Konflikt mit Syrien: Nato sichert Türkei Hilfe zu

Die Nato verschärft wegen des sich zuspitzenden Konflikts zwischen Syrien und der Türkei ihren Ton gegenüber Damaskus: Das Bündnis sicherte der Regierung in Ankara Solidarität zu - es gebe Pläne, "um die Türkei zu schützen und zu verteidigen", sagte Generalsekretär Rasmussen.

Nato-Generalsekretär Rasmussen: "Völlig inakzeptable syrische Attacken" Zur Großansicht
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Nato-Generalsekretär Rasmussen: "Völlig inakzeptable syrische Attacken"

Brüssel - Die Nato ist auf eine weitere Eskalation des türkisch-syrischen Konflikts vorbereitet und will Ankara im Notfall zur Seite stehen. "Wir haben alle notwendigen Pläne bereitliegen, um die Türkei zu schützen und zu verteidigen", sagte Generalsekretär Anders Fogh Rasmussen am Dienstag zu Beginn des Treffens der Nato-Verteidigungsminister in Brüssel. "Wir hoffen aber, dass dies nicht notwendig sein wird, dass alle Beteiligten Zurückhaltung zeigen und eine Eskalation der Krise vermeiden."

Zugleich verurteilte Rasmussen die "völlig inakzeptablen syrischen Attacken" und betonte das Recht der Türkei, sich "gemäß internationalem Recht" zu verteidigen. Die Regierung in Ankara "kann sich auf die Solidarität der Nato verlassen", versicherte Rasmussen. Der richtige Weg für Syrien liege indes in einer politischen Lösung.

Auch Berlin sicherte der Regierung in Ankara Solidarität zu. "Deutschland steht, wie die Bundeskanzlerin gesagt hat, wie der Außenminister sagt, wie ich sage, fest an der Seite der Türkei", betonte Bundesverteidigungsminister Thomas de Maizière (CDU) und ergänzte: "Wir halten für richtig, dass die Türkei entschlossen und besonnen reagiert hat und reagieren wird, und alle sollten daran arbeiten, dass es dabei bleibt."

Die beiden Länder haben sich im Grenzgebiet seit Mittwoch vergangener Woche immer wieder gegenseitig mit Artillerie und Granaten beschossen. Auslöser war ein syrischer Granatenbeschuss, bei dem fünf türkische Zivilisten getötet wurden. Die Regierung in Ankara hatte am Montag bereits den sechsten Tag in Folge mit Artilleriefeuer reagiert. Der Generalstabschef der türkischen Streitkräfte besuchte am Dienstag Soldaten an der Grenze zu Syrien.

Die türkische Militärführung hatte zuletzt zusätzliche Kampfflugzeuge auf einem Stützpunkt im Südosten des Landes stationiert. Mindestens 25 weitere Kampfjets vom Typ F-16 seien am späten Montagabend auf die Luftwaffenbasis Diyarbakir verlegt worden, berichtete die Nachrichtenagentur Dogan unter Berufung auf Militärkreise.

"Vorerst wollen die Türken das alleine regeln"

Die anhaltenden Spannungen im Grenzgebiet nähren die Sorge, dass sich der syrische Bürgerkrieg zu einem Flächenbrand in der Region ausweiten könnte. Der türkische Außenminister Ahmet Davutoglu hatte das Regime in Damaskus bereits am Samstag gewarnt, dass sein Land auf jede Granate, die auf türkischem Boden fällt, militärisch reagieren werde.

Trotz der Aufrüstung an der türkisch-syrischen Grenze erscheint es derzeit mehr als unwahrscheinlich, dass die Türkei die Nato wegen des anhaltenden Grenzkonflikts einschalten oder gar den Bündnisfall gemäß Artikel 5 der Nato ausrufen will. Zwar tagen seit Dienstagmittag in Brüssel die Verteidigungsminister der Allianz, bei dem Arbeitstreffen steht Syrien aber nicht einmal auf der Tagesordnung. Laut mehreren Nato-Diplomaten rechnet in Brüssel niemand damit, dass Ankara den Konflikt mit dem südlichen Nachbarn in den kommenden beiden Tagen in der Runde der Minister ansprechen will. "Vorerst wollen die Türken das alleine regeln", so ein westlicher Nato-Mann am Montagabend.

