reagans Präsidentschaft war ein Desaster für die US-amerikanische Okönomie. Bei Trump darf man dies noch im Konjunktiv formulieren...
mielforte 07.03.2016
3. Dann war es nicht die schlechteste Zeit
und der jetzige Wahnsinn sollte beendet werden. Die Welt steht auch ohne Krieg vor schier unlösbaren Aufgaben. Es genügt für die nächsten 50 Jahre, aber keinen Krieg mehr!
danielc. 07.03.2016
4.
Auch die soziale Zerrissenheit dieses Staates lässt sich auf die Reagenjahre zurückführen. Bildung, das heißt in den USA auch Ausbildung, ist ein Luxus, den sich viele Familien nicht leisten können. Es wird Zeit, den sozialen Kahlschlag umzukehren. Stärke nach Außen und Ungerechtigkeit im Innern sind eine fatale Kombination. Wie soll dieses zerrissene Land den Besiegten heute als Vorbild dienen? Ich hoffe, dass die wenigen verbliebenen Wähler das Innere mehr im Blick haben, als die äußere Stärke. Wenn man sich die Bildung und Kriminalität auf Kuba ansieht, sieht man, das Castro nicht alles falsch gemacht hat und seine Ablehnung des US-Imperialismus nicht nur surreale Ideologie ist. Europas sozialen Verhältnisse konnten die wachsenden Ungleichheiten bisher verkraften, weil das Durchschnittsalter anstieg. Das könnte sich mit einem vermehrten Zuzug junger Menschen ändern. Der Rechtsruck ist eine reale Gefahr!
crazy_swayze 07.03.2016
5. Reagan
Ist die neoliberale Politik Reagans wirklich so anbetungswürdig gewesen? Ich denke eher die Reps haben alle einen an der Waffel.
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