Nationalist Schirinowski: Putins treuester Gegner

Von , Moskau

Russlands Politik-Zampano zieht wieder in den Kampf: Wladimir Schirinowski, Rechtspopulist mit Entertainer-Qualitäten, kandidiert zum fünften Mal für die Präsidentschaft. Kein Bewerber ist wortgewaltiger als er. Trotzdem bleibt ihm nur die Rolle des Possenreißers am Hofe von Zar Putin.

Nationalist Schirinowski: Der tobende Hofnarr Fotos
REUTERS

Für einen vermeintlich Irren, den Medien im Westen schon mal als "Russen-Hitler" titulierten, hat Wladimir Schirinowski viel erreicht. "Doktor der Philosophie" steht auf seiner Visitenkarte, "verdienter Jurist Russlands", "Mitglied der Akademie der Sozialwissenschaften". Der Chef von Russlands Liberal-Demokraten, die weder liberal sind noch demokratisch, fläzt sich auf einen Stuhl in seinem holzvertäfelten Büro im russischen Parlament. Ausländischen Besuchern gibt der Rechtspopulist hier gern "eine Blitzeinführung in die Politik, nach der ich Sie in einem Zustand nahe des Herzinfarkts zurückzulassen gedenke", wie er sagt.

Der Westen werde seine Wirtschaftsprobleme "durch Krieg zu überwinden suchen", sagt Schirinowski. Er warnt vor "Amerikas Verschwörung gegen die restliche Welt". Washingtons Konflikte mit der islamischen Welt seien nur ein Test für eine globale Offensive, Irak und Afghanistan die Generalprobe, "wie 1936 der spanische Bürgerkrieg für Hitler".

Derweil servieren adrett gekleidete Hostessen Kekse und Tee. Wladimir Wolfowitsch Schirinowski, 65, krauses, graues Haar, versteht es meisterhaft, den Strom der Ungeheuerlichkeiten und Provokationen niemals abreißen zu lassen. Zwanzig Jahre schon keilt er gegen den Westen. Mal schlägt er den Abwurf von Atombomben über dem Atlantik vor, um Großbritannien von einer Flutwelle überrollen zu lassen. Dann wieder prahlt er, das ehemals von Moskau beherrschte Baltikum könne eine "einzige Luftlandedivision" erobern, und zwar innerhalb von nur fünf Stunden.

Wenn Russland am Sonntag einen Präsidenten wählt, geht Schirinowski wieder mit rechten Parolen auf Stimmenfang. Von Kaliningrad im Westen bis Wladiwostok im Osten hat er sein Konterfei plakatieren lassen, die Faust drohend erhoben. "Schirinowski, oder es wird schlechter" steht daneben. Der Rechtsausleger ist der wortgewaltigste unter den vier zur Wahl zugelassenen Herausforderern Wladimir Putins.

Der treueste Gegner des Kreml

Über elf Prozent oder 56 Parlamentssitze hat Schirinowskis LDPR bei den Parlamentswahlen im Dezember erobert, 16 mehr als zuvor. Fürchten aber muss Putin, der laut Umfragen auf einen Sieg im ersten Wahlgang hoffen darf, den Nationalisten nicht: Schirinowski ist der treueste Gegner des Kreml.

In Russlands "gelenkter Demokratie" lässt der Kreml Parteien auf einen Wink hin neu entstehen oder zerfallen. Schirinowski und seiner LDPR, bei deren Gründung 1991 noch der Sowjetgeheimdienst KGB die Fäden zog, kommt die Rolle des Abfangjägers am rechten Rand zu. Schirinowski bindet nationalistisch gesinnte Protestwähler und sorgt ab und zu dafür, dass sich der Westen wieder vor Russland gruselt.

Für seine Tiraden hat er die Vollmacht der Führung. Als das neu gewählte Parlament Anfang Februar erstmals zusammentrat, wetterte er vom Podium aus gegen Putins Partei "Einiges Russland" und drohte, deren Abgeordnete mit der Mistgabel aufzuspießen. Ähnlich wie die Blockparteien in der ehemaligen DDR aber stützt die LDPR bei wichtigen Abstimmungen den Kurs des Kremls.

