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Naschi-Bewegung: Der Führerkult der Putin-Jugend

Von , Moskau

Massenhochzeiten, Militärübungen und Stalking-Attacken auf Demokraten: Mit rüden Methoden mischt die Putin-treue Naschi-Jugend den russischen Wahlkampf auf. Unterstützt vom Kreml propagiert die Bewegung den Führerkult - und ein Russland in den Grenzen der Sowjetunion.

Moskau - Nikita Borowikow sieht aus, als wäre er in der Jungen Union. Smartes Lächeln, Anzughose, Fönfrisur, und seine Finger spielen ständig mit dem Handy. Ein junger Mann von 26 Jahren, wie es ihn auch in Deutschland, Frankreich oder Amerika geben könnte. Wenn er allerdings spricht, erinnert nur noch wenig an westlichen Lebensstil. "Russland braucht einen nationalen Führer."

Borowikow ist Vorstandsmitglied der Jugendorganisation Naschi. Naschi bedeutet "die Unsrigen", mit dem Schlachtruf feuern Fußballfans die russische Nationalmannschaft an. Landesweit hat die Organisation Tausende Mitglieder - und sie ist Präsident Wladimir Putin blind ergeben.

"Wer schlecht von uns denkt, nennt uns Putin-Truppe", sagt Borowikow. "Alle anderen sagen 'national orientierte Jugend'."

In Russland ist Naschi allgegenwärtig. Mit sozialen Aktionen macht die Organisation ständig auf sich aufmerksam. "Wir reden nicht über Kinderheime", sagt Borowikow. "Wir sammeln Geld und renovieren ein Heim selbst." Besonders beliebt ist das öffentliche Blut-Spenden. Dazu legen sich Naschi-Aktivisten in russische Innenstädte und lassen ihre Venen vor den Augen der Passanten anzapfen. "In den Krankenhäusern fehlt Spenderblut. Also rufen wir zum Spenden auf", sagt Borowikow.

Dabei ist die Sozialpolitik nur Beiwerk. Das Hauptziel von Naschi ist ein mächtiges Russland, national geeint hinter einem starken Präsidenten.

Der eine, alles überragende Führer

"Das russische Parteiensystem ist noch jung", sagt Borowikow. "Es kann nicht die Interessen des ganzen Volkes vertreten." Stattdessen propagiert Naschi den einen, alles überragenden Führer: "Außer Putin gibt es kein Subjekt, das im Volk solche Zustimmung erfährt."

Borowikow selbst ist promovierter Jurist, doch während des Wahlkampfs lässt er die Arbeit ruhen. Im Dezember wählen die Russen ein neues Parlament, und für Naschi geht es dabei um alles: Putins Amtszeit geht im nächsten Frühjahr zu Ende. Wenn er weiter eine politische Rolle spielen soll, muss seine Partei Einiges Russland bei den Duma-Wahlen ein überragendes Ergebnis erzielen (siehe Kasten).

Einer, der weiß, wie der Wahlkampf läuft, ist Wladimir Ryschkow. Er ist einer der letzten unabhängigen Abgeordneten in der Duma. Bei der Dezember-Wahl darf er nicht mehr kandidieren, nachdem seine Partei aufgelöst wurde - angeblich verfügt sie nicht über die nötigen 50.000 Mitglieder. Ryschkow lässt sich trotzdem nicht den Mund verbieten. Zunehmend bekommt er dabei Ärger mit Naschi.

"Wenn ich in der Öffentlichkeit auftrete, gibt es immer Provokationen." Wahlkampfreden oder Werbestände in Moskaus Innenstadt - überall, wo Ryschkow aktiv wird, sind Scharen von Naschi-Aktivisten zur Stelle. In der Regel belassen es die Jungpolitiker bei Verbalattacken. Doch allen Passanten ist klar: Wer Ryschkow zuhört, hat es mit mächtigen Gegnern zu tun.

Panische Angst vor der orangen Revolution

Besonders perfide wurde dem Oppositionspolitiker am 3. September mitgespielt. Es war sein Geburtstag - doch bei ihm zuhause schauten nicht nur Freunde vorbei. Als es klingelte, sah sich Ryschkow einer Gruppe der Jungen Garde gegenüber. Die Truppe ist der Jugendflügel von Putins Partei Einiges Russland.

"Sie hielten eine kleine Ansprache und überreichten mir eine amerikanische Flagge", erzählt Ryschkow. Zunächst wusste er mit dem merkwürdigen Besuch nichts anzufangen. Kurze Zeit später tauchte jedoch im Internet ein Video auf: Ryschkow mit der US-Flagge und dazu der Kommentar, er sei Agent der CIA. "Außerdem hieß es, ich würde eine orange Revolution vorbereiten."

Orange - in kremltreuen Kreisen ist dies ein anderes Wort für Vaterlandsverrat. Seit der Revolution in der Ukraine haben Politiker und Behörden fast panikartige Angst vor einem Umsturz in Russland.

"Es gibt eine konstruktive und eine destruktive Opposition", sagt Naschi-Vorstand Borowikow. Den Rechtsextremisten Wladimir Schirinowski, der dem Westen mit einem "dritten Weltkrieg" gedroht hat, hält er zum Beispiel für konstruktiv. "Er tritt für vernünftige Positionen ein und bleibt im Rahmen der Gesetze."

Kreml-kritische Politiker wie Ryschkow, Ex-Premier Michail Kassjanow oder die oppositionelle Partei Anderes Russland gehören dagegen in die Kategorie destruktiv. "Ihre Aktionen sind gegen die nationalen Interessen gerichtet", sagt Borowikow.

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Naschi: Eine Jugend für Putin
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