Nato in Afghanistan Endlos-Mission am Hindukusch

Fast nebenbei hat die Nato in Warschau ihre größte Militärmission verlängert, von einem Abzug aus Afghanistan ist keine Rede mehr. Die Bundeswehr stellt sich auf einen Einsatz mit offenem Ende ein.

Afghanischer Rekrut in Kabul (Archivbild)
DPA

Afghanischer Rekrut in Kabul (Archivbild)

Von , Warschau


Wenig Zeit? Am Textende gibt's eine Zusammenfassung.


Wenn Jens Stoltenberg über Afghanistan redet, wirkt es ein bisschen wie eine Zeitreise. 13 Jahre nachdem die Nato mit Tausenden Soldaten in dem Krisenstaat am Hindukusch eingerückt ist, hört sich die Lagebeschreibung ungefähr genauso düster an wie damals, kurz nach dem Sturz der radikalislamischen Taliban. Der Nato-Chef berichtet von Aufruhr, Gewalt und einem nicht ausreichenden Tempo bei den Reformen der korrupten Regierung in Kabul.

All das, sagte Stoltenberg, habe die Nato veranlasst, noch "länger an der Seite der Afghanen" zu stehen. Auf dem Gipfel in Warschau beschlossen die Staats- und Regierungschefs jetzt nicht weniger als eine Endlos-Mission. Eigentlich wollte die Allianz Ende dieses Jahres abziehen. Jetzt aber verlängert man die Mission von rund 12.000 Mann mindestens bis 2020, so lange jedenfalls sollen die Afghanen jedes Jahr rund fünf Milliarden Dollar Finanzhilfe für ihre Sicherheitskräfte bekommen.

Der Nato-Chef, bei seinen öffentlichen Statements eigentlich stets optimistisch, verbreitete in Sachen Afghanistan wenig Hoffnung auf schnelle Erfolge. "Es gibt keinen Grund anzunehmen, dass alle Probleme in Afghanistan in der nahen Zukunft gelöst werden", sagte er in Warschau. Deswegen habe sich die Nato "auf die lange Strecke verpflichtet". Nach einem möglichen Ende der Mission gefragt, wurde er noch weicher. Derzeit gebe es "keinen Grund zu spekulieren", wann die Mission der Nato wirklich enden könne.

"Sie brauchen noch Jahre Unterstützung"

Der Beschluss zeigt, wie prekär die Lage im Hindukusch ist. Selbst die Nato muss eingestehen, dass die Taliban aktuell mehr Gebiete im Land unter ihrer Kontrolle haben als vor der internationalen Stabilisierungsmission. Auf den vertraulichen Lagekarten der Bundeswehr leuchtet der gesamte Süden in Rot, dort regieren die Taliban. Doch auch im Norden, dem Verantwortungsbereich der Bundeswehr, dehnen sich die No-go-Areas für die Nato und die afghanischen Sicherheitskräfte immer weiter aus.

Genau diese Sicherheitskräfte waren die Hoffnung der Nato. 2009 begann man mit einer Ausbildungsoffensive, so sollten die Afghanen die Sicherheit des Landes schnell selber in die Hand nehmen. Heute räumen Nato-Offizielle ein, dass die Pläne zu optimistisch waren. "Die Afghanen brauchen mehr Hilfe, als wir gedacht haben", heißt es im Brüsseler Hauptquartier, "sie werden noch Jahre intensive Unterstützung brauchen."

In den Aufbau der lokalen Sicherheitskräfte hat das Ausland zwar bereits Milliarden investiert, bis heute aber kann die Afghan National Army (ANA) lediglich die großen Städte wie Kabul einigermaßen sichern. Hinzu kommt eine ausufernde Korruption, oft kassieren die Kommandeure den Sold ihrer Soldaten, in großem Stil wird mit Sprit und anderen Ressourcen gehandelt. Das Material, das die Nato den Afghanen stellte, ist in einem erbärmlichen Zustand.