Kein Nato-Land will sich in den komplizierten Krieg in Syrien einmischen

Die Einschätzung schien sich zum Start des Treffens zu bestätigen. Bewusst eilte der türkische Verteidigungsminister am Vormittag an der wartenden Presse vorbei, selbst die laut gebrüllten Fragen der türkischen Journalisten ließ er unbeantwortet. Dass Nato-Generalsekretär Rasmussen wenig später sagte, die Nato werde der Türkei im Ernstfall helfen, war letztlich nicht mehr als eine Selbstverständlichkeit. Denn eine solche Unterstützung gilt für jedes Land in dem Bündnis der 28 Staaten. Am Abend zuvor hatte Rasmussen vor einer kleinen Runde von Journalisten dann auch dementiert, dass es irgendwelche Pläne für eine Involvierung der Nato in den Konflikt gebe.

Die Zurückhaltung hat mehrere Gründe. Zum einen will sich keines der Nato-Länder in den komplizierten und unübersichtlichen Krieg in Syrien einmischen, die Bündnisstaaten sind nach den wenig erbaulichen Erfahrungen in Afghanistan vorsichtig geworden. Auch die Türkei will offenbar zunächst das Heft des Handelns behalten. Riefe das Land nach der Nato, würde das Bündnis umgehend das Kommando über eine mögliche Mission übernehmen. Den stolzen Türken würde das kaum gefallen, zudem wäre dann die Handlungsfreiheit Ankaras zum Beispiel bei den regelmäßigen Operationen gegen die kurdischen Separatisten der PKK im nahen Nordirak nicht mehr möglich.

hen/mgb/dapd

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insgesamt 54 Beiträge
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1. Die Chinesen und Russen
Lemmi42 09.10.2012
sollten von Syrien aus der Türkei Schutz bieten ! Das wäre doch ein Beitrag zur erhaltung des Friedens.
2. Ein Kriegstreiber
klauslynx 09.10.2012
Rasmussen zeigt sich hier wieder als klarer Kriegstreiber. Es kann nur noch das Bestreben geben "Raus aus der Nato"
3. schon wieder ein raus?
einigloo 09.10.2012
Raus aus der EU? Raus aus der Nato? Raus aus der Atomkraft? Raus aus der Wehrpflicht? Raus aus allem was einem im Moment Nachteile bietet auch wenn es einem Jahrzehnte lang genützt hat. That's Germany 2.0 ^^
4. Sie sind auf dem Wege
Rotspoon 09.10.2012
Es ist wohl das erwünschteZiel der scheidenden Weltmacht, einen völlig destabilisierten arabischen Raum noch für einen längeren Zeitraum zu beherrschen. Syrien hält sichlänger als erwartet. Fällt Assad, geht es sofort gegen den Iran. WW III wird möglich
5. ...
otto_iii 09.10.2012
Als ob die Türken Hilfe von der NATO benötigen würden... Die Syrische Armee hat doch schon alle Hände voll zu tun um sich der Rebellen im eigenen Land zu erwehren, damit würde die türkische Armee (übrigens die zweitgrößte NATO-Armee nach den USA) locker alleine fertig. Im übrigen gibt es keinen wirklichen Konflikt zwischen Syrien und der Türkei, noch nicht mal einen Grenzkonflikt. Das einzige Problem ist die wechselseitige Unterstützung von Rebellengruppen im jeweiligen Nachbarland (FSA bzw PKK). Wenn das aufhört ist ganz schnell Frieden in der Region.
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