Aus Chicago berichtet Matthias Gebauer
In der Abschlusserklärung des Nato-Gipfels hört sich der Abzugsplan für Afghanistan geradezu einfach an: Im Sommer 2013, so die recht knackig abgefasste Deklaration, wird die Kontrolle über alle Regionen Afghanistans von der internationalen Schutztruppe Isaf an die lokalen Sicherheitskräfte übergeben. Nur rund ein Jahr später, spätestens am 31. Dezember 2014, ist die Mission der Nato dann zu Ende, die bisher größte Operation der Allianz ist dann endgültig vorbei, die internationalen Truppen ziehen ab. Die Nato wird fortan nicht mehr aktiv gegen die Taliban kämpfen, stattdessen werden ihre Ausbilder den Afghanen zeigen, wie man Krieg führt und Kabul reichlich Geld für Waffen und Sold geben.
Der Plan ist eine Zeitenwende in der Afghanistan-Politik der Nato. So konkret wie nie zuvor hat das Bündnis in Chicago den Rückzug aus Afghanistan zementiert. Zum ersten Mal gibt es nun einen genauen Zeitplan, der mehr oder weniger sofort beginnt. Auch die exakte Summe für die Unterstützung der Afghanen für die Zeit danach steht fest. Damit ist aus der vagen Abzugsidee, ausgeheckt vor zwei Jahren auf dem Nato-Gipfel in Lissabon, ein unumstößlicher Fahrplan geworden. Am Montag war es der deutsche Außenminister, der diese Kernnachricht des Gipfels auf den Punkt brachte. Ganz egal, so Guido Westerwelle, ob bis 2014 noch Probleme und Hindernisse auftauchten, das absehbare Ende der Isaf-Mission sei "unumkehrbar".
Kein Wunder, dass die Staatschefs, allen voran Gastgeber Barack Obama, zufrieden waren. Obama kann sein Versprechen erfüllen, nach der gescheiterten Irak-Mission nun den zweiten aussichtslosen Krieg der USA zu beenden. Ganz ähnlich geht es den anderen Partnern. In keinem Nato-Land gibt es unter den Wählern noch eine Mehrheit für die Mission am Hindukusch. Viele Regierungen, auch die in Berlin, haben bereits die Heimkehr der eigenen Soldaten versprochen. Jetzt können sie liefern. Zusammen mit dem Versprechen, die Afghanen weiter zu unterstützen und dem satten Jahresbudget von vier Milliarden Dollar für die lokale Polizei und das Militär, klingt das alles sogar recht verantwortungsvoll.
Zweifel an der Leistungsfähigkeit der afghanischen Armee
Abseits der gelungenen Inszenierung von Chicago aber lauern noch einige Fallstricke bis 2014. So muss das Bündnis weiter fürchten, dass Partner früher aus dem Zeitplan aussteigen. Die Reaktion auf die erwartbare Ankündigung des neuen französischen Präsidenten, 2000 seiner 3100 Soldaten schon bis Ende 2012 abzuziehen, illustrierte diese Nervosität. Mühsam kleisterte man am Ende eine absurde Legende um den Pariser Plan. Aus dem Verbleib einer militärisch irrelevanten Rumpftruppe vom einigen hundert Mann machte man ein klares Bekenntnis Frankreichs zur Nato-Mission. Bei François Hollande hörte sich das anders an. "Wir haben unsere Pflicht getan", stellte er zum Gipfel-Ende vor seiner Landespresse fest.
Gar nicht mehr erwähnt wurden in Chicago die "conditions on the ground", die Sicherheitslage in Afghanistan. So steht die Übergabe der gefährlichsten Gebiete des Landes, den Hochburgen der Taliban, in den nächsten zwölf Monaten noch an. Dabei kann es mehr Probleme geben als die von Realisten wie Verteidigungsminister Thomas de Maizière stets genannten Rückschläge. Kommandeure vor Ort hegen noch immer massive Zweifel an der Leistungsfähigkeit der afghanischen Armee. Sicher, es hat sich viel getan bei der Afghan National Army, der echte Praxistest steht aber noch an und könnte den Nato-Zeitplan gehörig durcheinanderwirbeln.
Ebenso unklar ist die politische Lage um den amtierenden Präsidenten Hamid Karzai, dem einstigen Hoffnungsträger des Westens. Ursprünglich wollte er 2014 abtreten, dann sollte ein neuer Staatschef gewählt werden. Nun aber denkt Karzai laut darüber nach, die Wahl vorzuziehen, er sucht bereits nach aus seiner Sicht geeigneten Kandidaten. Grundsätzlich passt der Nato ein früherer Wahltermin gut ins Konzept, ein Urnengang im Abzugsjahr 2014 würde die internationalen Einheiten möglicherweise doch noch stark binden. Gleichwohl könnte Karzai wie zuletzt 2009 die Wahl massiv manipulieren. Ein solcher Wahlfälschungseklat würde nicht gut aussehen kurz vor dem geplanten Ende einer erfolgreichen Nato-Mission.
Tiefe Gräben zwischen Washington und Islamabad
Knapp vorbei an einer diplomatischen Katastrophe schrammte man in Chicago in Sachen Pakistan. Afghanistans chaotischer Nachbar war in letzter Minute in die USA eingeladen worden, da man sich endlich einen verlässlichen Deal über die dringend benötigten Abzugswege für die gigantischen Mengen an Kriegsgerät raus aus Afghanistan zum Seehafen in Karatschi erhoffte. Der Plan ging gehörig schief. Vielmehr wurde in Chicago überdeutlich, wie tief der Graben zwischen Washington und Islamabad immer noch ist, am Ende verweigerte US-Präsident Obama gar ein formelles Treffen mit seinem Kollegen aus Islamabad. Die Frage der Transportwege für den Abzug ist also weiterhin völlig offen.
Die Probleme mit Pakistan verursachen der Bundesregierung ernste Sorgen. Außer der Pakistan-Route führt nur der Weg durch den von der Bundeswehr kontrollierten Norden Afghanistans aus dem Land, nach Usbekistan: Mit dem autokratischen Land schloss die Allianz einen zwar teuren aber doch verlässlichen Transitvertrag. Ziehen jedoch fast alle Nato-Nationen über den Norden ab, droht der Bundeswehr ein politisch keinesfalls gewolltes Schicksal: Verantwortlich für den Norden, müssten die Deutschen möglicherweise so lange bleiben, bis alle anderen raus sind. So hatte man sich in Berlin den geordneten Abzug freilich nicht vorgestellt.
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