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Gipfel in Chicago: Nato sichert erste Route für Afghanistan-Abzug

Auch Chicago berichtet

Es ist ein Durchbruch für den Rückzug: Beim Nato-Gipfel in den USA soll mit Usbekistan erstmals ein belastbarer Vertrag für den Abzug von Militärmaterial des Bündnisses aus Afghanistan unterzeichnet werden. Für die Bundeswehr könnte die Wahl dieser Route gravierende Konsequenzen haben.

Bundeswehrsoldat in Afghanistan: Schutz für Nato-Abzug durch den Norden Zur Großansicht
dapd

Bundeswehrsoldat in Afghanistan: Schutz für Nato-Abzug durch den Norden

Die Nato wird beim Abzug aus Afghanistan einen erheblichen Teil des Kriegsmaterials der einzelnen Nationen des Bündnisses über Usbekistan transportieren - und damit durch den von der Bundeswehr kontrollierten Norden des Landes. Nach Informationen von SPIEGEL ONLINE will die Allianz am Rande des Nato-Gipfels in Chicago mit dem Nachbarland Afghanistans einen umfangreichen Transitvertrag abschließen, der die Überführung von Fahrzeugen und anderem militärischem Material der am Hindukusch engagierten Nationen über die sogenannte Nordroute gen Europa und Amerika möglich macht.

Mehrere Nato-Diplomaten bestätigten SPIEGEL ONLINE vor Beginn des Gipfels, das der Vertrag über den Transit durch Usbekistan unterschriftsreif sei und vermutlich am Montag mit dem usbekischen Staatschef unterzeichnet werde. Ausgeschlossen soll allerdings der Transit von Munition oder Raketen über usbekischen Boden sein. Die Regierung aus Taschkent ist als Gast beim Nato-Gipfel und wird am Montag bei Beratungen über die Mission des Bündnisses teilnehmen. Zwar gilt das Land wegen seiner despotischen Regierung und der prekären Menschenrechtslage als schwierig, dennoch kann sich die Nato beim Abzug ihre Partner nicht wirklich aussuchen.

Der Vertrag, den Diplomaten der Nato über Monate mit dem autokratisch geführten Land ausgehandelt hatten, ist für die Allianz ein Durchbruch für den bis Ende 2014 geplanten Abzug aus Afghanistan. Erstmals hat das Bündnis damit gemeinsam eine Rückzugsroute gesichert. In den Monaten zuvor war der Eindruck entstanden, dass alle Nationen einzeln und teils chaotisch an ihren Abzugsplänen schmieden. Teilweise konkurrierten einzelne Nato-Staaten bei den Nachbarn Afghanistans um die Rechte für den Transport von Militärmaterial. Der Vertrag mit Usbekistan könnte laut Nato-Diplomaten deswegen ein Startschuss für eine gemeinsame Strategie zur Abwicklung der Mission in Afghanistan sein.

Ringen um den Rückzug

Der Nato-Gipfel beginnt am Sonntag in Chicago. Dazu werden neben den Staats- und Regierungschefs der 28 Nato-Staaten auch mehr als 30 Spitzenvertreter anderer Länder und internationaler Organisationen erwartet. Das Ende der Mission am Hindukusch ist bei dem Treffen das zentrale Thema. Gemeinsam will die Nato in den nächsten beiden Jahren immer mehr Verantwortung an die afghanische Armee übergeben und die eigenen Truppenkontingente schrittweise reduzieren. Danach will das Bündnis die Afghanen zwar weiter mit Ausbildern und rund vier Milliarden Dollar Militärhilfe im Jahre unterstützen, sich aber aus aktiven Kampfhandlungen weitgehend zurückziehen.

Seit dem Beginn der Mission haben die Bündnispartner rund 120.000 Container voll mit militärischem Material und mehr als 75.000 Fahrzeuge nach Afghanistan geschickt. Der Rücktransport dieser gigantischen Menge an Kriegsgerät, vom Panzer bis zum schlichten Feldbett, wird für die Nato-Nationen eine Herkules-Aufgabe ungeahnten Ausmaßes. Die Logistik spielt dabei die entscheidende Rolle. So hat Afghanistan keinen Seehafen, die Infrastruktur des Landes ist immer noch marode. Im Westen grenzt Iran an das Land, Transporte der Nato durch den international wegen seines Atomprogramms isolierten Staat gelten als ausgeschlossen.

Im Osten wiederum liegt Pakistan, ein politisch unzuverlässiger Partner für die Nato. Islamabad will zudem offenbar am Rückzug der Allianz kräftig verdienen. Zwar hatte Pakistan quasi in letzter Minute vor dem Gipfel die seit Monaten wegen eines bis heute unklaren Vorfalls an der Grenze geschlossenen Nato-Versorgungsrouten für einige wenige Laster der US-Armee symbolisch wieder geöffnet und war deswegen auch zum Treffen der Staatschefs in den USA eingeladen worden. Kurz darauf aber wurde bekannt, dass das Land für jeden Transit eines Lkw 5000 Dollar Gebühr von den USA fordert. Dieser Preis, blaffte US-Verteidigungsminister Leon Panetta vor Beginn des Gipfels, sei viel zu hoch und inakzeptabel.

