S.P.O.N. - Im Zweifel links Denn sie wissen nicht, was sie tun

Markige Worte und militärische Manöver: An ihrer Ostgrenze will die Nato gegenüber Russland jetzt Stärke zeigen. Der Kalte Krieg ist zurück. Nicht mal 25 Jahre hielt die Entspannung.

Eine Kolumne von

US-Präsident Obama (in Tallinn): Ruhmeshalle des Kalten Krieges
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US-Präsident Obama (in Tallinn): Ruhmeshalle des Kalten Krieges


Heute beginnt das Nato-Treffen in Wales. Man wird sich an diesen Tag erinnern. Er besiegelt den Neubeginn des Kalten Krieges. Ab jetzt regiert wieder die irre Logik der Militärs.

Das wäre vermeidbar gewesen. Wenn es denn jemand hätte vermeiden wollen. Die Russen wollten nicht - und wir im Westen auch nicht. "It takes two to tango", hat Ronald Reagan einmal zum US-sowjetischen Verhältnis gesagt. Das gilt für die Entspannung ebenso wie für die Konfrontation. Nun schreiten wir Hand in Hand zurück in die Zukunft. Hinter uns lassen wir ein Trümmerfeld. Die Trümmer der Entspannungspolitik. Wir konnten ihre Früchte nicht einmal 25 Jahre lang genießen.

Das Denken des Kalten Krieges folgte der ausweglosen Logik der Spieltheorie: Rechne stets mit den schlechtesten Absichten und den besten Fähigkeiten deines Feindes. Jetzt wird wieder so gedacht. Was will Putin? Wäre es ihm nur um die Krim gegangen, dann könnte er sich jetzt zurückziehen. Denn die Krim wird dem Kreml-Herren niemand mehr streitig machen. Warum der unerklärte Krieg in der Ostukraine?

Da ist kein langes Kopfkratzen nötig: Putin will den Westen zerstören - nach dem Motto: Rechne mit den schlechtesten Absichten ... Darauf gibt es nur eine Antwort: stark sein, hart sein. Niemand will den neuen Chamberlain geben und bloß kein neues München!

Aber Putin ist nicht Hitler. Dass er Walhalla-Weltuntergangsfantasien à la Führer hätte, ist nicht bekannt. Die Kanzlerin sagt, er lebe "in seiner eigenen Welt". Die "Zeit" schreibt ihm "Einkreisungsfantasien" zu. Die Wahrheit ist: Putin hat lange zugesehen, wie ihm Nato und EU immer näher rückten. Bei der Ukraine war Schluss. Der Westen musste das wissen. Unsere Empörung hat darum etwas Schales. Jeder entscheidet selbst, wodurch er sich bedroht sieht.

Putin mag zum Gefangenen seiner eigenen Noworossija-Rhetorik geworden sein. Obama ist ein Getriebener seiner rechten Opposition. Darum ist er nach Tallinn geflogen und hat dort eine Rede gehalten, die aus dem örtlichen Konzerthaus eine Ruhmeshalle des Kalten Krieges machte. Wenn sich die Menschen in Estland oder den anderen baltischen Staaten heute fragten: "Wer wird uns zu Hilfe kommen?", sei die Antwort eindeutig: "Die Nato-Truppen und die Soldaten der Vereinigten Staaten. Hier und jetzt. Wir werden da sein für Estland. Wir werden da sein für Lettland. Wir werden da sein für Litauen. Ihr habt eure Unabhängigkeit schon einmal an Russland verloren. Mit der Nato im Rücken werdet ihr sie nie wieder verlieren."

"Mourir pour Tallinn?"

Das war mehr Pathos als man selbst von einem amerikanischen Präsidenten erwarten darf. Kein Wunder. Je unglaubwürdiger die Ankündigung, desto lauter muss sie vorgetragen werden. Noch im Mai hatten die Nato-Planer gewarnt, das Baltikum sei mit konventionellen Waffen nicht gegen einen russischen Angriff zu verteidigen. Also dann nuklear? "Mourir pour Tallinn?"

