Afghanistan-Mission ab 2014: Radikal-Abzug der USA verwirrt Nato

Von , Brüssel

Nato-Generalsekretär Anders Fogh Rasmussen: Zumindest beim Abzugsdatum im Zeitplan Zur Großansicht
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Nato-Generalsekretär Anders Fogh Rasmussen: Zumindest beim Abzugsdatum im Zeitplan

Die Planungen für die Trainingsmission in Afghanistan nach dem Jahr 2014 stocken, Entscheidungen sollen erst im Sommer fallen. Gebannt schaut die Nato auf die Führungsnation USA - doch die verkündet nur, dass sie ihre Truppenstärke radikal reduzieren will.

Brüssel - Wenn der Nato-Generalsekretär Anders Fogh Rasmussen im Brüsseler Hauptquartier der Allianz vor die Presse geht, hat er normalerweise gute Nachrichten zu verkünden. Die Stichworte "on track" und "in time" sind über die Jahre zu unabdingbaren Bestandteilen der O-Töne des Nato-Chefs geworden.

Beim Thema Afghanistan musste Rasmussen am Donnerstag indes eine andere Tonart finden: Statt wie geplant bei dem zweitägigen Treffen der Nato-Verteidigungsminister will die Nato nun doch erst "in einigen Monaten" über die bereits lange geplante Trainingsmission der Nato-Nationen nach dem Abzug der multinationalen Schutztruppe Isaf Ende 2014 entscheiden. "Wir haben noch ein bisschen Zeit vor uns", gestand der Generalsekretär ein.

Mit konkreten Entscheidungen über die Größe, die detaillierten Aufgaben und das genaue Einsatzgebiet der Ausbilder für die afghanische Armee rechne er nun erst im Sommer dieses Jahres.

Die Verschiebung der Detailentscheidung spiegelt heftige Diskussionen hinter den Kulissen der Nato über die Nachfolgemission in Afghanistan wider. So vollmundig man seit dem Nato-Gipfel in Chicago verkündet, dass man die Afghanen nach dem Abzug der Isaf-Kampftruppen Ende 2014 nicht im Stich lassen wolle, so heftig wird nun unter den einzelnen Nationen gerungen, wie eine solche Mission eigentlich aussehen soll.

Keine der beteiligten Regierungen will, dass die Trainingsmission am Ende zu einer Art Nachfolgemission für den verlustreichen und teuren Isaf-Einsatz mutiert. Ebenso wenig wollen die beteiligten Länder mehr Ausbilder entsenden als unbedingt notwendig.

Operationspläne vorerst gestoppt

Auch der deutsche Verteidigungsminister Thomas de Maizière fand deshalb deutliche Worte vor dem Mini-Gipfel. Bevor man weiter an der Mission planen könne, seien aus seiner Sicht noch viele "schwierige Fragen" zu klären. Deswegen habe man die "vorbereiteten ersten Operationspläne" gestoppt. De Maizière betonte, es gehe nun erst mal darum, sich "politisch über den Auftrag" zu verständigen, erst dann könnten die Militärs mit der genauen Planung der Mission beginnen. Die verbleibende Zeit von rund 20 Monaten mag dabei für den Laien lange wirken. Für militärische Planungen sind knapp zwei Jahre jedoch keine komfortable Zeitspanne.

Hintergrund der angespannten Lage sind vor allem Ankündigungen aus den USA, die Mission so klein wie möglich zu halten. Am Mittwoch hatte SPIEGEL ONLINE über ein geheimes Briefing eines Top-Beraters von Präsident Barack Obama in Brüssel berichtet, in dem Douglas Lute die Grundzüge der amerikanischen Planungen erläuterte. Dabei machte er für die USA klar, dass diese nach 2014 maximal 10.000 US-Soldaten in Afghanistan stationieren wolle, nur die Hälfte dieses Kontingents soll jedoch für die Trainingsmission abgestellt werden. Ebenso kündigte Lute an, dass die USA Nationen wie Deutschland nach 2014 nicht mehr mit bisher dringend gebrauchten Sanitätshelikoptern unterstützen werde - ein weiterer Rückschlag für die Bundeswehr.

Offiziell will man in Brüssel von Lutes Geheim-Briefing nichts wissen, doch natürlich kennen alle Minister die Ausführungen des Obama-Gesandten. Mit der Zahl von nur 5000 US-Soldaten für die Ausbildung der afghanischen Armee ist jetzt klar, dass die anderen Nato-Partner größere Kontingente in Afghanistan belassen müssten, wenn man die angedachte Zahl von rund 10.000 bis 15.000 Mann für die Mission "Resolute Support" zusammen bekommen will. Gerade für die Berliner Regierung, die seit Jahren den Abzug aus Afghanistan verspricht, könnte das schwierig werden.

