Zweiter Weltkrieg Dokumente aus US-Archiven belegen NS-Gräuel in Griechenland

Griechenland hat bislang als geheim eingestufte Dokumente über die Nazibesatzung zwischen 1941 und 1944 aufgearbeitet. Nun wurde das Ergebnis veröffentlicht: Es zeigt, wie brutal die Nationalsozialisten in dem Land wüteten.

Friedhof im griechischen Distomo: Dort sind die Opfer eines Massakers der Nazis beerdigt
AP/dpa

Friedhof im griechischen Distomo: Dort sind die Opfer eines Massakers der Nazis beerdigt


Das griechische Verteidigungsministerium hat die Ergebnisse einer Forschungsarbeit veröffentlicht, die sich mit der Zeit der Nazi-Besatzung zwischen 1941 und 1944 beschäftigt - und die sich auf bislang als geheim eingestufte Dokumente aus Archiven der USA stützt. Was nun vorliegt, ist ein detaillierter Einblick in das Griechenland zur Besatzungszeit: von der Zahl der zu erschießenden griechischen Geiseln bis zur Empfehlung, welches Bordell in Griechenland zu benutzen sei.

Es sei eine "endlose Liste" von Tötungen, Plünderungen, Zerstörungen von Dörfern, sagt die Historikerin Efi Paschalidou von der Geschichtsabteilung der griechischen Armee (DIS). Zu den Dokumenten gehören private Tagebücher ebenso wie Berichte der Kommandeure vor Ort an das Oberkommando der Wehrmacht.

Sogenannte Vergeltungsaktionen mit Hunderten Toten werden darin beschönigend als "Sühnemaßnahmen" für Partisanenangriffe bezeichnet. Ganze "Märtyrerdörfer" - so die Bezeichnung in Griechenland - wurden niedergebrannt, Frauen und Kinder ermordet.

In ausführlichen Listen ist erfasst, wie viele Tonnen Vieh, Getreide, Olivenöl, Fahrzeuge und sogar Wollteppiche beschlagnahmt wurden - zu einer Zeit, als in Griechenland zahlreiche Menschen den Hungertod starben. Die Wehrmachtssoldaten in Epirus im Nordwesten des Landes wurden aufgefordert, "keine Gnade" walten zu lassen, wie Paschalidou ausführt.

Es dürfe "keine Schwäche" geben, "auch nicht gegenüber Familien", hieß es. Verdächtige müssten "auf der Stelle erschossen" werden, andernfalls könne es "deutsches Blut kosten".

Die wenigen kretischen Kollaborateure erhielten für ihre Dienste kaum so viel Geld, wie ein Brotlaib kostete - auch das geht aus den Dokumenten hervor. Wertvoll sind die Informationen Paschalidou zufolge, "weil sie nicht von einem griechischen Großvater stammen, sondern von den Hitler-Streitkräften selbst". Die Dokumente wurden von den USA zwischen 2005 und 2007 in Form von 162 Mikrofilmen übergeben.

Griechenland fordert rund 278 Milliarden Euro

Im April hatte die griechische Regierung 278,7 Milliarden Euro als Entschädigung für die Nazigräuel von Deutschland verlangt und damit erstmals eine konkrete Summe genannt.

Die Regierung in Bonn hat 1960 griechische Opfer der NS-Verfolgung mit 115 Millionen Mark entschädigt - unter der Bedingung, dass künftig keine weiteren individuellen Forderungen mehr zulässig sein sollten. Zudem schließt aus Sicht Berlins der Zwei-plus-Vier-Vertrag, der 1990 die deutsche Vereinigung besiegelte, weitere Reparationsforderungen aus. Auch Griechenland akzeptierte damals dieses Abkommen, sodass es heute kaum Aussichten hat, Zahlungen völkerrechtlich zu erzwingen.

aar/AFP

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