Hemd offen, Krawatte schief

Der Mann, der den Hemdkragen stets offen und den Schlips schlampig gebunden trägt, ist für viele Russen wie ein guter, alter Bekannter. Schirinowski bewirbt sich schon zum fünften Mal um das höchste Amt im Staat, so oft wie kein anderer der Kandidaten. In Russlands drögen Wahlkämpfen, deren Ausgang jeder im Voraus kennt, sorgt er für ein wenig Farbe.

Wenn sich Schirinowski in Rage redet, rudert er mit den Armen und tänzelt wie ein Boxer. Er erinnert dann, wie die Moderatorin Xenija Sobtschak jüngst feststellte, "an Louis de Funès", den französischen Komiker in seinen Paraderollen als Choleriker. Den Abgeordneten seiner Fraktion bleibt nur die Rolle von Statisten. Der ehemalige Duma-Abgeordnete Andrej Saweljow spottet, die LDPR sei "die Partei eines einzelnen Hofnarren".

Und Schirinowski weiß, wer der Zar ist, an dessen Hof er seine Possen zu reißen hat: Wladimir Putin. Im Wahlkampf schießt er sich denn auch mehr auf die anderen Oppositionskräfte ein als auf die Staatsmacht. Während einer am Dienstag ausgestrahlten Fernsehdebatte beschimpfte Schirinowski Russlands Poplegende Alla Pugatschjowa, die im Wahlkampf den ebenfalls kandidierenden Milliardär Michail Prochorow unterstützt, als "Prostituierte, die sich für Geld unter jeden Chef legt".

Warnung vor "Revolution in Orange"

Zu Russlands neuer Protestbewegung, die auf der Straße Putins Abdanken fordert, hält er klaren Abstand. Das Bündnis, das zuletzt am Sonntag die Leistung vollbrachte, eine Menschenkette aus 30.000 Bürgern aufzustellen, "organisiert nichts und läuft zur amerikanischen Botschaft", stänkert Schirinowski - und warnt ganz im Duktus des Kremls vor einer "Revolution in Orange" wie in der Ukraine.

In seinem Duma-Kabinett nippt Schirinowski an einem Glas. "Sie können die Jahre an einer Hand abzählen, die bis zum Ausbruch des vierten Weltkriegs bleiben", sagt er. Als dritter gilt ihm der "von Washington betrieben Zerfall der Sowjetunion". Die vertäfelten Wände bedecken Hunderte Fotos von Treffen mit Wählern und Rivalen. Die Anhänger und Gegner darauf wechseln, Schirinowski bleibt. Bei der Wahl am Sonntag darf er wieder mit einem Ergebnis um zehn Prozent rechnen. Aber was wird dann?

"Wir machen Platz für die Jugend in der LDPR", prahlt Schirinowski. "Wir haben das Durchschnittsalter der Fraktion gesenkt, wir sind bereit, es weiter bis auf Mitte 20 zu senken", sagt er. Die Partei wolle eine "regelmäßige Rotation auf allen Posten". Und wann rotiert Wladimir Wolfowitsch, nach 20 Jahren in der Polit-Arena und auf dem Parteivorsitz, in den Ruhestand?

Schirinowski stockt. Den Fraktionsvorsitz und den Posten als Vize-Chef des Parlaments hat er schon abgegeben, aber an seinen farblosen Sohn.

Wie ein Alkoholiker im Kampf gegen den Fusel

In der Fraktion sitzen nur Abnicker und Geschäftsleute mit zweifelhafter Reputation. Da ist etwa Andrej Lugowoj, Inhaber einer Bewachungsfirma und laut Scotland Yard eine der Schlüsselfiguren im Fall des getöteten Ex-Geheimagenten Alexander Litwinenko. Litwinenko war 2006 in London nach einem Treffen mit Lugowoj an einer Vergiftung mit radioaktivem Polonium gestorben. Da ist der Unternehmer Aschot Jegiserjan, der sich im vergangenen Jahr ins Ausland abgesetzt hat, weil ihm Betrug in Millionenhöhe vorgeworfen wird. Wenn die LDPR härteres Vorgehen gegen Korruption und Verbrechen fordere, gleiche das einem Alkoholiker, der zum Kampf gegen den Fusel aufruft, spotten politische Gegner.

