Trikoloren-Streit in Rumänien Elenas Stirnband

Ein Stirnband in Landesfarben macht sie zur Nationalheldin: Eine 15-jährige Rumänin demonstrierte gegen ihre ungarischen Mitschüler und löste eine Patriotismus-Welle aus. Die Regierung versucht, die Stimmung zur Durchsetzung einer umstrittenen Reform zu nutzen.

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Facebook-Unterstützung für ein Stirnband: Rumänien im Rausch der Trikolore

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Kovászna - Es sollte eine Retourkutsche sein. Wie üblich unter Jugendlichen, die noch nicht gelernt haben, gelassen zu sein. Ein Schülerstreit an einer Provinzschule, eigentlich banal. Doch plötzlich stand Rumänien Kopf.

Am 15. März hatte die Neuntklässlerin Sabina Elena ein Stirnband in den Nationalfarben des Landes aufgesetzt und war damit in die Schule gegangen, ins Körösi-Csoma-Sándor-Gymnasium in Kovászna, mitten im Siedlungsgebiet der ungarischen Minderheit. "Letztes Jahr haben ungarische Schüler uns an unserem Nationalfeiertag, dem 1. Dezember, ausgepfiffen und obszöne Gesten gemacht", sagt die Schülerin. "Das wollte ich nicht unbeantwortet lassen."

Wenige Tage später war die 15-Jährige Rumäniens Nationalheldin. Nahezu unisono berichten die Medien seither in schrill-patriotischem Stil über das mutige Mädchen, das der ungarischen Minderheit Paroli geboten habe. Bei Solidaritätskundgebungen in rumänischen Großstädten gingen in den vergangenen Tagen Tausende auf die Straße. Elena und ihre Mutter traten in TV-Sondersendungen auf, eine Facebook-Solidaritätsseite für Elena fand 50.000 Unterstützer.

Tenor des Trikolorenrauschs: Ein junges Mädchen lehrt eine gebeutelte Nation Würde und weist eine feindliche Minderheit in ihre Schranken. Inzwischen ermittelt die Polizei wegen ominöser anonymer Todesdrohungen gegen die Schülerin, eine Sonderkommission des Bildungsministeriums untersucht die angeblich antirumänischen Tendenzen am Körösi-Csoma-Sándor-Gymnasium in Kovászna.

Elena wirkt sympathisch und unbedarft. Ein Stirnband in den rumänischen Nationalfarben zu tragen, sei ihr "spontan eingefallen", erzählt sie. "Ich fühle mich nicht als Nationalheldin, aber ich bin stolz, dass ich die Rumänen dazu gebracht habe, stolz zu sein."

Kovászna ist ein Städtchen im äußersten Südosten Siebenbürgens, 10.000 Einwohner, davon zwei Drittel Angehörige der ungarischen Minderheit. Am Körösi-Csoma-Sándor-Gymnasium lernen sowohl ungarische als auch rumänische Schüler, es gibt Klassen für beide Nationalitäten und Unterricht in beiden Sprachen.

Argwöhnisches Nebeneinander

Doch es ist ein argwöhnisches Nebeneinander. Nicht nur am Körösi-Csoma-Sándor-Gymnasium und im Städtchen Kovászna, sondern in der gesamten Region, genannt Szeklerland, seit Jahrhunderten ein kompaktes Siedlungsgebiet der Ungarn. Der Diktator Ceausescu versuchte durch eine nationalistische Siedlungspolitik die ethnische Zusammensetzung der Region zu verschieben. Das zerstörte das Verhältnis zwischen Rumänen und Ungarn nachhaltig: Viele der streng katholischen Szekler-Ungarn begegnen allem Rumänischen mit Misstrauen, viele örtliche Rumänen wiederum fühlen sich als Bollwerk ihrer Nation auf feindlichem, angeblich unrechtmäßig besetztem Territorium.

Doch die Wurzeln des Konflikts reichen noch tiefer in die Vergangenheit zurück. Der 15. März ist der Feiertag der Ungarn in aller Welt, sie gedenken ihres gescheiterten antihabsburgischen Freiheitskampfs von 1848, viele tragen ein kleines Band in den ungarischen Farben rot-weiß-grün am Revers. Auch manche Jugendliche am Körösi-Csoma-Sándor-Gymnasium.

Es ist keine kluge Idee, an diesem Tag mit einem Stirnband in den rumänischen Nationalfarben in der Schule zu erscheinen. Denn die Rumänen kämpften 1848 gegen die Ungarn. Das war der Anfang vom Ende der ungarischen Herrschaft in Siebenbürgen: 1920 musste Ungarn durch den Vertrag von Trianon zwei Drittel seines Territoriums an die Nachbarländer abtreten, Siebenbürgen verlor es an Rumänien. Der ungarischen und deutschen Minderheit Siebenbürgens wurden damals zwar Autonomiestatute zugesichert, eingehalten wurde das Versprechen jedoch nicht.

