Spionage-Versuche: Nato kämpft gegen Flut von Cyber-Attacken

Von , Brüssel

Der russische und der chinesische Geheimdienst versuchen massiv, Geheimnisse bei der Nato abzuschöpfen. Nach SPIEGEL-ONLINE-Informationen registriert die Sicherheitsabteilung der Allianz bis zu 30 Cyber-Angriffe pro Tag. Die Nato-Offiziere wurden bereits eindringlich gewarnt.

Nato-Hauptquartier in Brüssel: Täglich Dutzende Cyber-Angriffe Zur Großansicht
AP

Nato-Hauptquartier in Brüssel: Täglich Dutzende Cyber-Angriffe

Die Nato sieht sich zunehmend mit virtuellen Ausspähversuchen ausländischer Geheimdienste ausgesetzt, die meisten davon kommen nach Erkenntnissen der Nato-Experten von den Geheimdiensten Chinas und Russlands. "Wir registrieren täglich bis zu 30 ernstzunehmende Angriffe auf unsere Computernetzwerke oder Einzelrechner, meist durch mit Spionagesoftware infizierte E-Mails an einzelne Nato-Mitarbeiter", sagte Generalleutnant Kurt Herrmann SPIEGEL ONLINE am Rande einer Informationsveranstaltung in der Nato-Kommandozentrale "Shape" im belgischen Mons.

Herrmann steht einer Truppe von 120 Computerexperten der Nato vor, die die Allianz und ihre sensiblen Daten vor Cyber-Attacken schützen sollen. Als Direktor der "Nato Communication and Information Systems Services Agency", im Nato-Jargon als NCSA bekannt, sieht Herrmann alle Attacken auf die Informationssysteme der Nato ein. Die Einheit wurde 2004 gegründet, ist seit 2005 einsatzbereit und soll in den kommenden Jahren weiter aufgestockt werden. Vor zwei Jahren hatte die Nato die Gefahr von Cyber-Attacken auf ganze Staaten offiziell als Bedrohung in ihre Strategie aufgenommen.

Das Bündnis ist besorgt

Die Entwicklung der Cyber-Angriffe auf die Nato sieht Herrmann mit Sorge. Demnach registrierten seine Experten "eine quantitative, aber auch qualitative Zunahme" der virtuellen Angriffe auf die Nato. In vielen Fällen seien die E-Mails mit den versteckten Spähprogrammen eine Mischung aus klassischer Geheimdienstarbeit und Hackersoftware. Beispielsweise würden sich die Angreifer zunächst persönliche Details über die Zielperson verschaffen und sich dann als Verwandte oder Freunde ausgeben. Beim Öffnen von Anhängen wie Word-Dokumenten installiert sich dann die Schadsoftware auf die Rechner und sendet Daten an einen Server im Ausland.

Über die Herkunft der Hacker-Angriffe wollte sich Herrmann nicht öffentlich äußern. Nach Informationen von SPIEGEL ONLINE aber haben die Experten der Nato anhand der entdeckten Schadsoftware herausgefunden, dass diese bekannten Programmen ähnelt, die von den chinesischen und russischen Geheimdiensten benutzt werden. Deswegen geht man bei der Nato davon aus, dass die Geheimdienste der beiden Länder hinter den Attacken stehen. Ob durch die Angriffe bereits sensible Daten der Nato abhanden gekommen sind, ist schwer zu sagen. Bisweilen wisse man nur von den verhinderten Versuchen, heißt es bei der Nato.

Warnhinweise im Kommandozentrum der Nato

Dass die Nato die Gefahr durchaus ernst nimmt, ist im Kommandozentrum "Shape" nicht zu übersehen. Schon am Eingang zur Sicherheitszone blinkt gleich über einem Schild mit dem aktuellen konventionellen Gefahrenlevel eine rote LED-Anzeige, die vor dem Öffnen von Anhängen bei E-Mails auf den Arbeitsrechnern warnt. Überall im Haus hängen weitere Plakate, die die militärischen und zivilen Mitarbeiter für die Gefahr sensibilisieren sollen. Allgemein gilt, dass der sogenannte menschliche Faktor das einfachste Einfallstor für Hacker in geschützte Computernetzwerke ist. Durch Schadsoftware spionierten Hacker in der Vergangenheit immer wieder auch bei sicherheitsrelevanten Behörden wie dem Pentagon in den USA.

Bei der Nato geht man davon aus, dass die ausländischen Geheimdienste mit ihren Attacken möglichst viele als sensibel eingestufte Daten über das Militärbündnis von diplomatischen Kabeln bis hin zu Details aus den Einsatzländern wie Afghanistan abschöpfen wollen. Daneben registrierte die Allianz in der jüngsten Vergangenheit aber auch politische Attacken. So wurde beispielweise zu Beginn der Luftangriffe über Libyen im Frühjahr 2011 eine Website der Allianz geknackt. Der Angriff, bei dem die Hacker die Nato durch Veränderung der Website als Mörder bezeichnete, wurde jedoch schnell entdeckt und behoben.

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