Nato-Manöver "Trident Juncture" Hollywood im Fjord

In Norwegen übt die Nato mit ihrem größten Manöver seit dem Kalten Krieg den Ernstfall. Soldaten proben hier unter schwierigen Bedingungen und die Armeen zeigen, was sie haben. Russland fühlt sich provoziert.

Bundeswehr-Soldaten in Norwegen
AFP

Bundeswehr-Soldaten in Norwegen

Aus Byneset und Tynset berichtet Eike Hagen Hoppmann


Die Norweger sind zu spät. Eigentlich sollten Sie in diesen Minuten mit ihren Panzern über eine provisorisch errichtete Kombination aus Brücke und Fähre einen Fluss in der Nähe von Tynset überqueren. Aber noch ist kein Panzer in Sicht.

Tynset, ein Dorf im norwegischen Niemandsland, drei Autostunden von Trondheim entfernt. Die Temperaturen liegen zur Mittagszeit knapp über dem Gefrierpunt, es nieselt leicht, der Boden ist Ende Oktober schon mehrere Zentimeter mit Schnee überdeckt. Hier kämpfen Deutsche und Norweger gegen die Briten. Zumindest im Skript der Übung.

Um ein Uhr nachts hatten 250 deutsche Soldaten mit Schlauchbooten den Fluss überquert, die Briten von mehreren Seiten angegriffen und vertrieben. Jetzt sichern sie den Fluss, damit auch das schwere Geschütz auf die andere Uferseite kommt. Manche Soldaten sind inzwischen seit 30 Stunden auf den Beinen.

Britischer Soldat in Norwegen
Getty Images

Britischer Soldat in Norwegen

Dann rollt schließlich doch ein Leopard 2A4 Panzer an. Es dauert zwei Minuten, dann ist er auf der anderen Seite des Flusses. Weitere Fahrzeuge sollen noch folgen, der Einsatz an der Brücke wird noch ein paar Stunden dauern.

Die Übung ist Teil des Nato-Manövers "Trident Juncture". Es ist mit etwa 50.000 Soldaten die größte Militärübung des Bündnisses seit dem Ende des Kalten Krieges. Deutschland beteiligt sich mit etwa 8000 Soldaten am Einsatz, der den Steuerzahler wohl 90 Millionen Euro kosten wird. Nicht nur deshalb gibt es Kritik, auch Russland fühlt sich provoziert.

Was Trident Juncture den Soldaten bringt

Für die Truppen in Tynset und anderen Teilen des Landes ist es dagegen eine wichtige Erfahrung, sagen sie. "Das kann man von außen vielleicht schwer nachvollziehen", sagt ein deutscher Stabsfeldwebel. "Es ist ein anderes Gelände, es sind andere Bedingungen und manche Sachen mache auch ich hier zum ersten Mal." Das Wetter ist schlecht, die Verständigung auf Englisch schwieriger und die Dimensionen sind größer als sonst.

Nato-Manöver Trident Juncture in Norwegen
Gorm Kallestad/EPA-EFE/REX/Shutterstock

Nato-Manöver Trident Juncture in Norwegen

Ein deutscher Oberst drückt Sinn und Zweck der Übung auch so aus: "Der Adressat der Nachricht weiß: Wenn wir sieben Brigaden hier nach Norwegen bekommen, bekommen wir auch 20 ins Baltikum." Und der Adressat der Nachricht, das ist in diesen Tagen ein schlecht gehütetes Geheimnis, ist Russland.

Die klassischen Übungen mögen trotz Kritik ihre Berechtigung haben. An anderer Stelle ist "Trident Juncture" dagegen vor allem eine Showveranstaltung.

Ein Tag zuvor in Byneset, eine knappe halbe Stunde von Trondheim entfernt. Die Nato präsentiert hier vor Medienvertretern, Generälen und eingeladenen OSZE-Beobachtern, auch aus Russland, in einer einstündigen Show ihre Schiffe, Flugzeuge und Panzer.

Hollywood vor den Toren Trondheims

Es ist eine skurrile Szenerie. Die Organisatoren haben eine 300 Sitzplätze fassende Tribüne aufgebaut, von deren blauen Sitzschalen die Zuschauer die Präsentation beobachten können. Der Blick reicht in den Fjord, wo sich die Schiffe positioniert haben. Es erinnert an ein großes Freilufttheater. Auf den Plätzen der Ehrengäste liegt jeweils ein paar Handschuhe, in die der Schriftzug "Trident Juncture" eingestickt ist. Während der Vorstellung wird aus den Lautsprechern erklärt, was da gerade über die Köpfe der Zuschauer hinwegfliegt.

Das norwegische Fernsehen überträgt die Veranstaltung live, Kamerateams aus der ganzen Welt sind angereist. Das Ganze erinnert mehr an einen Hollywood-Dreh als an eine Militäroperation. Soldaten sagen später, dass das mit normalen Übungen wenig zu tun gehabt habe. Aber es entstehen spektakuläre Bilder.

