14. Juli in Frankreich: Millionenfeier in der Flaute
Der 14. Juli ist in Frankreich kein Tag der Bescheidenheit: Auch Präsident François Hollande gönnt seinem Volk zum Nationalfeiertag ein millionenschweres Fest. Dabei gibt es für eine große Party wenig Anlass.
Eine glanzvolle Militärparade zwischen Arc de Triomphe und Place de la Concorde, ein Gartenfest im Pariser Elysée-Palast, ein offiziöses Interview des frisch gewählten Staatschefs, der sich dann zum ausgedehnten Bad in der Menge in die bretonische Hafenstadt Brest begibt. Am Abend ziehen Musikkapellen durch die Städte und Dörfer, es gibt das übliche Feuerwerk, auf dem Feuerwehrball wird getanzt. Auch François Hollande, der "normale Präsident", begeht den Festtag der Nation mit großem Pomp. Hollande fuhr während der prunkvollen Parade in einem offenen Armeefahrzeug.
Doch jenseits der gepflegten Volksfestatmosphäre an diesem 14. Juli gibt es für Hollande wenig Anlass zum Feiern. Da ist der Ärger um die Twitter-Affäre seiner Lebensgefährtin Valérie Trierweiler. Diese zeigte sich am Samtag zum ersten Mal seit Beginn des Skandals wieder bei einem großen offiziellen Termin.
Vor allem aber drücken die ökonomischen Negativmeldungen auf die Stimmung. Das Wirtschaftswachstum notiert im ersten Trimester bei null, die Rekordschulden haben fast 90 Prozent des Bruttoinlandprodukts erreicht, der Lebensstandard sinkt, die Arbeitslosigkeit stieg auf rund zehn Prozent. Und jetzt, zwei Monate nach der Wahl des Präsidenten, sieht sich die linke Regierung einer Woge von Hiobsbotschaften aus dem privaten Sektor gegenüber.
Den Anfang machte Pkw-Hersteller PSA-Citroën, der pünktlich zum Nationalfeiertag die Streichung von 8000 Stellen verkündete und die Schließung seines Werks in Aulnay-sous-Bois. Vom Ende der Produktion betroffen sind dort nicht nur die 3000 Autowerker selbst, sondern auch die 6000 Beschäftigten der Zulieferer aus der Region im Norden von Paris. "Schock", "kalte Dusche" oder "sozialer Crash" titeln die Tageszeitungen, der "Figaro" spricht vom "ersten Test in Lebensgröße" für die Sozialisten.
Doch so einfach will Hollande die angekündigten Kürzunge nicht hinnehmen. Den PSA-Plan nannte er in der aktuellen Form "inakzeptabel". Der Autobauer müsse seinen Sanierungsplan neu verhandeln, um sicherzustellen, dass die sozialen Folgen minimiert würden. Doch auch der Staat werde sich bemühen, dem Automobilsektor neue finanzielle Anreize zu bieten. Ein entsprechendes Konzept soll bis zum Ende des Monats stehen.
Bis zu 75.000 bedrohte Jobs
Doch nicht nur die Autohersteller plagen Problem. Ob Telekommunikation, Industrie oder Infrastruktur - die Gewerkschaft CGT addiert die Zahl der bedrohten Arbeitsplätze auf 75.000. Die schwarze Liste liest sich wie ein Unternehmensführer quer durch alle Branchen: Betroffen sind die Elektronikfirma Technicolor, der Stahlproduzent Arcelor-Mittal, Renault genauso wie General Motors. Sorgen um die Arbeitsplätze macht man sich auch beim Kanalschifffahrer SeaFrance, beim Urlaubsunternehmen TUI-France sowie bei Air France.
Laut CGT wollen die Banken HSBC, UBS und Commerzbank Personal reduzieren, Jobs wackeln auch bei der Konkurrenz Société Générale, BNP und Crédit Agricole. Dazu soll auch bei den Großen der Lebensmittelbranche (Casino, Auchan, Carrefour) Stellen abgebaut werden. Beim Pharmahersteller Sanofi munkelt man von einer "Umstrukturierung", die gleich Tausende von Arbeitsplätzen bedrohen könnte. Und die Vereinigung für öffentliche Arbeiten schätzt, dass 6000 Stellen bis Ende des Jahres durch Sparvorhaben gefährdet sind.
Dass Stellenabbau, Kündigungen und Arbeitslosigkeit gerade jetzt für Schlagzeilen sorgen, ist freilich kein Zufall. Zu Beginn der Urlaubssaison ist bei den Betroffenen der Wille zum Widerstand geringer, vor allem wenn es um Protestaktionen wie Streiks oder gar Firmenbesetzungen geht. Außerdem hatte die Vorgängerregierung unter Präsident Nicolas Sarkozy während des Wahlkampfs Druck auf die Industriellen ausgeübt, mit den schlechten Nachrichten erst nach dem Wahltag am 6. Mai an die Öffentlichkeit zu gehen.
Keine Aussicht auf Besserung
"Die Verantwortung liegt bei Sarkozy", schimpft daher Regierungssprecherin Najat Vallaud-Belkacem. "In Wahrheit war die vorhergehende Regierung bestens informiert über das, was sich da zusammenbraute." Die Entscheidungen seien vor langer Zeit getroffen worden, "doch nichts wurde getan, um zu sie verhindern oder um für die Umschulung der Beschäftigten Vorkehrungen zu treffen", klagt die Sprecherin.
Aussicht auf Besserung? Fehlanzeige. Zwar berieten Gewerkschaften, Arbeitgeber und Regierung bei einem Sozialgipfel über Rettungs- und Notmaßnahmen, um dem chronischen Verlust von Arbeitsplätzen und dem Wettbewerbsmangel von Frankreichs Unternehmen beizukommen. Doch Premier Jean-Marc Ayrault warnte in seiner Regierungserklärung "angesichts der verzögerten Sozialpläne vor dem Risiko der Arbeitslosigkeit für mehrere tausend zusätzliche Familien". Und Arbeitsminister Michel Sapin erklärte unlängst, er sehe keinen Grund, dass sich die Lage am Arbeitsmarkt "wie durch ein Wunder" verbessern könnte.
Grund genug für Pessimismus. Doch während sich die Bürger am Wochenende über verstopfte Autobahnen Richtung Urlaub bewegen, ist wenigstens für einen Tag das Gedenken an die glorreiche Vergangenheit der Französischen Revolution wichtiger als die wenig angenehme Gegenwart: Mit Pferden, Panzern, Düsenjägern und Fallschirmspringern paradieren die Streitkräfte "im Dienst der Nation und des Friedens", und Frankreich feiert seinen Anspruch auf Weltgeltung - trotz des angekündigten rigorosen Sparprogramms.
Kostenpunkt für die Sause: rund vier Millionen Euro.
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Fläche: 543.965 km²
Bevölkerung: 63,461 Mio.
Hauptstadt: Paris
Staatsoberhaupt:
François Hollande
Regierungschef: Jean-Marc Ayrault
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