Narzissmus und Politik Heulsusen-Alarm

Was haben Donald Trump und die Anti-Diskriminierungsbewegung gemein? Mehr als man meinen sollte. Trump ist nur der radikalste Ausdruck einer Kultur des Infantilen, die alles auf sich selbst bezieht.

Donald Trump
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Was ist schlimmer als ein Bully? Ein Bully, der heult, dass die anderen so gemein zu ihm sind.

Je näher der Wahltermin rückt, desto mehr tritt bei Donald Trump sein Hang zur Wehleidigkeit hervor. Wie bei allen narzisstischen Charakteren liegen Größenwahn und Selbstmitleid nahe beieinander. Wenn nicht so viele Leute zu den Veranstaltungen kommen wie erwartet, liegt das daran, dass Hillary Clinton Störer bezahlt und die Wähler einschüchtert. Wenn er in den Umfragen absackt, sind die Journalisten schuld, die nur das berichten, was ihm schadet. Bei der ersten Fernsehdebatte haben sie ihm ein kaputtes Mikrofon angedreht, damit er schlecht zu verstehen war.

"Es ist einfach so unfair. Es ist so unfair", beklagte er sich neulich in Virginia bei seinen Anhängern. Vorsorglich hat Trump schon mal wissen lassen, dass er nicht schuld ist, wenn die Sache im November schiefgeht. Ob er die Wahl anerkennt, will er vom Ausgang abhängig machen.

Wer Kinder hat, der kennt das Verhalten. Es zeichnet Kinder aus, dass sie mit ihren Gefühlen bei Zurückweisung oder fehlender Beachtung noch nicht umgehen können. Der Fünfjährige wirft sich auf den Boden, wenn ihn die Frustration übermannt, und trommelt mit beiden Fäusten auf die Erde. Trump nimmt das Smartphone und schreibt wilde Tweets, in denen er alle beschimpft, die nicht einsehen wollen, wie großartig er ist.

Wenn man sich einmal an den Gedanken gewöhnt hat, dass Trump, was die emotionale Reife angeht, auf dem Stand eines Fünfjährigen ist, versteht man viele Verhaltensweisen. Kinder leben in einer magischen Welt. Wenn sie sagen, dass eine hohe Mauer sie vor dem Bösen schützen wird, dann wird es so kommen. In einem TV-Spot hat Trump angekündigt, wie er mit dem IS fertig werden will: Erst werde er dem IS den Kopf abschlagen, und dann nehme er ihnen das Öl weg. Er hätte auch sagen können, wir zaubern sie weg.

Ich schreibe das, weil ich eine bemerkenswerte Parallele festgestellt habe. Nirgendwo wird der Kandidat der Republikaner so inbrünstig gehasst wie an den amerikanischen Hochschulen. Dabei ist Trump den Studenten viel näher, als sie das wahrhaben wollen.

Alles, was ihm so schwerfällt - die nüchterne Weltbetrachtung, die Auseinandersetzung mit dem fremden Argument, die Abstraktion von der Betroffenheit - ist auch an den Hochschulen nicht mehr selbstverständlich. An die Stelle der Debatte ist eine Kultur der radikalen Subjektivität getreten, die das eigene Empfinden zum Dreh- und Angelpunkt der Erkenntnis macht.

Der narzisstische Charakter bezieht alles auf sich selber. Um tödlich getroffen zu sein, reicht eine falsche Bemerkung. Oder das falsche Kostüm. Die Studentenvertretung der University of Washington hat neulich in einem sechsminütigen Video darüber aufgeklärt, was man zu Halloween tragen könne und was nicht. Ein Sombrero zum Beispiel gilt als beleidigend, weil er Studenten mit mexikanischen Wurzeln herabsetzt. Auch eine Perücke bei einem Mann kann diskriminierend wirken, da das den Kampf der Transgenderpeople um Anerkennung ins Lächerliche zieht.

"Wir leben in einer Generation der Pussys"

Weil man als Lehrer ständig Gefahr läuft, die Gefühle anderer zu verletzen, sind einige Professoren dazu übergegangen, sogenannte "Trigger"-Warnungen auszugeben: Die Studenten werden darüber in Kenntnis gesetzt, dass in den zu behandelnden Texten ein Frauenbild auftauchen könnte, das nicht heutigen Vorstellungen entspricht.

