Neuer Generalsekretär Stoltenberg Der starke, leise Mann der Nato

Anders Fogh Rasmussen hat beim Nato-Gipfel seinen letzten großen Auftritt, zur Freude seiner Kritiker. Als Generalsekretär folgt ihm Jens Stoltenberg nach. Er ist ein ganz anderer Typ: außenpolitisch eher unerfahren, dafür uneitel.

Von und , Newport und Berlin

Norweger Stoltenberg: Bald an der Spitze der Nato
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Norweger Stoltenberg: Bald an der Spitze der Nato


Als Anders Fogh Rasmussen vor fünf Jahren sein Büro bezog, ließ der neue Nato-Generalsekretär zu allererst die schweren dunklen Möbel seines Vorgängers wegräumen und durch eine moderne Garnitur aus seinem Heimatland Dänemark ersetzen. Möbel "im Stile des Kalten-Kriegs" seien das vorher gewesen, pflegt Rasmussen Besuchern in Brüssel zu erklären.

Es war mehr als eine Frage des guten Geschmacks. Rasmussen wollte signalisieren: Die Allianz hat die Zeit der feindlichen Auseinandersetzungen mit Russland endgültig hinter sich gelassen.

Dass sich die Nato in Wladimir Putin getäuscht hatte, ist Rasmussen nicht vorzuwerfen. Er gehörte in den Jahren der Annäherung an Moskau eher zu den Skeptikern. Aber seit der Westen auf einen neuen Kalten Krieg mit Russland zusteuert, finden einige Verbündete, dass Rasmussen den Konflikt mit dem östlichen Nachbarn unnötig angeheizt hat.

Woche für Woche irritierte er die Westeuropäer einschließlich Berlin mit Äußerungen, die nicht dem diplomatischen Lehrbuch entsprechen. Mal stellte er der Ukraine und anderen osteuropäischen Staaten einen Nato-Beitritt in Aussicht. Mal bestätigte er angebliche Grenzverletzungen Russlands, auch dem russischen Hilfskonvoi unterstellte er sofort und öffentlich böse Absichten.

Der Neue ist ganz anders als sein Vorgänger

"Unnötig" seien diese Äußerungen gewesen, heißt es in vielen westeuropäischen Hauptstädten. Böse Zungen behaupten gar, der Konflikt mit Russland komme Rasmussen gar nicht unrecht, beseitige er doch die seit dem Zusammenbruch der Sowjetunion stets schwelenden Zweifel an der Existenzberechtigung des Bündnisses. Die Polen und Balten dagegen, aber auch Kanada und die USA, finden an der Amtsführung des Dänen nichts auszusetzen.

Nun konnten sich die Kritiker eines zu harten Kurses gegenüber Russland mit ihrem Wunsch nach einem Nachfolger Rasmussens durchsetzen. Der neue Mann heißt Jens Stoltenberg, 55, war Ministerpräsident von Norwegen und ist so ganz anders als sein Vorgänger.

Auf den größten Ernstfall in der jüngeren Geschichte seines Landes, das grausame Massaker des rechtsextremen Attentäters Anders Behring Breivik im Juli 2011, reagierte Stoltenberg besonnen. Rachegelüsten in seinem Volk trat er mit der Ankündigung entgegen, es werde jetzt noch mehr Demokratie und Offenheit geben.

So einen wollte die deutsche Bundeskanzlerin als Nato-Generalsekretär und so rief sie Stoltenberg an, kurz nachdem der im Herbst vergangenen Jahres als Ministerpräsident abgewählt worden war. Angela Merkel fragte den Sozialdemokraten, so erzählt es Stoltenberg, "ob ich verfügbar wäre für internationale Aufgaben".

Breite Front gegen Rasmussen

Merkel kam gleich zur Sache. "Sie erwähnte den Posten als Nato-Generalsekretär." Dass der Norweger ein knappes Jahr später tatsächlich den Chefposten des nordatlantischen Bündnisses antritt, ist auch ein Beleg für die außenpolitische Führungsrolle, die Berlin mittlerweile in der internationalen Politik spielt. In kurzer Zeit überzeugte Merkel US-Präsident Barack Obama, den britischen Premier David Cameron und Frankreichs Staatspräsident François Hollande von ihrer Personalie.

