Gipfeltreffen in Chicago: Nato beginnt Aufbau des Raketenabwehrschirms

In ein paar Jahren soll er fast ganz Europa gegen Luftangriffe schützen können: Auf ihrem Gipfeltreffen hat die Nato die Installierung ihres umstrittenen Raketenabwehrschilds beschlossen. Ein erstes Frühwarnradar ist schon mit einer Kommandobasis verbunden, weitere Schritte sollen folgen.

Nato-Foto einer Abfangrakete: System nun "teilweise einsatzbereit" Zur Großansicht
AP/ US MDA

Nato-Foto einer Abfangrakete: System nun "teilweise einsatzbereit"

Chicago - Die Nato hat auf ihrem Gipfeltreffen in Chicago den Beginn der ersten Betriebsphase des europäischen Raketenabwehrschirms beschlossen. Die Staats- und Regierungschefs der 28 Nato-Staaten erklärten am Sonntag (Ortszeit) in Chicago, das System sei nun teilweise einsatzbereit. Bis 2020 soll die Raketenabwehr vollständig stehen.

"Die Entscheidung wurde gerade getroffen", sagte ein Nato-Diplomat am Sonntag (Ortszeit). Das Projekt sieht den Aufbau eines Netzes aus Radaranlagen und Stellungen mit Abfangraketen vor, um Europa vor einer möglichen Bedrohung durch Mittelstreckenraketen mit einer Reichweite von bis zu 3000 Kilometern, etwa aus Iran, zu schützen.

In einem ersten Schritt wurde jetzt ein in der Türkei stationiertes Frühwarnradar mit Abfangraketen auf einem US-Kreuzer im Mittelmeer vernetzt und diese Abfangfähigkeiten unter das Kommando eines Nato-Gefechtsstands in Ramstein (Rheinland-Pfalz) gestellt. Bis 2020 wird der Schild schrittweise aufgebaut und soll dann das gesamte europäische Nato-Territorium gegen Raketenangriffe schützen können.

Konflikt mit Russland über Raketenschild

Der Raketenschirm ist Auslöser eines Konflikts mit der russischen Regierung, Russland hatte wenige Stunden vor dem Beschluss erneut vor diesem Schritt gewarnt. Die Regierung in Moskau fühlt sich durch das Projekt bedroht und fordert von der Nato eine weitgehendere Einbindung, als die Militärallianz Russland zugestehen will.

Vize-Verteidigungsminister Anatoli Antonow sagte in Moskau, die Raketenabwehr könne das strategische Gleichgewicht stören. Bundesaußenminister Guido Westerwelle (FDP) sprach sich in Chicago dafür aus, sich weiter um eine Zusammenarbeit mit Moskau zu bemühen: "Hier handelt es sich nicht um ein Projekt gegen Russland, sondern um ein Projekt, das wir mit Russland im Interesse der europäischen Sicherheit insgesamt voranbringen wollen."

Zudem will die Nato als Konsequenz aus dem Libyen-Krieg ihre Bodenaufklärung deutlich verbessern und dafür ein neues System aus unbemannten Drohnen anschaffen. In Chicago unterzeichneten Vertreter des Militärbündnisses und der Industrie den Beschaffungsvertrag für das Bodenaufklärungssystem AGS (Alliance Ground Surveillance). Es soll die Aufklärung beweglicher Bodenziele unabhängig von Tages- und Wetterbedingungen ermöglichen. AGS wird von 13 Nato-Partnern, darunter Deutschland, beschafft und soll bis 2016 einsatzbereit sein.

Zusammenarbeit bei Rüstungsvorhaben so eng wie noch nie

Auch bei weiteren teuren Rüstungsvorhaben wollen die 28 Nato-Staaten künftig so eng wie noch nie zusammenarbeiten. Die Staats- und Regierungschefs der Nato vereinbarten eine Liste von mehr als 20 Projekten, bei denen unterschiedliche Gruppen von Staaten kooperieren. Dies teilten Diplomaten am Rande des Gipfels mit. Damit sollen angesichts knapper Verteidigungsbudgets militärische Fähigkeiten geschaffen werden, die für einzelne Staaten zu teuer sind. Zu den Projekten der sogenannten Smart Defence (Kluge Verteidigung) gehören beispielsweise ein System zur Bodenaufklärung durch unbemannte Flugkörper oder zur Betankung von Flugzeugen ebenso wie Einrichtungen zur medizinischen Versorgung von Soldaten.