Warnung vor einer "Generation des Hasses"

Autonomieforderungen versus administrative Zerschlagung des Siedlungsgebiets der Szekler-Ungarn: Darum geht es auch jetzt. Die regierende wendekommunistisch-nationalistische "Sozialliberale Union" von Premier Victor Ponta will eine großangelegte Territorialreform umsetzen, bei der die drei Kreise des Szeklerlands in einem zentralrumänischen Großkreis aufgehen würden. Dadurch würde die ungarische Minderheit viele Rechte in lokalen Verwaltungen und im Bildungswesen einbüßen. Die politischen Vertreter der ungarischen Minderheit wehren sich verzweifelt gegen die Territorialreform und fordern ihrerseits Autonomie für das Szeklerland.

Doch nationalistischer Aufruhr wie im Fall der Trikoloren-Affäre könnte nicht nur dazu dienen, eine umstrittene Territorialreform zu legitimieren, sondern auch dazu, von anderen kontroversen Vorhaben abzulenken: So etwa versucht die Ponta-Regierung mit aller Macht, den Kampf gegen die Korruption zu stoppen und den Justizapparat unter ihre Kontrolle zu bringen.

Die Schulinspektorin im Kreis Kovászna, Irma Keresztély, fühlt sich in diesen Tagen an die Zeit vor 23 Jahren erinnert. Im März 1990 stand Siebenbürgen am Rande eines ethnischen Bürgerkriegs zwischen Ungarn und Rumänen, nachdem ehemalige Securitate-Kader blutige Auseinandersetzungen zwischen beiden Nationalitäten provoziert hatten. "Es ist beispiellos", sagt Irma Keresztély, "wie sich ein scheinbar harmloser Vorfall um ein Stirnband an einer Schule zu solchen Dimensionen aufblähen kann."

Selbst dem rumänischen Anwalt George Tabalai, der Sabina Elena und ihre Mutter vertritt, ist die Intensität der Trikoloren-Affäre nicht geheuer. "Die ungarischen und rumänischen Schüler bei uns in Kovászna und anderswo müssten viel mehr gemeinsame Projekte machen, um sich kennenzulernen", sagt er. "Sonst haben wir in zehn Jahren eine weitere Generation des Hasses."

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Forum - Diskussion über diesen Artikel
insgesamt 47 Beiträge
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deSelby 26.03.2013
1. Und in Westeuropa...
...machen sich intellektuelle Atavismen wie die Ideen der "Identitären" breit. Es steht fast zu befürchten, daß wir uns da eine Generation aggressiv-intoleranter Hinterwäldler heranziehen, deren Denken in politischen Kategorien des 19. Jahrhunderts verläuft: Ob identitäre Ideen, rückwärtsgewandter Islamismus oder Nationalismus... alles Ausprägungen eines unter Jugendlichen leider viel zu populären aggressiven Tribalismus, der keine Vielfalt mehr akzeptiert sondern homogene, uniforme Gesellschaften herbeisehnt.
spon-facebook-10000116853 26.03.2013
2. Wider dem Nationalismus!
Einstein nannte den Nationalismus eine Kinderkrankheit der Menschen, die Masern sozusagen... R. v. Weizäcker: "Patriotismus ist Liebe zu den Seinen; Nationalismus ist Haß auf die anderen." Ich kenne wenig Verabscheuungswürdigeres als schon in Kindern den Hass gegen andere zu säen... Wo dies hinführt sehen wir im Nahen Osten. Die Machthaber nutzen den billigen Nationalismus immer um von drängenderen Problemen und ihrer Unfähigkeit oder Unwilligkeit diese zu lösen, abzulenken.
glotzboeppel 26.03.2013
3. Beeindruckend. Immer wieder.
Verstehe ich das richtig? 165 Jahre danach und noch immer akzeptieren die einen nicht, dass Groß-Ungarn Geschichte ist und die anderen, dass die Ungarn eben da leben, weil es früher mal Ungarn war? Nationalismus ist wirklich ein Brett vor dem Kopf.
hansmaus 26.03.2013
4. oha
Ein Stirnband mit den Nationalfarben...bei uns würde das ein riesen Skandal auslösen....das Mädel würd mir bei uns schon fast leid tun denn mit Nazisachen ist nicht zu spaßen
Niehen 26.03.2013
5.
Zitat von deSelby...machen sich intellektuelle Atavismen wie die Ideen der "Identitären" breit. Es steht fast zu befürchten, daß wir uns da eine Generation aggressiv-intoleranter Hinterwäldler heranziehen, deren Denken in politischen Kategorien des 19. Jahrhunderts verläuft: Ob identitäre Ideen, rückwärtsgewandter Islamismus oder Nationalismus... alles Ausprägungen eines unter Jugendlichen leider viel zu populären aggressiven Tribalismus, der keine Vielfalt mehr akzeptiert sondern homogene, uniforme Gesellschaften herbeisehnt.
...woran man aber schlicht und ergreifend selbst schuld ist, indem man von EU über Euro und Bankenrettung bis zur Immigration einfach schlicht alles als alternativlos erklärt. Alternativlosigkeit ist nur ein Armutszeugnis einer Demokratie, die das aufgegeben hat, was sie ausmacht: Pluralismus.
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