Hinter der Bühne haben die Teilnehmerländer wie bei einer Gewerbemesse Stände aufgebaut und zeigen ihre Geräte. Die Bundeswehr ist auch vor Ort und hat dafür Panzer und eine Handvoll Soldaten aus dem viereinhalb Stunden entfernten Camp in Rena angekarrt, die nun Gewehre und Ausrüstung präsentieren.

Nato-Generalsekretär Jens Stoltenberg (l.)
REUTERS

Nato-Generalsekretär Jens Stoltenberg (l.)

Auch der prominenteste Gast der Veranstaltung macht einen Rundgang: Nato-Generalsekretär Jens Stoltenberg. Für den ehemaligen norwegischen Ministerpräsidenten ist es ein Heimspiel. Stoltenberg wippt häufig leicht nach vorne, wenn er einen Satz betonen möchte. Besonders wichtig ist ihm folgende Anmerkung: "Diese Übung ist lange geplant und richtet sich gegen Niemanden."

Zur selben Zeit am selben Ort

Tatsächlich dreht sich bei dem Manöver viel um Russland. Das war schon vor dem Beginn der Übung so, hat sich in den letzten Tagen aber noch einmal verstärkt. Russland hat angekündigt, in internationalen Gewässern vor der norwegischen Küste im Übungsgebiet der Nato eigene Schießübungen durchführen zu wollen. Stoltenberg sagt, man werde die eigenen Pläne nicht ändern.

Die Norweger scheinen das alles gelassen zu sehen. In den größeren Städten gab es zwar kleinere Demonstrationen, davon abgesehen gibt es aber nicht viel Widerstand gegen "Trident Juncture". Deutsche Teilnehmer berichten von vielen positiven Begegnungen. Auch in Tynset stehen ein paar Anwohner am Fluss, schauen zu, machen Fotos. So eine Show bekommen sie hier so schnell nicht mehr zu sehen.



insgesamt 17 Beiträge
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jwcotton 31.10.2018
1. Wie überraschend.
Russland führt gigantische Manöver durch und fühlt sich dann aber provoziert, wenn die andere Seite auch mal übt, was für ein (politisch) peinliches Land unter Putin. Ich glaube das Wort "Provokation" ist eines der beliebtesten Kaluer der Putin Clique. Es war ja auch eine "Provokation" als seinem politischen Gegner unweit des Kreml in den Rücken geschossen wurde. Was für ein kriminelles Land Russland unter Putin doch geworden ist. Netter Nebeneffekt häuft er die Milliarden auf seinen und den Konten seiner Handlanger.
pr8kerl 31.10.2018
2. Schon etwas skurril, das Ganze...
... denn in Zeiten, in denen Ost und West Kriege mit Raketen und im Internet führen und Wahlen manipulieren, rollen Panzer durch Norwegen. Wir sehen die Abschreckungstaktik der 60er-Jahre, das altbekannte Muskelspiel, das auch die Russen beherrschen und das beide Seiten eine Menge Geld kostet. Obamas Fehler war es einst, Russland als Mittelmacht zu bezeichnen. Putin ließ sich das nicht bieten - und seither drehen beide Seiten wieder an der Kalte-Krieg-Schraube. Krim-Annexion und Syrien-Krieg waren die Folge. Eigentlich wollen wir Bürger das ständige Muskelspiel nicht mehr sehen.
Edgard 31.10.2018
3. Es wäre auch sehr überraschend gewesen...
.. wenn Putin und Lawrow sich die Gelegenheit entgehen ließen sich "provoziert zu fühlen". Wohlgemerkt - Putin der auf der Krim mit dem Einsatz taktischer Atomwaffen gedroht hat und "in zwei Tagen in Warschau stehen" wollte. Aber keine Angst - die NATO wird keine "grünen Männchen" ohne Hoheitszeichen einsetzen. Das überläßt man Putin.
muellerthomas 31.10.2018
4.
Russland probt regelmäßig in Grossmanövern die Eroberung der Nachbarstaaten, aber wenn die Nachbarn die Verteidigung üben, ist das eine Provokation... so ist die Logik des Putin-Regimes.
x+n 31.10.2018
5. Aus dem Zusammenhang gerissen und falsch zitiert
Zitat von Edgard.. wenn Putin und Lawrow sich die Gelegenheit entgehen ließen sich "provoziert zu fühlen". Wohlgemerkt - Putin der auf der Krim mit dem Einsatz taktischer Atomwaffen gedroht hat und "in zwei Tagen in Warschau stehen" wollte. Aber keine Angst - die NATO wird keine "grünen Männchen" ohne Hoheitszeichen einsetzen. Das überläßt man Putin.
...war, glaub ich, im Stern und nicht im Spiegel.
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