Konkrete Forderungen an die Deutschen

Die USA jedenfalls stellten bei dem Besuch des Präsidentenberaters Anfang Februar recht konkrete Forderungen an die Deutschen. So führte Douglas Lute aus, dass die Trainingsmission zwar zentral aus Kabul heraus gesteuert werden soll, allerdings stelle man sich ein Speichenmodell mit eigenständigen Trainingszentren in den verschiedenen Landesteilen vor. Er fügte hinzu, die Deutschen sollten aus Sicht der USA den Ableger im Norden des Landes übernehmen, dort ist die Bundeswehr derzeit noch mit knapp 4400 Mann stationiert.

In Brüssel dürften solche Details zunächst nicht besprochen werden. Zwar trifft sich das Bündnis am Freitag zu einer Afghanistan-Sitzung, die USA allerdings sind wegen der ausbleibenden Bestätigung des designierten Verteidigungsministers Chuck Hagel durch den US-Senat lediglich mit seinem Vorgänger Leon Panetta am Tisch. Bei den Planungen für die Afghanistan-Mission, die erst zwei Jahre nach seinem Ausscheiden beginnen soll, wird er sich vermutlich diplomatisch zurückhalten.

Entscheidung für neuen Nato-Oberkommandierenden

Verwirrung gab es über eine weitere Ankündigung der USA, die die bisherigen Planungen und das Budget der zukünftigen Mission kräftig durcheinanderwirbeln könnte. Bisher war angedacht, dass man die Größe der afghanischen Sicherheitskräfte (ANSF), in den vergangenen Jahren mühsam durch internationale Bemühungen aufgebaut, nach 2014 auf knapp 280.000 Mann begrenzen wollte.

Nun aber sagte ein US-Offizieller in Brüssel, die USA peilten eine wesentlich höhere Mannzahl von rund 350.000 an. Damit dürfte die mühsam erreichte Planung, die für die kommenden Jahren eine jährliche Finanzspritze von rund vier Milliarden US-Dollar pro Jahr vorsieht, noch einmal verändert werden. Nato-Chef Rasmussen sagte am Donnerstagabend dazu lediglich, er sei optimistisch, dass man für die größere Truppe das Geld zusammenbekomme.

An schwierigen Fragen mangelt es also bei den kommenden Sitzungen der Nato kaum. In Brüssel wird bereits erwogen, im Sommer noch mal ein großes Afghanistan-Treffen anzuberaumen, der Termin soll möglichst nah an den geplanten Besuch des US-Präsidenten gelegt werden.

Eine andere wichtige Entscheidung indes ist mittlerweile gefallen: Nachdem der bisherige US-Kommandeur der Isaf-Truppen in Afghanistan, General John Allen, nicht mehr für den Posten des Nato-Oberkommandierenden antritt, soll der US-Vier-Sterne-General Phil Breedlove den Job übernehmen. Die Entscheidung muss Präsident Obama allerdings noch bestätigen, hieß es.