Hoffentlich wird die Entschlossenheit des amerikanischen Präsidenten nicht getestet. Es gehört nämlich auch zur Abschreckungslogik, dass einer der Kontrahenten tatsächlich so irre sein könnte, den Krieg billigend in Kauf zu nehmen. "Denn sie wissen nicht, was sie tun" heißt der Film treffend, in dem James Dean nur durch Glück das "Hasenfußrennen" überlebt - der andere stürzt in den Abgrund.

Frank Schirrmacher erzählt in seinem Spieltheorie-Buch "Ego" vom Physiker Herman Kahn, der 1959 in den USA Vorträge über die Führbarkeit des Atomkriegs hielt: Kahn rechnete seinem schaudernden Publikum vor, dass der größte anzunehmende Atomangriff der Sowjetunion alle 53 größeren Metropolen der USA vernichten würde. Das wäre schlimm, allerdings lebten 60 Prozent der Amerikaner überhaupt nicht in Metropolen.

Also habe Kahn gefragt:

"Könnten Sie damit leben? Die Antwort lautet: Ja. Es ist die Art von Tragödie, die wir hinnehmen können. ... Die Menschen in den Zielgebieten wären ausgerottet. Sie würden die Toten aber nicht sehen, verstehen Sie? Es wäre nicht vor Ihrer Haustür. Sie würden hören, dass New York zerstört worden ist, aber Sie wären ja in Princeton ..."

Schirrmacher schrieb dazu:

"Es ist schwer zu sagen, was an Kahns öffentlichen Auftritten selbst wiederum ein Spiel im Spiel war, ein Bluff an die Adresse der Sowjets, um zu signalisieren, dass man bereit war, Millionen von Menschen zu opfern. Aber das Spiel bestand ja gerade darin, dass die andere Seite nur wissen sollte, dass man wusste, dass sie weiß, dass man über Leichen gehen würde."

Allerdings muss unsere Verteidigungsministerin für den Kalten Krieg noch nachgeschult werden. Neulich hat sie gesagt: "Jeder im Bündnis weiß: Lassen wir im Ernstfall die Balten im Stich, ist die Nato tot." Mensch Ursula von der Leyen! Setzen, sechs! Erste Regel für Kalte Krieger: Lass den Gegner nie in deine Karten gucken.

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Forum - Diskussion über diesen Artikel
insgesamt 683 Beiträge
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Seite 1
Hilfskraft 04.09.2014
1. absolute Zustimmung
Der Westen, die EU, Merkel haben mit einer kurzen Handbewegung eine Tür zugeschlagen, die nach dem 2. WK so unendlich mühsam einen Spalt breit geöffnet werden konnte. Mehr kann man dazu nicht mehr sagen, Herr Augstein.
tatso 04.09.2014
2. ein sehr
guter Artikel ... Kompliment
mal so mal so 04.09.2014
3. ich habe es schon geschrieben...
was mir am meisten angst macht, keiner der parteien will deeskalieren und die medien berichten tagtäglich von meinst unbewiesenen greueltaten der russen. das kann am ende nicht gutgehen. liebe medien, bitte mehr augenstein und weniger rasmussen und co.!!! wir werden alle für's versagen der machtmenschen bezahlen! die gewinner sind die usa und wir merken noch immer nicht, wie die usa uns alle verarscht!
ohne_mich 04.09.2014
4. Danke!
Danke, Herr Augstein, für diesen hervorragenden und sich vom MSM-Kriegsgeheul abhebenden Beitrag. Wie immer bleibt Ihre Kolumne der einzige Grund, überhaupt noch einmal pro Woche bei Spiegel Online hineinzuschauen.
colinchapman 04.09.2014
5. Korrektur, Herr Augstein
"Putin ist nicht Hitler. Dass er Walhalla-Weltuntergangsfantasien à la Führer hätte, ist nicht bekannt." Was hat Putin denn sonst? schleichender Machtzuwachs, schleichende Zunahme der Selbstgerechtigkeit, schlecht versteckte Machtfantasien, Kritiker werden eingesperrt. Man muss blind sein, um diese Parallelen zu übersehen. Aber es überrascht nicht, solche Leugnungen von jemandem zu hören, der in anderen Kolumnen die Meinung vertrat, die Linke gehöre in die Bundesregierung.
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