Schirinowskis Arme sausen wieder durch die Luft. Er warte mit Ungeduld auf jemanden, der ihn ablösen wolle: "Aber es gibt niemanden. Niemand will Chef einer Oppositionspartei sein, die nie eine Aussicht auf die Macht hat, aber immer mit Dreck beworfen wird", sagt er.

Es müsse sich auch erst mal jemand finden, der ihn adäquat ersetzen könne. "Millionen Menschen wählen mich. Das gab es noch nie in der Geschichte Russlands, dass das Volk aus freiem Willen einen Politiker millionenfach wählt. Mir hätte man den Friedensnobelpreis dafür geben sollen, nicht diesen afrikanischen Waschweibern."

Schirinowski antwortet auf unangenehme Fragen und Kritik wie gewohnt: mit erhöhter Lautstärke und Clownerie. Er muss dann los. "Ich habe noch viele Termine. Jetzt zur Botschaft von Thailand, dann zum Fernsehen. Das schafft niemand außer mir. Sie sollten also für mich beten." Als der Zampano sich erhebt, glänzen Schweißperlen auf seiner Stirn. Kurz vor der Tür wendet sich Schirinowski noch einmal um. "Einige Dinge", sagt er, "habe ich natürlich ironisch gemeint."

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insgesamt 4 Beiträge
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1.
yulianovo 01.03.2012
Zitat von sysopREUTERSRusslands Politik-Zampano zieht wieder in den Kampf: Wladimir Schirinowski, Rechtspopulist mit Entertainer-Qualitäten, kandidiert zum fünften Mal für die Präsidentschaft. Kein Bewerber ist wortgewaltiger als er. Trotzdem bleibt ihm nur die Rolle des Possenreißers am Hofe von Zar Putin. http://www.spiegel.de/politik/ausland/0,1518,818348,00.html
Ein Clown ist ein Clown. 10% Waehlerstimmen sind genau der Prozent der Marginalie in Russland. Er sammelt nie mehr. Aber ich bin nicht dagegen, dass er bleibt. Manchmal sagt er das, was wahr ist, aber davon keiner sprechen mag:-)))
2. Der Typ ist wirklich "krass".
friedenspfeife 01.03.2012
Zitat von sysopREUTERSRusslands Politik-Zampano zieht wieder in den Kampf: Wladimir Schirinowski, Rechtspopulist mit Entertainer-Qualitäten, kandidiert zum fünften Mal für die Präsidentschaft. Kein Bewerber ist wortgewaltiger als er. Trotzdem bleibt ihm nur die Rolle des Possenreißers am Hofe von Zar Putin. http://www.spiegel.de/politik/ausland/0,1518,818348,00.html
Wenn man sein Gefasel nicht allzu ernst nimmt, ist jeder Auftritt von ihm in der Duma witziger als Slapstick. Das Ding mit der Alla Pugaschowa war wirklich hammerhart. Das grenzte schon an Ikonenbeleidigung.
3. ähm
kleinMischa 01.03.2012
In welchem Land weiß man bitteschön nicht den Wahlausgang wenige Tage/Wochen vor der Wahl? Wozu hat man Meinungsumfragen...? In manchen Ländern sind sie auf 1% Abweichung genau.
4. Würde er sich mit Kasparow zusammentun,
derandersdenkende 01.03.2012
Zitat von yulianovoEin Clown ist ein Clown. 10% Waehlerstimmen sind genau der Prozent der Marginalie in Russland. Er sammelt nie mehr. Aber ich bin nicht dagegen, dass er bleibt. Manchmal sagt er das, was wahr ist, aber davon keiner sprechen mag:-)))
wären es dann immerhin 10% plus eine Stimme. Die Perspektiven wären zwar nicht grandios, aber was tut man nicht alles, wenn man Putin ans Leder will.
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