Ministertreffen in Brüssel Nato erklärt Cyberraum zum Kriegsschauplatz

Die Zahl von Cyberangriffen steigt, darum erklärt die Nato den virtuellen Raum zum neuen Operationsfeld. Ob sie bei Attacken auch zurückschlagen will, bleibt aber unklar.

Jens Stoltenberg
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Die Nato will auf ihrem Gipfel in Warschau auf die steigenden Gefahren aus dem Cyberraum reagieren. Beim letzten Vorbereitungstreffen vor dem Treffen der Staats- und Regierungschefs beschlossen die Verteidigungsminister, den virtuellen Raum von Computernetzwerken und das Internet auch formal zum Kriegsschauplatz zu erklären.

"Die Abwehr von Cyberangriffen gehört zu unserer gemeinsamen Verteidigung", sagte Nato-Generalsekretär Jens Stoltenberg im Brüsseler Hauptquartier der Allianz.

Stoltenberg betonte, dass in der heutigen Zeit kein militärischer Konflikt mehr ohne eine Cyber-Komponente ablaufe. Allein deshalb sei neben der Vereidigung zu Land, zur See und in der Luft die Fokussierung auf diesen Kriegsschauplatz mehr als angemessen.

Zudem stünden die Netzwerke der Nato, in denen die Partner sensible Daten und militärische Planungen austauschen, unter ständig wachsendem Druck durch Hacker. Die Computerexperten der Nato registrieren jeden Tag Dutzende versuchte Angriffe auf ihre Datenleitungen, meist können die Attacken abgewehrt werden.

Der Beschluss der Nato hat weitreichende Folgen. Auf Nachfrage bestätigte Stoltenberg, dass ein Cyberangriff auf einen Mitgliedstaat ein Artikel-Fünf-Szenario auslösen kann. Der Artikel sichert jedem Nato-Partner den Beistand im Falle einer Attacke zu. In einem solchen Fall, wie zum Beispiel nach den Terrorangriffen des 11. Septembers, muss die Nato Truppen mobilisieren und dem angegriffenen Mitglied zur Seite springen.

Stoltenberg betonte, dass nicht jede Cyberattacke ein solches Szenario auslösen muss. "Der wichtigste Schritt ist erst einmal der Schutz unserer Netzwerke", so Stoltenberg. "Was wir tun, ist defensiv, aber wir müssen unsere Fähigkeiten weiterentwickeln". Besonders für die laufenden Missionen der Allianz sei die Sicherheit der Kommunikationsnetze essenziell, so der Nato-Chef.

Der entscheidenden Frage aber, ob der Beschluss der Minister auch den Aufbau von offensiven Cybereinheiten der Allianz bedeute, die Hacker oder gar einen anderen Staat nach einer virtuellen Attacke lahmlegen oder sogar angreifen könnten, wich Stoltenberg bewusst aus.

Unter Experten gilt es als Binsenweisheit, dass ein Staat oder die Militärs selbst zur Abwehr von Cyberangriffen detaillierte Kenntnisse über die Angriffstechniken möglicher Gegner haben müssen. Folglich wäre die Entwicklung von offensiven Cyber-Fähigkeiten eigentlich ein Muss für die Nato, selbst wenn man die Urheber von virtuellen Attacken nicht gleich angreifen wolle.

Bisher hatte die Nato lediglich dabei geholfen, die Cyber-Kompetenz der Mitgliedsstaaten zu bündeln. In Tallinn baute die Allianz ein Exzellenz-Zentrum auf, in dem sich die Militärs der Mitglieder weiterbilden können. Estland war 2007 mehrere Wochen lang virtuell attackiert worden, die Cyberangriffe konzentrierten sich auf staatliche Stellen, allerdings sorgten sie auch für einen zeitweisen Ausfall vieler nationaler Internetdienste.

Militärs vermuten den Ursprung der damaligen Attacken in Russland. Dies zu belegen, fällt jedoch selbst Experten schwer. Wohl auch deshalb mahnte der Generalsekretär zunächst eine Aufrüstung der Nato bei der Erkennung und Zuordnung von Cyberattacken an. Dieses Thema, so Stoltenberg, stehe "hoch auf der Agenda" für den Gipfel.



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