Konsequenzen für die Bundeswehr

Folglich wäre eine verlässliche Rückzugsroute durch Nordafghanistan und dann über Usbekistan eine willkommene Lösung. Von Masar-i-Sharif, dem Hauptstützpunkt der Bundeswehr in Afghanistan, gibt es eine halbwegs funktionierende Eisenbahnlinie, die über die usbekische Grenze bei Heiraton und dann weiter über Kasachstan und Russland bis zum litauischen Fährhafen Klaipeda führt. Von dort aus könnte das Bündnis vor allem schweres Gerät halbwegs kostengünstig per Schiff zurückbringen. Natürlich verlangt auch Usbekistan für den Transit Geld. Gleichwohl gilt das Regime in Taschkent bei allen Zweifeln an seiner Staatsführung als weitaus verlässlicher als etwa Pakistan.

Für die Bundeswehr könnte die Abzugsroute der Nato durch den Norden erhebliche Konsequenzen mit sich bringen. Als Führungsnation in der Region tragen die Deutschen dort die Gesamtverantwortung für die Mission der Schutztruppe Isaf. Wenn die Nato tatsächlich einen erheblichen Teil ihres Materials über die Nordroute aus Afghanistan bringen würde, müssten die langen und behäbigen Konvois militärisch geschützt werden, da sie ein leichtes Ziel für die Taliban oder Terroristen wären. Skeptiker in Deutschland warnen deshalb schon jetzt davor, dass sich die Bundeswehr mit einer solchen Schutzaufgabe dauerhaft in Nordafghanistan binden würde und in den kommenden Jahren kaum mit dem angepeilten Abzug der deutschen Soldaten beginnen könne.

Für Deutschland ist die Kooperation mit Usbekistan nichts Neues: Seit Beginn der Afghanistan-Mission der Bundeswehr dient der usbekische Flughafen Termez für die Bundeswehr als Drehscheibe für den Transport von Material und Soldaten nach Afghanistan und zurück. Für die Benutzung des Flughafens zahlt die Bundeswehr Usbekistan knapp 20 Millionen Euro im Jahr. Die Zusammenarbeit Berlins mit dem autokratischen Regime in Taschkent ist seit Jahren politisch umstritten, jedoch aus Sicht der Militärs unumgänglich.

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1. ah
viperhyper 20.05.2012
Hm wie sind die nur nach Afganistan gekommen?
2. Wie schoen
seine-et-marnais 20.05.2012
Zitat von sysopdapdEs ist ein Durchbruch für den Rückzug: Beim Nato-Gipfel in den USA soll mit Usbekistan erstmals ein belastbarer Vertrag für den Abzug von Militärmaterial des Bündnisses aus Afghanistan unterzeichnet werden. Für die Bundeswehr könnte die Wahl dieser Route gravierende Konsequenzen haben. http://www.spiegel.de/politik/ausland/0,1518,834030,00.html
Die USA und die NATO brueskieren Putin mit dem Schild den sie in Osteuropa! zum Schutz vor iranischen Raketen installieren wollen, heizen mit der Unterstuetzung der 'Rebellen' den Konflikt in Syrien an. Und als Dank dafuer darf die NATO nach dem Afghanistandesaster ihre Waffen quer durch Russland abtransportieren. Ansonsten wird man behaupten Putin ist nicht kooperativ! Im Zusammenhang mit dem Vorschlag Hollandes die frz Truppen frueher abzuziehen wurde natuerlich auch ueber den Abtransport der frz Truppen beraten. Es gibt da noch eine weitere Moeglichkeit, den Abtransport auf dem Luftweg. Die noetigen Flugzeuge die die schweren Materialien transportieren koennen muesste man aber mieten da die NATO-Truppen nicht die entsprechenden Flugzeuge besitzt. Mieten von wem, natuerlich Russland, aber auch Weissrussland besitzt entsprechende Flugzeuge.
3.
Hupert 20.05.2012
Zitat von sysopdapdEs ist ein Durchbruch für den Rückzug: Beim Nato-Gipfel in den USA soll mit Usbekistan erstmals ein belastbarer Vertrag für den Abzug von Militärmaterial des Bündnisses aus Afghanistan unterzeichnet werden. Für die Bundeswehr könnte die Wahl dieser Route gravierende Konsequenzen haben. http://www.spiegel.de/politik/ausland/0,1518,834030,00.html
Usbekistan war zu jeder Zeit der erste sichere Rückzugspunkt zu Land für alle militärischen Teilnehmer afghanischen Pokerrunde. Neu ist was anderes. Vielleicht sollte sich auch einfach mal ein Redakteur unter unsere "Verteidiger" am Hindu Kush mischen... das gäbe auf jeden Fall Schlagzeilen für Wochen und endlos Kanonenfutter für den Bund der Steuerzahler.
4. Es ist ein Durchbruch für den Rückzug
salamist 20.05.2012
Das nenn ich mal militärischen Erfolg! Mit den Deutschen kannst halt nix gewinnen außer Bierkrugstemmen. Wetten wir das die BW im Kunduz zum Schluß eingekesselt wird?
5. Wer hat sich denn diesen Unsinn ausgedacht?
Stauss 20.05.2012
"Von Masar-i-Sharif, dem Hauptstützpunkt der Bundeswehr in Afghanistan, gibt es eine halbwegs funktionierende Eisenbahnlinie, die über die usbekische Grenze bei Heiraton und dann weiter über Kasachstan und Russland bis zum litauischen Fährhafen Klaipeda führt." Dann ist Verschrotten vor Ort billiger als die ausgeleierten Ausrüstungen zurückzubringen. Zum Verschrotten.
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