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1. Knappe Kassen !
klaus64 21.02.2013
Im Zeitalter knapper Kassen kann Präsident Obama den sinnlosen Krieg des Präsidenten Bush nicht endlos fortsetzen. Es wäre noch unsinniger, wenn u.a. Deutschland das sinnlose Unternehmen weiter fortsetzen würde. Karsai und die Taliban würden sich totlachen.
2.
thechamelion3@web.de 21.02.2013
Zitat von klaus64Im Zeitalter knapper Kassen kann Präsident Obama den sinnlosen Krieg des Präsidenten Bush nicht endlos fortsetzen. Es wäre noch unsinniger, wenn u.a. Deutschland das sinnlose Unternehmen weiter fortsetzen würde. Karsai und die Taliban würden sich totlachen.
OMG... sie moechte ich sehen wenn ihnen nahe stehende Personen von Terroristen getoetet werden. Ziehen sie sich dann auch ein Taliban Trikot an? Dieser Abzug zeigt leider nur, was Amerika fuer einen Versager an seiner Spitze hat. Dieser Abzug ist so verkehrt, das jedes Opfer das gebracht wurde, um das Land zu befreien vergebens war. Obama ist Sicherheits- und Aussenpolitisch ein Risiko, fuer die gesamte Welt. Und jetzt schmeisst er wie im Irak einen gewonnen Krieg weg- im Endeffekt hat er ihn bereits mit seiner unnoetigen Abzugsankuendigung weggeworfen. Seit dieser wetzen die Taliban die Messer und laden die Gewehre. Zu glauben das Europa die fehlenden Amerikaner auffaengt, kann nicht Obamas Ernst sein. Afgahnistan wird im Buergerkrieg versinken, und wenn nicht, werden Warlords und Taliban sich der Kontrolle ueber Taeler und Gebiete bemaechtigen, dei schwache Zentralregierung Karsai wird sie nicht daran hindern koennen, egal wie ausgebildet die Truppen sind. Zu Obama faellt mir nichts mehr ein, ich verstehe nur nicht wie er es geschafft hat, in Deutschland soviel Zustimmung zu erhalten.
3. @thechamelion3@web.de
fth1337 21.02.2013
oh mein gott, sie haben sich aber ganz schön amerikanisieren lassen! immer schön auge um auge, zahn um zahn! ist ne super einstellung, allerdings kommt sie dann auch auf einen zurück... und wer nicht versteht, dass sein aussenpolitik zum tot etlicher menschen führt und als quittung den krieg vor die tür gelegt bekommt, der ist ein held? sein sie mein held und gehen sie nach afghanistan und verteidigen sie meine freiheit die die bösen mohnbauern und zeigenhirten dort so sehr bedrohen! ich wünsche ihnen das sie dann ein held werden! die meisten helden sind nämlich tot...
4. Wie? Was? Die Nato...
BettyB. 21.02.2013
Seit wann kann man die Büroschreibtischkrieger der Nato verwirren. Die US-Amerikaner sagen, wo es lang geht und man nickt. Was gibt es da, verwirrt zu sein? Der Schreibtisch bleibt, die Kohle stimmt und die Krieger schickt man ggf. zum Spiel in die Kasernen...
5. jetzt haben auch
mrs.x 21.02.2013
die amis begriffen, warum die russen abgezogen sind, nähmlich dass man ein land wie afghanistan mit seinem korrupten präsidenten und stammesfürsten, sharia und taliban nicht beherrschen konnte und wird und daher ist der rückzug nur folgerichtig auch angesichts der vielen sinnlosen toten auf beiden seiten nur, wann begreift das die bundesregierung oder glaubt diese immer noch, die Bodenschätze wie lithium, eisen, kupfer, kobalt und gold auch im namen der gefallenen deutschen soldaten für sich zu beanspruchen!?
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Afghanistan: Karte der Provinzen, Topografie, Ethnien und internationaler Militäreinsatz


Fläche: 652.225 km²

Bevölkerung: 31,412 Mio.

Hauptstadt: Kabul

Staatsoberhaupt:
Ashraf Ghani Ahmadsai

Regierungschef: Abdullah Abdullah

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US-Abzug aus Afghanistan: Abschied vom Hindukusch

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US-Soldatinnen: Kampf in der ersten Reihe
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"Patriot"-Einsatz in der Türkei: Wütender Protest gegen Nato-Hilfe

Ausrüstung der Bundeswehr
Mit welcher Ausrüstung arbeitet die Bundeswehr in Afghanistan? Panzer, Mörser, Hubschrauber - klicken Sie auf die Überschriften, um mehr zu erfahren
Panzer
Zehn der vor mehr als 30 Jahren eingeführten Schützenpanzer "Marder" stehen der Bundeswehr in Afghanistan zur Verfügung. Für die deutsch-afghanische Militäroffensive im Juli 2009 wurden vier der Panzer von Masar-i-Scharif in die Krisenregion Kunduz verlegt und während der neuntägigen Offensive erstmals in einem Gefecht eingesetzt. Die 20-Millimeter-Bordkanone hat eine Reichweite bis höchstens 2000 Meter - Offiziere sehen hier Probleme beim Kampf gegen Taliban über größere Distanz. Der einst für norddeutsche Bedingungen konstruierte Panzer hat keine Klimaanlage.

Auch zwei Bergepanzer hat die Bundeswehr nach Afghanistan verlegt. Diese Fahrzeuge werden zum Bergen und Abschub von Material eingesetzt. Sie sind mit einem Kran und Winden ausgerüstet und dienen auch als Hebemittel bei der Instandsetzung. Zur weiteren Ausstattung dieser Panzer gehört zudem eine Schneid- und Schweißanlage.