Dass sich alle 28 Nato-Botschafter schon Ende März auf Stoltenberg einigten, zeigt auch, wie unzufrieden viele mit Rasmussen waren. Immerhin fehlt Stoltenberg nicht nur die außenpolitische Erfahrung, er begann seine politische Karriere sogar als Gegner der Nato. Bei seiner Bewerbung für den Vorsitz der sozialistischen Parteijugend Norwegens forderte der damals 25-jährige Stoltenberg den Austritt seines Landes aus dem transatlantischen Bündnis. Das war auch eine Kampfansage gegen seinen Vater Thorvald, damals Außenminister Norwegens.

Als Stoltenberg Mitte Februar den entscheidenden Anruf aus dem Weißen Haus erhielt, bereitete er sich gerade in Trondheim darauf vor, eine Vorlesung vor Studenten zu halten. Thema: "Wie man eine Karriere aufbaut". Er müsse sich innerhalb von 24 Stunden entscheiden, teilte ihm das Weiße Hause mit. Vor den Studenten war er später so beschäftigt mit seiner eigenen Karriere, dass er den Vortrag vermasselte.

Wichtige Worte vom greisen Vater

Stoltenberg tat sich schwer mit seiner Entscheidung, nach Brüssel zu wechseln, auch wegen seines Vaters, der mittlerweile über 80 ist. Am Ende war es der Vater selbst, der seinem Sohn zuriet. "Ich sag dir, warum ich deinen Plan unterstütze", so Stoltenberg senior. "Das letzte Mal, als ich als Diplomat gereist bin, war mein Vater 96 Jahre alt und ganz natürlich denkt man dann, nah bei deinem Vater und deiner Mutter zu sein in den Jahren, die sie noch leben. Aber ich war überzeugt davon, dass ich meinem eigenen Leben folgen musste."

Anfang Oktober wird Stoltenberg sein Brüsseler Büro beziehen. Und auch wenn der Konflikt mit Russland weiter eskaliert, wird er kaum die schweren Möbel aus der Zeit des Kalten Kriegs in sein Büro zurückholen. Zumindest darin ist er sich mit seinem Vorgänger Rasmussen einig.



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insgesamt 23 Beiträge
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Pfaffenwinkel 04.09.2014
1. Es wurde Zeit
für Rasmussen, zu gehen. Kann mit seinem Nachfolger nur besser werden.
daniel.schulte.771 04.09.2014
2. Schade nur,
dass der Generalsekretär eher repraesentativer Natur ist und innerhalb der Nato im Grunde nichts zu sagen hat. Nunja.
wolffm 04.09.2014
3. Seine Aufgabe
"Woche für Woche irritierte er die Westeuropäer einschließlich Berlin mit Äußerungen, die nicht dem diplomatischen Lehrbuch entsprechen. " Es ist auch nicht seine Aufgabe diplomatisch zu sein.
garfield 04.09.2014
4.
Na ja, dafür dass die Neubesetzung angeblich schon im Februar "heiß" wurde, hörte man bisher aber nie etwas davon, dass Rasmussen ein Generalsekretär auf Abruf war. Für mich klingt das schon ein wenig so, als wäre dieser kalte Krieger gefeuert worden. Allerdings, wie es der Artikel ja auch sagt, war er ganz im Sinne Amerikas und der paranoiden Balten. Wie auch immer, wie es ein Vorposter schon schrieb: kann nur besser werden.
Quintatön 04.09.2014
5. Rasmussen hat sich
"gefühlt" ungefähr alle 2 Tage zur Ukraine-Krise geäußert, das ist sogar mir aufgefallen. Da die Ukraine nun mal nicht Mitglied der NATO ist, habe ich mich schon gefragt, warum der NATO-Generalsekretär ständig seinen Senf dazu geben muß. Zumal ja die Äußerungen der US-Regierung und einiger europäischer Politiker deutlich genug waren...
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