An einigen Hochschulen haben sie sogenannte Safe Spaces eingerichtet, in denen die Angehörigen von Minderheiten sicher sein dürfen, dass sie auf nichts stoßen, was sie verstören könnte. Als ein Dekan der Universität von Chicago neulich an alle Erstsemester schrieb, dass sie dabei seien, ein Umfeld zu betreten, in dem sie auch auf Meinungen stoßen würden, die nicht die ihren seien, galt das als Sensation.

In Deutschland sind wir noch nicht so weit, aber wir bewegen uns mit großer Geschwindigkeit dahin. Um als Sexist durchzugehen, genügt es inzwischen auch hier, dass man einer sexistischen Äußerung nicht entschieden genug widersprochen hat. "Rein optisch wäre sie ein Gewinn", heißt es über eine Parteifreundin in einem E-Mail-Austausch zwischen dem CDU-Generalsekretär Peter Tauber und weiteren Funktionären, der hohe Wellen geschlagen hat. Nicht Tauber hat das geschrieben, sondern ein anderer. Aber Tauber hat nicht protestiert, unter anderem deshalb steht er am Pranger.

Vor ein paar Wochen hat Clint Eastwood seine Sympathie für Trump erklärt. Er werde ihn wohl wählen, weil er wenigstens keine Pussy sei, sagte Eastwood. "Wir leben in einer Generation der Pussys. Alle laufen wie auf Eierschalen. Ständig beschuldigen sich die Leute, Rassisten oder was auch immer zu sein." Das ist ein ehrenhafter Ansatz. Eastwood für seinen Teil hat noch nie zu den Pussys gehört, die bei allem, was schiefläuft, anderen die Schuld geben.

Ich fürchte nur, dass er sich den falschen Kandidaten ausgesucht hat. Wenn es in diesem Wahlkampf jemanden gibt, der bewiesen hat, dass ihn so schnell nichts aus der Bahn wirft, dann ist es Trumps Gegenspielerin. Man kann Hillary Clinton alles Mögliche nachsagen: Aber dass sie zur Weinerlichkeit neigen würde, gehört definitiv nicht dazu.

Sehen Sie hier den Verlauf der Umfragewerte:

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Seite 1
hotgorn 24.10.2016
1. Überschrift
Ach fleischi der hotgorn hat laut printspiegel sogar ein Narzissmus-Defizit ja dazu gab es einen wissenschaftlichen test der auch online verfügbar ist. Toll das ich in den genuss einer erzkonservativen Familie gekommen bin und dadurch aus versehen links geworden bin ;-)
Matzimaus 24.10.2016
2. Passend!
"Was haben Donald Trump und die amerikanische Anti-Diskriminierungsbewegung gemein? Mehr als man meinen sollte. Trump ist nur der radikalste Ausdruck einer Kultur des Infantilen, die alles auf sich selber bezieht." Erzählen Sie das mal dem Bundes-Heiko! ;)
d_grat 24.10.2016
3. Zumindest hat Trump den IS nicht bewaffnet
Siehe *Leaks
protoscorsair 24.10.2016
4. Political correctness ermöglicht Trump und AFD
Zustimmung an Fleischi und ich gehe noch einen Schritt weiter: Die beschriebene Haltung (Sombreros beleidigen Mexikaner, usw.) lässt bei ganz normalen Menschen das Gefühl entstehen, im falschen Film zu sein. Da muss mal wieder jemand her, der Klartext redet und sagt, dass Mexikaner, die sich durch einen Hut beleidigt fühlen, selbst schuld sind! Und in diese Marktlücke stößt Trump in den USA und die AFD bei uns. Im Karneval verkleiden sich tausende Männer als Frauen. Warum auch nicht? Es folgt eine Liste ab jetzt verbotener Köstume mit Begründung: Krankenschwester (reduziert Frauen aus das sexuelle), Cowboy (könnte die Ureinwohner verhönen, weil die Cowboys sie fast ausgerottet haben), Indianer (könnte die Ureinwohner verhöhnen, weil es deren Tradition ist), Roboter (da könnte der Lagerist in Tränen ausbrechen, weil er bald seinen Job an einen verliert). Am besten wir verbieten Karneval oder wählen Trump!
palef 24.10.2016
5. Fleischhauer unglaublich!....
heute nichts gegen Linke oder Frauen, dafür nur ein bisschen Push-Jokes, so unter Umkleide-Männern....leichter Fortschritt!...?
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