Rechtsruck in Österreich: 30 Prozent für die Europa-Hasser
Die Nationalratswahlen in Österreich haben die Populisten im Land gestärkt. Sie punkteten mit ausländerfeindlichen Parolen oder eurokritischen Slogans. Den etablierten Regierungsparteien SPÖ und ÖVP sollte das Ergebnis eine Warnung sein.
In Fernsehdebatten duzten sie sich bis zuletzt freundschaftlich, waren "der Werner" und "der Michael". Nach der österreichischen Nationalratswahl ist die Stimmung zwischen den Spitzenkandidaten der beiden großen Parteien SPÖ und ÖVP jedoch merklich abgekühlt. Rein rechnerisch würde es für eine Fortsetzung der Großen Koalition reichen. Werner Faymann (SPÖ) könnte also Kanzler bleiben, wenn er weiter mit der ÖVP unter Michael Spindelegger regiert - aber jetzt ist die Zeit des Geschachers gekommen. Und da sieht sich die zweitplatzierte ÖVP offenbar in einer günstigen Lage, um den Preis für weitere fünf Jahre als Juniorpartner nach oben zu treiben.
"Alles ist möglich", sagte deshalb zuletzt Außenminister und Vizekanzler Spindelegger. Das sollte wohl heißen, dass er sich auch ein Bündnis mit der rechtspopulistischen FPÖ und den Euro-Kritikern vom Team Stronach vorstellen könnte. Die SPÖ dagegen hat stets ausgeschlossen, gemeinsame Sache mit den Populisten zu machen, will nur mit der ÖVP verhandeln.
Die FPÖ gilt als einer der Wahlgewinner. Die Rechtspopulisten legten 3,9 Punkte zu und kommen jetzt auf 21,4 Prozent. Für platte Formeln war sich die FPÖ auch in diesem Wahlkampf nicht zu schade. Mal ging es gegen den Euro und "Sozialschmarotzer", zumeist aber gegen Ausländer und Zuwanderer, die von den etablierten Parteien "unter immer neuen Vorwänden ins Land" geholt und "österreichische Arbeitsplätze" gefährden würden. Es gebe jetzt "drei bestimmende Parteien", tönte FPÖ-Chef Heinz-Christian Strache nach dem Wahlerfolg und grinste mit nach oben gerecktem Daumen in die Fernsehkameras.
Dem austrokanadischen Milliardär und Euro-Kritiker Frank Stronach (Team Stronach) gelang mit 5,8 Prozent der Einzug ins Parlament. Das ist zwar deutlich weniger, als zwischenzeitlich erwartet wurde - dennoch ist das Lager der Populisten damit ausgesprochen stark: FPÖ, Stronach und das Bündnis Zukunft Österreich (BZÖ), das an der Vierprozenthürde scheiterte, kamen zusammen auf mehr als 30 Prozent der Stimmen.
Korruptionsaffären belasten etablierte Parteien
In Österreich setzte sich damit ein weiteres Mal der Verfall in das Vertrauen der beiden großen Parteien SPÖ (27,1 Prozent) und ÖVP (23,8 Prozent) fort. 1979 erreichten sie zusammen 92 Prozent, 2008 waren es lediglich 55 Prozent, jetzt würde es zusammen gerade noch einmal für die Mehrheit reichen. Für beide Parteien ging es dieses Mal um jeweils 2,2 Punkte abwärts - ein historisches Tief in beiden Fällen.
Beobachter sind sich einig, dass der kontinuierliche Abstieg von SPÖ und ÖVP unter anderem eine Quittung der Wähler für zahlreiche Korruptionsaffären der vergangenen Jahre ist. Den Etablierten wird in vielen Bereichen zudem Stillstand vorgeworfen, auch wenn das Land wirtschaftlich gut dasteht. So gelang es SPÖ und ÖVP nicht, sich auf eine Schulreform zu einigen. Die zuständige Bildungsministerin trat an diesem Montag zurück. Zudem kommt der anti-europäische und nationalistische Kurs der Populisten bei immer mehr Arbeitern und Angestellten gut an. ÖVP und SPÖ dagegen erhielten ihre Stimmen vor allem aus dem Lager der Rentner und Pensionäre.
Und wer regiert künftig in Wien? Auch wenn ÖVP-Mann Spindelegger eine Koalition mit FPÖ und Stronach nicht ausschließt, wird allgemein mit einer Fortsetzung der Großen Koalition gerechnet. Viele Österreicher haben noch in Erinnerung, wie sich der ÖVP-Mann Wolfgang Schüssel einst gegen vorherige Ankündigungen von der FPÖ zum Kanzler machen ließ und wie tief die anschließende Regierung später in Korruptionsskandalen steckte.
Für eine Allianz mit FPÖ und Stronach dürfte der parteiinterne Widerstand bei der ÖVP derzeit zu stark sein. Es ist zudem gut möglich, dass sich Frank Stronach, der 25 Millionen Euro aus eigener Tasche in den Wahlkampf gebuttert hat, bald wieder aus der Politik zurückzieht. Am Sonntag war nicht einmal gewiss, ob er überhaupt zur Wahlparty seiner eigenen Partei erscheint. Seine eigenen Anhänger ließ der enttäuschte Magna-Gründer bis spät in die Nacht warten.
Es könnte also vieles beim Alten bleiben, auch wenn Vizekanzler Spindelegger am Montag erklärte, dass man nicht einfach so weitermachen könne wie bisher. Das Wahlergebnis sei ein Denkzettel für die Regierung. Setzt sich der Aufwärtstrend der Rechtspopulisten fort, würde es beim nächsten Mal nicht mehr für die Große Koalition aus SPÖ und ÖVP reichen.
HilfeLassen Sie sich mit kostenlosen Diensten auf dem Laufenden halten:
© SPIEGEL ONLINE 2013
Alle Rechte vorbehalten
Vervielfältigung nur mit Genehmigung der SPIEGELnet GmbH
Fläche: 83.871 km²
Bevölkerung: 8,431 Mio.
Hauptstadt: Wien
Staatsoberhaupt: Heinz Fischer
Regierungschef: Werner Faymann
Mehr auf der Themenseite | Wikipedia | Lexikon | Österreich-Reiseseite
- Fotostrecke: Sieg der Populisten
- Nationalratswahl: Rechtsruck in Österreich (30.09.2013)
- Wahlkampf in Österreich: FPÖ fordert Volksabstimmung zu Euro-Rettungsschirm (19.09.2013)
- Wahlkampf in Österreich: Halbnackt und belämmert (18.09.2013)
- Wahlkampf in Österreich: Milliardär Stronach will Todesstrafe einführen (05.09.2013)
- Wahlkampf in Österreich: Viel Hetze und ein Brief ins Jenseits (11.02.2013)
- Österreichs neues "Team Stronach": Die Partei bin ich (27.09.2012)
MEHR AUS DEM RESSORT POLITIK
-
Abgeordnete
Bundestagsradar: Alle Fakten, alle Abstimmungen, alles Wissenswerte -
Regierung
Schwarz-gelbe Koalition: Das ist Merkels Kabinett -
Umfragen
"Sonntagsfrage": Der aktuelle Trend anhand von Umfragen -
Nachgefragt
Abgeordnetenwatch auf SPIEGEL ONLINE: Ihr direkter Draht in die Politik -
Rundgang
Kanzleramt, Bundestag, Ministerien: Das ist das politische Berlin

Möchten Sie ein anderes Land erkunden?