Das Nato-Treffen dauert bis Montag. Einige Regierungschefs wie Bundeskanzlerin Angela Merkel kamen direkt vom Gipfel der acht führenden Industrienationen (G8) in Camp David bei Washington.

Im Mittelpunkt des Treffens steht die Zukunft des bereits seit mehr als zehn Jahren andauernden Afghanistan-Einsatzes. Die am Nato-geführten Isaf-Einsatz beteiligten Länder wollen den schrittweisen Abzug ihrer Kampftruppen bis Ende des Jahres 2014 festklopfen und die Grundzüge eines Nachfolgeeinsatzes der Nato zur Unterstützung der afghanischen Sicherheitskräfte beraten.

lgr/dpa/dapd/AFP

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insgesamt 67 Beiträge
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1. Wer braucht denn so einen Sch****?
hienstorfer 21.05.2012
Also mal ehrlich. Wer soll uns angreifen? Natürlich könnte man vor dem Iran Angst haben - aber doch in erster Linie Israel. Oder man hat Angst vor Nordkorea - aber warum sollten die auf die NATO schiessen? Höchstens auf Südkorea - und das nur dann wenn die Getreidelieferungen an das kommunistische Land ausbleiben. Schluss mit diesem Blödsinn! P.S. Das eigentliche Problem sind die "Asymetrischen" Bedrohungen durch Terrorzellen. Die kann man nciht durch eine Raketenabwehr ausschalten.
2. unglaublich
achim33 21.05.2012
ich stelle eine einzige frage: wäre es nicht sinnvoller so viel energie und geld für andere fragen und antworten in unserer welt zu investieren?
3. Krieg
Markenfetischist 21.05.2012
Wenn die NATO nun Angriffskriege mit Nuklerarwaffen gegen Supermächte oder Mittelmächte starten kann, dann wird das auch früher oder später geschehen.
4. Uraltdenke
Ursprung 21.05.2012
Zitat von sysopAP/ US MDAIn ein paar Jahren soll sie das europäische Nato-Gebiet gegen Angriffe aus der Luft schützen: Auf dem Gipfeltreffen in Chicago hat das Militärbündnis ihr umstrittenes Raketenabwehrschild gestartet. Ein Frühwarnradar in der Türkei ist schon mit einer Kommandobasis verbunden, weitere Schritte sollen folgen. http://www.spiegel.de/politik/ausland/0,1518,834099,00.html
Als Bedrohung existiert Russland, China und ein paar potentielle Satrapenstaaten Chinas wie Iran, Syrien, Nordkorea. Kein kleinerer Staat als Russland oder China koennte erfolgreich in Alleingang ein paar Raketen noch Europa entsenden ohne Gefahr zu laufen, prompt den Verteidigungsfall der Nato zu provozieren. Deshalb wird nicht irgendein Idiotenkleinstaat auf Europa Raketen schiessen. Also, gegen wen richtet sich strategische der Raketenschild? Eindeutig Russland und China. Es wird nun zu einer neuen Feindseligkeit der Politik zwischen Russlands Putin und dem Westen kommen. Hier laeuft was falsch aufgrund von Uraltdenke bei den Politkomikern- beider Seiten. Man treibt unnoetigerweise Russland an Chinas strategische Seite damit.
5. Na hoffentlich
Masterchalk 21.05.2012
sterben mehr Menschen vom Schrott, der irgendwann vom Himmel fällt ,als von den Waffen in " Action" und das meine ich ernst. Ich kann nicht klagen... ich habe Essen und Wohnung. Viele allerdings haben noch das Eine oder das Andere... Zu viele haben aber weder, noch... Es wird irgendwann ein " Armen-Schild" strategisch wichtig sein, wenn sich die Herrschaften weiter nur um ihre eigenen zwischenzeitlich unfruchtbaren Eier kümmern, die sie sich selbst in das Nest legten. In Zeiten der grossen Börsengänge von substanzfreien Firmen ist wohl substanzfreies Denken der Menschen angenehm. Und das Geld wird einfach gedruckt. Ist das nicht eine schöne Welt ?
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