US-Elitetruppe Navy Seals Die Schattenarmee des Terrorkriegs

Die Navy Seals gelten als härteste Truppe des US-Militärs. Doch jetzt hat die "New York Times" enthüllt, wie die Elite-Soldaten zu globalen Menschenjägern mutieren: eine Folge des immer diffuseren Kampfes gegen den Terror.

Navy Seals (Archivfoto): "Körper kaputt, Gehirn kaputt"
dapd

Navy Seals (Archivfoto): "Körper kaputt, Gehirn kaputt"

Von , New York


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Der Vorwahlkampf der US-Republikaner läuft auf Hochtouren. Am Wochenende pilgerten sieben erklärte und Möchtegern-Kandidaten in den Bauernstaat Iowa, in dem immer die ersten Vorwahlen abgehalten werden. Dessen Senatorin Joni Ernst hatte zum "Roast and Ride" geladen, einer Motorradrallye samt Barbecue und scharfer Politsoße, sprich: konservativen Brandreden.

Am martialischsten gerierte sich Rick Perry, der Ex-Gouverneur von Texas. Er rauschte auf einer Harley Davidson an, im Schlepptau zwei Veteranen der US-Elitetruppe Navy Seals: Michael Thornton, der sich im Vietnamkrieg verdient gemacht hat, und Marcus Luttrell, dessen Afghanistan-Odyssee erfolgreich verfilmt wurde ("Lone Survivor").

Perry lobte beide als "Helden", die "für all das stehen, was gut ist an Amerika". Das Timing freilich war mehr als ironisch: Am selben Tag offenbarte sich anderswo die wahre Natur der geheimnisumwitterten Spezialeinsatztruppe - und die ist weit entfernt von ihrem Mythos.

Die Navy Seals - vor allem deren Top-Einheit, das Team 6, das al-Qaida-Chef Osama bin Laden aufspürte - seien vielmehr zu einer weltweiten "Menschenjagd-Maschine" mutiert, berichtete die "New York Times" in einem umfassenden Investigativreport. Die Truppe bilde heute eine unkontrollierbare US-Schattenarmee, deren Einsätze weit über ihre eng gefassten Aufgaben hinausgingen - mit verheerenden Folgen, inklusive "exzessivem Töten und zivilen Opfern".

Laut "NYT" ist diese Entwicklung des Team 6 die zwangsläufige Konsequenz einer neuen US-Kriegsführung, "bei der sich der Konflikt nicht mehr durch Siege oder Niederlagen auf dem Schlachtfeld auszeichnet, sondern durch gnadenloses Töten verdächtigter Militanten". Dass dabei immer öfter Unschuldige umkommen, werde stillschweigend in Kauf genommen.

Die Vorwürfe erinnern an die Debatte um Amerikas Drohneneinsätze: Auch die laufen seit Langem aus dem Ruder, und meist zu Lasten der Zivilisten. Die Lehre und die Sorge, die daraus erwachsen, sind die gleichen: Wie die Geister, die Goethes Zauberlehrling rief, haben sich die Handlanger des US-Krieges gegen den Terror verselbständigt.

Die Navy Seals sind sagenumwoben - sie operieren geheim und werden gleichzeitig so verklärt wie sonst kaum eine US-Militäreinheit. Auch der US-Scharfschütze Chris Kyle, dessen Leben und Tod im Kinofilm "American Sniper" verewigt wurde, war ein Seal. Nach den Terroranschlägen von 2001 wurde das Team 6, die Seal-Kerneinheit, spürbar verstärkt, nach Angaben der "NYT" auf rund 300 hochtrainierte Frontkämpfer und bis zu 1500 Unterstützungstruppen.

Anfangs sollten sie in Afghanistan hochrangige al-Qaida-Mitglieder ausschalten. Dann aber wurden die Aufträge der "NYT" zufolge immer weniger präzise - in Somalia, im Jemen, in Syrien und im Irak, wo sie den "Islamischen Staat" (IS) bekämpfen.