Nicht in Afghanistan stationiert sind bisher schwere Kampfpanzer vom Typ "Leopard 2", dem Standard-Kampfpanzer der Bundeswehr. Derzeit verfügt das Heer über 350 dieser Geräte. Gedacht ist der Panzer eigentlich, um in einem Krieg an vorderster Front feindliche Panzer zu vernichten. Die Kanone des "Leopard 2" hat eine Reichweite von mehr als vier Kilometern. Die Geschosse durchschlagen mehrere Dezimeter dicken Stahl und bringen beim Aufprall Metall zum Schmelzen. Das Fahrzeug hat einen 1500 PS starken Dieselmotor, fährt bis zu 70 km/h schnell und kann bis zu vier Meter tiefe Gewässer durchqueren.

Panzerhaubitzen
Angesichts der angespannten Sicherheitslage wurden insgesamt drei Panzerhaubitzen 2000 in Afghanistan stationiert. Eine davon wurde ins deutsche Feldlager im nordafghanischen Kunduz verlegt.

Es ist das schwerste Geschütz, das die Bundeswehr je in einen Einsatz geschickt hat. Die Panzerhaubitze 2000 ist elf Meter lang und hat ein Gefechtsgewicht von 56 Tonnen. Die 155-Millimeter-Kanone kann 40 Kilometer weit schießen und selbst auf diese Entfernung auf 30 Meter genau treffen.

Mörser
Erstmals setzte die Bundeswehr im Jahr 2009 Mörser mit scharfer Munition ein. Der 120-Millimeter-Mörser "Tampella" stand schon länger zur Verfügung. Doch Deutschland wollte die dazugehörigen Granaten nicht verwenden, um den Tod von Zivilisten und eigenen Soldaten von vornherein auszuschließen. Bislang setzte die Bundeswehr auf Abschreckung durch Leuchtmunition.
Gewehre
Die Bundeswehr verwendet das Sturmgewehr G36, die Standard-Infanteriewaffe der Bundeswehr.
Transportfahrzeuge
Die Bundeswehr hat 970 zum Teil stark geschützte Fahrzeuge in Afghanistan, darunter 210 vom Typ "Dingo". Ferner fahren die Soldaten mit dem "Fuchs"-Transportpanzer (100) und dem leicht gepanzerten Militärfahrzeug "Eagle". Auch Geländewagen vom Typ "Wolf" (400) sind dort sowie das Mehrzweckfahrzeug "Mungo". Beide Fahrzeuge bieten bei Anschlägen kaum Schutz. Der "Mungo" wurde aus dem Kleinlaster "Multicar" entwickelt, der in vielen deutschen Kommunen zur Reinigung von Gehwegen verwendet wird.
Hubschrauber
Die Bundeswehr hat in Afghanistan keine eigenen Kampfhubschrauber, die Patrouillen schützen oder in Kämpfe am Boden aus der Luft eingreifen könnten. Die sogenannte Luftnahunterstützung im Gefechtsfall kommt von Isaf-Verbündeten. Die bereits an Deutschland ausgelieferten Modelle des europäischen Kampfhubschraubers "Tiger" sind wegen technischer Probleme noch nicht einsatzbereit. Für Lufttransporte stehen acht Hubschrauber "Sikorsky CH-53" zur Verfügung.
Transportflugzeuge
Am Hindukusch sind acht "Transall" stationiert, die in den sechziger Jahren eingeführt wurden und eigentlich 2010 vom A400M abgelöst werden sollten. Wegen Entwicklungsproblemen des Herstellers wird der A400M nun aber erst Jahre später bereitstehen.
Aufklärungsflugzeuge
Recce-Tornados waren von April 2007 bis Ende November 2010 im Einsatz. Die sechs Flugzeuge waren in Masar-i-Scharif stationiert. Sie haben zwei Bordkanonen, die während des Einsatzes in Afghanistan ausschließlich dem Selbstschutz dienten. Einziger Auftrag der Tornados war wie bei den Nato-Awacs-Maschinen die Aufklärung. Die Awacs-Flugzeuge sind unbewaffnet und können nach Bundeswehrangaben im Gegensatz zu den Tornados keine Ziele am Boden ausmachen. Die Awacs-Besatzungen sollen durch Koordinierung für Sicherheit in der Luft sorgen, weil der zivile Flugverkehr massiv angestiegen ist und Kollisionen mit den Militärmaschinen der internationalen Truppen verhindert werden sollen. Die Taliban haben keine Flugzeuge oder Hubschrauber.