Truppenabzug? "Nicht mehr auf der Tagesordnung"

Ursprünglich hatte die Nato ganz andere Zeitpläne. 2014 beendete sie offiziell die Kampfmission in Afghanistan, die dann gestartete Trainingsmission "Resolute Support" sollte eigentlich dieses Jahr auslaufen, dann wollte auch die Bundeswehr ihr Feldlager im nordafghanischen Masar-i-Scharif schließen. Noch immer sind rund 900 Soldaten dort stationiert, sie beraten die afghanische Armee, allerdings ziehen sie mit ihren Kameraden nicht in Missionen, im Kampf müssen sie sich allein beweisen.

Gerade im Norden hatte sich 2015 gezeigt, wie schlecht die afghanischen Sicherheitskräfte bis heute aufgestellt sind. Als im Herbst ein paar Hundert Taliban die Provinzmetropole Kunduz überrannten und ihre Fahnen auf Regierungsgebäuden hissten, gab es kaum Gegenwehr, vielmehr setzte sich die afghanische Armee ab. Erst die Amerikaner, die mit Spezialkräften und Luftunterstützung aus Kabul anrückten, konnten die Stadt nach Tagen wieder befreien.

Der Fall von Kunduz war der Wendepunkt. Als sich die USA danach entschieden, mehr Truppen als geplant am Hindukusch zu belassen, zogen die anderen Nato-Partner mit. Erst kürzlich entschied US-Präsident Barack Obama, dass auch nach 2016 Tausende Soldaten in Afghanistan bleiben werden. Mühsam versucht man nun, die Afghanen beim Aufbau eigener Ressourcen, vor allem einer Luftwaffe, zu unterstützen. Ohne Luftunterstützung der USA wären die lokalen Kräfte so gut wie verloren.

Auf Deutschland kommen ähnliche Entscheidungen zu, die geltenden Mandate für Afghanistan müssen sicherlich noch mehrmals verlängert werden. "Das Thema Abzug", sagt ein Bundeswehr-General in Warschau, "ist erst mal nicht mehr auf der Tagesordnung."

Nato-Strategie für Osteuropa

Zusammengefasst: Entgegen ursprünglichen Plänen verlängert die Nato ihre Mission in Afghanistan von rund 12.000 Mann mindestens bis 2020. Bis dahin soll das Land jährlich rund fünf Milliarden Dollar Finanzhilfe für seine Sicherheitskräfte erhalten. Auch die Bundeswehr richtet sich nun darauf ein, noch lange am Hindukusch mit eigenen Truppen stationiert zu sein.

insgesamt 71 Beiträge
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dieter 4711 09.07.2016
1. Leichter zu beginnen, als zu beenden
Es ist leichter einen Konflikt zu beginnen, als ihn zu beenden.
Pfaffenwinkel 09.07.2016
2. Wer profitiert davon?
Vielleicht das afghanische Volk. Aber mit Sicherheit die Waffenindustrie.
panzerknacker51 09.07.2016
3. Typisch ...
für alle überfallartigen Militäraktionen der letzten Jahre: entweder man hinterläßt einen einzigen Trümmerhaufen, oder der Abzug ist ohne Eigenbeschädigung nicht zu rechtfertigen.
cum infamia 09.07.2016
4. Taliban haben sich eingerichtet
M.E. haben sich die Neo-Taliban mit den gegenwärtigen Verhältnissen eingerichtet., denn den Großteil des Landes haben sie unter Kontrolle. Ihre Millionen verdienen sie mit Rauschgift, die "Regierung" stört die "Kreise " kaum, da selbst korrumpiert , jährlich desertiert ca. 1/3 der Armee und stellt damit gut ausgebildeten "Nachwuchs" für die Taliban. Und die paar ausländischen Soldaten, die nur in den Kasernen hocken, stören doch kaum. Ein gutes Beispiel für den Steuerzahler, wie "..die Freiheit am Hindukusch verteidigt wird .." Struck (+)..
naklar261 09.07.2016
5. das ende ist kein problem
sondern die Art und Weise wie diese Mission begonnen wurde. Es haette von Anfang an gesagt werden muessen das die Geschichte ca. 100 Jahre dauert, mindestens 500 trillionen Dollar kostet und 50.000 Nato Soldaten sterben. Nur wuerde das vielen Leuten nicht gefallen. Oft solchen die glauben das Fluechtlinge DAS Problem sind.
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