"Sie sind zu einer Art Notrufnummer geworden, wenn irgendjemand irgendwann irgendwas erledigen muss", sagte der demokratische Ex-Senator Bob Kerrey, der selbst in Vietnam als Seal diente, der "NYT". Das sei freilich unvermeidlich, wenn sich die USA in der Klemme "zwischen einer schrecklichen und einer schlechten Option" befänden.

Team 6 bei einem Einsatz im Irak (Archiv): Die Soldaten gehören zu den besten des Landes
Getty Images

Team 6 bei einem Einsatz im Irak (Archiv): Die Soldaten gehören zu den besten des Landes

Die Brutalität der Seals führt demzufolge immer häufiger dazu, dass "wahllos und willkürlich" unschuldige Zivilisten sterben, meist bei Einsätzen in afghanischen Dörfern, in denen Terroristen vermutet würden. Solche Fälle führten selten zu Konsequenzen. "Ob ich glaube, dass es mehr Tötungen gab als nötig?", zitiert die Zeitung einen Ex-Offizier. "Klar."

Hoch gerühmt waren stets auch die spektakulären Geiselbefreiungen des Team 6. Das begann 2003 mit der Rettung der Soldatin Jessica Lynch aus einem irakischen Krankenhaus - ein Fall, den die Regierung George W. Bush zur Kriegspropaganda aufbauschte. 2009 dann befreite das Team 6 den US-Kapitän Richard Phillips aus der Hand somalischer Piraten, auch das ein erfolgreich verfilmtes Drama.

Weniger bekannt sind die missglückten Einsätze. Etwa 2010, als die britische Entwicklungshelferin Linda Norgrove bei einem Seals-Einsatz in Afghanistan umkam. Wie die "NYT" im Detail beschreibt, war daran ein neues Mitglied des Team 6 schuld: Der Mann warf eine Handgranate auf Norgrove, die er für einen Feind gehalten hatte.

Für die Seals habe ihre Aufgabe als globale Terrorpolizei dramatische Folgen, schreibt die "NYT": Seit 9/11 seien rund drei Dutzend Team-6-Männer gefallen, mehr als je zuvor in der gesamten Geschichte der 1980 gegründeten Einheit. Die vermehrten Einsätze nähmen die Soldaten "physisch und mental" mit. "Dein Körper ist kaputt", sagte ein Team-6-Veteran der "NYT", "dein Gehirn ist kaputt."

Als Symbole der amerikanischen Einzigartigkeitsüberzeugung und in einer Welt, die in Schwarz-Weiß-Sicht schlicht in "Gut" und "Böse" unterteilt ist, bleiben die Seals jedoch unzerstörbar. "Ich kann kaum beschreiben, wie stolz ich bin, mit Ihnen hier auf der Bühne zu stehen", sagte Rick Perry in Iowa, bevor er die umjubelten Veteranen an den Barbecue-Grill bat.


Zusammenfassung: Die Navy Seals, insbesondere deren Top-Einheit, das Team 6, sind zu einer weltweiten "Menschenjagd-Maschine" mutiert, berichtet die "New York Times". Die Truppe bildet laut Recherchen der Zeitung eine unkontrollierbare US-Schattenarmee, deren Einsätze weit über ihre eng gefassten Aufgaben hinausgingen. Die Brutalität der Seals führe immer häufiger dazu, dass unschuldige Zivilisten sterben.



