Nato-Mission nach 2014: USA planen Radikal-Abzug aus Afghanistan

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US-Abzug aus Afghanistan: Abschied vom Hindukusch Fotos
AFP

Offiziell will der Westen Afghanistan weiter helfen, auch nach dem Ende der Nato-Mission 2014 - das hat die Staatengemeinschaft versprochen. Doch hinter den Kulissen kündigen die USA einen radikalen Rückzug vom Hindukusch an. Damit setzen die Amerikaner auch die Bundeswehr unter Druck.

Berlin/Brüssel - Die USA planen für die Zeit nach dem anvisierten Abschluss der Nato-Mission Isaf nur eine minimale Präsenz amerikanischer Soldaten in Afghanistan. Weniger als 10.000 Mann sollen nach Informationen von SPIEGEL ONLINE ab Ende 2014 am Hindukusch stationiert bleiben. Darüber hat der Sonderberater des US-Präsidenten für die Krisenregion die Nato-Botschafter im Hauptquartier der Allianz bereits in der zweiten Februarwoche unterrichtet. Nur die Hälfte dieser Einheiten sollen demnach für das Training der afghanischen Armee zur Verfügung stehen.

In dem vertraulichen Briefing bestätigte Generalleutnant Douglas Lute erstmals offiziell, dass die USA für die Phase nach 2014 nur eine sehr kleine US-Mission am Hindukusch anpeilen. Die Zahlen, die Lute nannte, sind für die Allianz alarmierend. Zwar hat das Bündnis mit der Hilfe von acht Nicht-Nato-Staaten bereits seit Monaten eine Unterstützungs- und Trainingsmission für die afghanische Armee angekündigt. Durch die extrem knappe US-Planung steht die Nato jetzt vor einem Offenbarungseid.

Für die sogenannte Post-Isaf-Mission haben die Planer mittlerweile den dritten Namen aufgelegt. Die Operation, mit der die Strategen sicherstellen wollen, dass die mühsam aufgebaute afghanische Armee nach dem Abzug der Isaf-Kräfte nicht gleich wieder auseinander fällt, sollte zunächst "Itaam" heißen. Weil dies einem afghanischen Wort für "Anklage" zu ähnlich klingt, einigte man sich dann auf den Namen "Antaam". Jetzt heißt die Mission "resolute support", zu Deutsch: entschlossene Unterstützung.

Was der US-Sondergesandte Lute skizzierte, demonstrierte allerdings vor allem die Entschlossenheit von US-Präsident Barack Obama, die Afghanistan-Mission bis Ende 2014 radikal zu verringern. Auch danach will er nur eine Minimal-Präsenz im Land belassen. Erst kürzlich hatte Obama in einer Grundsatzrede das Ende des Kriegs in Afghanistan verkündet und zugleich versprochen, bis Ende 2013 bereits die Hälfte der derzeit am Hindukusch eingesetzten 66.000 US-Soldaten nach Hause zu beordern.

Die Details der US-Planungen waren bis zu dem Briefing von Lute nicht bekannt. Zwar hatten US-Medien bereits vor Wochen über eine "Minimal-Option" von weniger als 10.000 US-Soldaten nach 2014 spekuliert, offiziell aber äußerte sich die US-Regierung nicht. Ob sie auf einem für Donnerstag dieser Woche anberaumten Treffen der Nato-Verteidigungsminister in Brüssel zum Thema voll sprechfähig sein wird, ist ungewiss. Da der designierte Verteidigungsminister Chuck Hagel noch nicht vom Senat bestätigt worden ist, vertritt ihn in Brüssel vermutlich sein Vorgänger Leon Panetta.

Große Verantwortung für die afghanische Armee

Präsidentenberater Lute ließ vor den Nato-Botschaftern keinen Zweifel daran, dass Washington die ungeliebte Mission zu einem schnellen Ende führen will. So sollen die afghanischen Sicherheitskräfte schon ab diesem Frühjahr alle Kampfoperationen selbst führen, die Isaf hingegen soll auf eine Art Unterstützungsmodus umschalten. Nur durch diesen schnellen Kommandowechsel könnte der Übergang bis Ende 2014 funktionieren, teilten die Amerikaner ihren europäischen Partnern mit.

Die Strategie birgt auch Gefahren: Der schnelle Wechsel bringe das Risiko mit sich, die Afghanen mit der großen Verantwortung zu überfordern, gab der US-Vertreter gegenüber den Verbündeten zu.

Die anderen Nato-Staaten und auch die Bundeswehr geraten durch die US-Planungen unter massiven Druck. So erwarten die USA nach den Worten Lutes, dass Deutschland auch nach 2014 weiterhin das Regionalkommando Nord in Afghanistan verantwortet und dort die Trainingsmission ab Ende 2014 steuert. Die USA wollen demnach die Ausbildung und Unterstützung im Süden und Osten übernehmen. Italien soll weiter den Westen des Landes verantworten.

5000 Mann sollen schützen und Terroristen jagen

Die USA hingegen wollen ihre Kräfte am Boden noch einmal teilen. Demnach sollen nur rund 5000 der insgesamt 10.000 Soldaten für die Trainingsmission eingesetzt werden, die andere Hälfte wird nach Willen der US-Regierung nur für den gezielten Kampf gegen Terror-Zellen oder Lager von al-Qaida und den Schutz von US-Einrichtungen wie der Botschaft in Kabul abgestellt.

Die Lücken bei der Ausbildermission, die nach bisherigen Planungen bis zu 15.000 Soldaten umfassen soll, müssen nach den Wünschen aus den USA nun die anderen Nationen tragen. Für die Bundeswehr würde das allein wegen des Betriebs des großen Feldlagers in Masar-i-Scharif auch nach 2014 einen hohen Personalaufwand bedeuten.

Und das war nicht der einzige Dämpfer, den der US-Gesandte präsentierte. Zwar kündigte er an, dass die USA den anderen Nationen nach 2014 weiterhin Unterstützung durch Kampfjets und Lufttransport anbieten würden. Ausgenommen davon seien allerdings taktische Fähigkeiten wie zum Beispiel die Evakuierung von Verletzten mit Hubschraubern der US-Armee.

Sorge um Abzug der Krankenflugzeuge

Schon in der Botschaftersitzung sorgte die Ankündigung für Aufregung. Faktisch sind fast alle Nationen wie die Bundeswehr auf die Medevac-Flieger der USA angewiesen. Nur durch die Hilfe der USA konnten die Deutschen bisher im Norden eine funktionierende Sanitätskette für Verwundete organisieren, mehrere Male retteten dabei US-Soldaten deutschen Kameraden das Leben. Auch wenn die Mission nach 2014 ausdrücklich keine Kampfoperationen einschließen soll, ist eine solche Rettungskette für die Bundeswehr unbedingt erforderlich.

Innerhalb der Bundesregierung hofft man trotz der eindeutigen Aussagen von Lute, dass man noch Details justieren kann. Bisher, so die Linie, seien die vorgestellten Zahlen nur grobe Planungen und noch nicht durch den Präsidenten abgesegnet. "Die Natur unserer Mission wird sich grundlegend ändern", sagte Obama jedoch kürzlich bei seiner Grundsatzrede zur Lage der Nation.

Die Strategen in Berlin wissen mittlerweile, was der US-Präsident damit vor allem meinte: die künftige Operation nach 2014 so klein wie möglich zu halten.

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Bevölkerung: 31,412 Mio.

Hauptstadt: Kabul

Staats- und Regierungschef: Hamid Karzai

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