Nato-Gipfel Die Briten haben mit dem Kreml noch eine Rechnung offen

Die Briten sind seit dem Mord am Ex-KGB-Agenten Litwinenko mitten in London auf den Kreml nicht gut zu sprechen. Um die Russen zu ärgern, unterstützt Downing Street deshalb eine Nato-Mitgliedschaft der Ukraine und Georgiens.

Von Sebastian Borger, London


London - Großbritannien hält sich im Streit über die mögliche Nato-Mitgliedschaft von Ukraine und Georgien bisher weitgehend bedeckt. Londons Beziehungen zu Moskau befinden sich nahe dem Gefrierpunkt, seit russische Geschäftsleute mitten in der Hauptstadt den britischen Staatsbürger und früheren KGB-Agenten Alexander Litwinenko mit radioaktivem Polonium ermordeten, Russland aber die Auslieferung des Hauptangeklagten verweigerte. "Die Briten haben deshalb wenig Motivation, den Russen gegenüber vorsichtig aufzutreten”, analysiert Bastian Giegerich vom renommierten Internationalen Institut für Strategiestudien (IISS).

Andererseits will die Labour-Administration vermeiden, den Streit innerhalb der Allianz erneut öffentlich auszutragen. Im Außenministerium ist deshalb viel von "Diskussionen hinter verschlossener Tür" die Rede. Die offizielle Position lautet, so ein Sprecher: "Wir unterstützen den Aktionsplan für zukünftige Mitgliedschaft sowohl für Ukraine wie für Georgien."

Mit Erleichterung haben die Briten registriert, dass sich mehrere europäische Nato-Länder stärker in Afghanistan engagieren wollen. Zu Jahresbeginn bestand erhebliche Verdrossenheit über die beschränkten Einsatzmöglichkeiten vieler Truppen-Kontingente. Der Verteidigungsausschuss stellte Deutschland an den Pranger. Jetzt wird von Regierungsseite eher auf die gemeinsame Anstrengung abgehoben; Deutschland beispielsweise leiste mit der Ausbildung der Polizei einen "wichtigen und willkommenen Beitrag".

Premierminister Gordon Brown drängt auf die bessere Koordinierung zwischen der Militärhilfe für die afghanische Armee und zivilen Hilfsprojekten; der britische Kandidat für das Amt des Uno-Koordinators und frühere Hochkommissar in Bosnien, Paddy Ashdown, scheiterte allerdings am Veto des afghanischen Präsidenten Hamid Karzai. Brown hat vergangene Woche eine zivile Task Force in Aussicht gestellt, der tausend Verwaltungsexperten, Polizisten und Richter angehören sollen.

Damit kommen die Briten offenbar jenen Verbündeten wie Deutschland und Frankreich entgegen, die eine ausschließlich militärische Lösung in Afghanistan für unmöglich halten. Mit Frankreichs Staatspräsident Nicolas Sarkozy, der diese Woche London besuchte, hat Brown vereinbart, der westlichen Allianz dringend benötigte Hubschrauber zur Verfügung zu stellen.

Sarkozy pochte auch auf einer europäischen Dimension gemeinsamer Verteidigung. Dabei gehe es vor allem "um die Planungskapazitäten Europas", erläutert IISS-Experte Giegerich. Obwohl die Briten 1998 in St. Malo die ESVP mit aus der Taufe hoben, standen sie bisher einer institutionellen Verankerung mehr als misstrauisch gegenüber. Seit aber die US-Administration ihre feindselige Haltung gegenüber ESVP aufgegeben hat, wird die Haltung in London pragmatischer.



© SPIEGEL ONLINE 2008
Alle Rechte vorbehalten
Vervielfältigung nur mit Genehmigung der SPIEGELnet GmbH


TOP
Die Homepage wurde aktualisiert. Jetzt aufrufen.
Hinweis nicht mehr anzeigen.