Forum - Diskussion über diesen Artikel
insgesamt 44 Beiträge
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Seite 1
JDR 09.06.2015
1.
Witzig ist, dass die Rede davon ist, die Truppe sei zu Menschenjägern mutiert. Die SEALs waren in ihrer ganzen Geschichte Menschenjäger. Das Problem, welches in der NYT - zu Recht - beschrieben wird, ist, dass die Truppe zunehmend für "Alltagskriegsführung" eingesetzt wurde. Jobs, die sie auf Grund ihres Trainings am Besten erledigen konnten, die aber nicht ihrem Kernauftrag entsprachen. In einer Dokumentation - lange vor 09/11 - sagte ein SEAL: "We kill people and break things." Jeder Auftrag, der eine andere Zielrichtung verfolgt behindere die Entwicklung dieser beiden Fähigkeiten. Er sagte auch über die damals verbreitete Theorie, dass die Ära der Konflikte vorbei sei und die SEALs nicht mehr gebraucht würden: "Wenn Sie das glauben, habe ich da ein Strandgrundstück, das ich Ihnen gerne verkaufen will."
tailspin 09.06.2015
2. Wahrscheinichkeiten
So wie es derzeit steht, gibt es folgende Wahrscheinlichkeiten im Vergleich zu einem Terroristenangriff umzukommen: 1. Herzkrankheiten 17600 mal wahrscheinlicher 2. Krebs 12571 mal 3. Flugzeugabsturz 11000 mal 4. Autounfall 1048 mal 5. Ausrutschen 404 mal 6. Ertrinken 87 mal 7. Im Bett ersticken 12 mal 8. In der eigenen Kotze ersticken 9 mal 9. Von einem Polizisten erschossen werden 8 mal 10. Stromschlag 8 mal 11. Heisses Wetter 6 mal http://www.zerohedge.com/news/2015-06-08/rand-paul-and-bogus-terrorist-threat-america Ich verstehe, das ist irgendwie unbefriedigend. Die USA arbeiten sehr hart daran, dass sich das aendert. Wenn sie weiterhin wahllos in der Welt rumballern und mal diesen, mal jenen erschiessen und auch gerne mal Gruppen, dann bleiben irgendwann genuegend Hinterbliebene, die nur davon traeumen, Amerikaner zu lynchen. Dann koennen sich diese Relationen, die ein derzeit noch vernachlaessigbares Terrorismusrisiko beschreiben, durchaus aendern. Dann kann das Government endlich zurecht behaupten, es haette schon immer recht gehabt.
J.Corey 09.06.2015
3. Verharmlosende Beschreibung
Das sind Auftragskiller und nichts weiter. Derartige Einheiten, obwohl von vielen Ländern seit etlichen Jahren unterhalten - fast immer durch Antiterror-Argumente begründet, sind mit dem Völkerrecht oder rechtsstaatlichen Grundsätzen nicht in Einklang zu bringen. Dabei spielt es keine Rolle das man angebliche Terroristen jagd, denn es kommen dabei immer wieder auch Unschuldige um (z.B. Ahmed Bouchiki oder auch unzählige zynisch als Kollateralschäden bezeichnete Menschen). Zum anderen gibt es für diese Maßnahmen keine Völkerrechtliche Legitimation und somit bleibt nur die Schlussfolgerung, dass derartige Einheiten sich faktisch nicht von Terrorkommandos unterscheiden. Ob ein Gaddafi ein paar Menschen einen Jumbo sprengen lässt (Lockerbie), die RAF einen Manager ermordet (Jürgen Ponto) oder ein paar Navy Seals gezielt den Bin Laden erschießen ist ziemlich egal - im Hintergrund war stets jemand der das für angemessen hielt und irgendwelche Begründungen dafür vortragen konnte. Insofern ist es erfreulich, wenn eine namhafte US Zeitung vorsichtig Kritik anbringt, auch wenn man sich da nicht zu viel erhoffen sollte. Die allgemeine US Selbstwahrnehmung und Selbstherrlichkeit steht dem entgegen, aber immerhin, es ein zartes Pflanzchen zu bestaunen.
horst.kevin 09.06.2015
4. Nicht neu und leider nicht präzise genug
In dem Artikel werden nicht die JSOC erwähnt, die in dem Film Dirty Wars von Jeremy Scahill, schön dargestellt werden, der übrigens auch nicht erwähnt wird. Der Film ist schon seit 2013 zu sehen, und die NYT kommen erst jetzt mit so einem Artikel, während Spon Journalisten auch nicht besser informiert sind. Einfach mal das Buch Dirty Wars lesen, dann kann man auch aktuellere Dinge beschreiben...
ANDIEFUZZICH 09.06.2015
5. Voraussetzungen vs. Ziele
Da gibt es nichts zu diskutieren.
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