Boris Nemzow Sein letztes Interview

Drei Stunden vor seinem Tod gab Putin-Kritiker Boris Nemzow ein letztes Interview, es wurde zu seinem politischen Testament. In 45 Radio-Minuten rechnet er mit der russischen Ukraine-Politik ab.

Boris Nemzow auf einer Aufnahme von 2007: "Man darf sich nicht nach dem Willen richten, sondern nur nach dem Gesetz"
REUTERS

Boris Nemzow auf einer Aufnahme von 2007: "Man darf sich nicht nach dem Willen richten, sondern nur nach dem Gesetz"


Knapp drei Stunden vor seiner Ermordung hat sich Boris Nemzow ein letztes Mal mit scharfer Kritik an Russlands Präsident Wladimir Putin zu Wort gemeldet. Das Interview, das er am Freitag mit dem Radiosender Moskauer Echo geführt hatte, ist zu seinem politischen Testament geworden.

In dem 45-minütigen Gespräch verurteilte der prominente Oppositionelle Putins Ukraine-Politik heftig und entwarf Vorschläge, "um Russland zu verändern". Mehrfach schnitt er den Journalisten das Wort ab, um seine Sicht der Dinge darstellen zu können - als hätte er geahnt, dass seine Zeit abläuft.

Anlass für das Interview war der Anti-Krisen-Marsch, zu dem der 55-jährige frühere Vize-Regierungschef zusammen mit oppositionellen Weggefährten für Sonntag aufgerufen hatte. "Dieser Marsch fordert den sofortigen Stopp des Krieges mit der Ukraine, er fordert, dass Putin seine Aggression einstellt", sagte Nemzow in das Mikrofon des Radiosenders.

Putins Vorgehen im Konflikt mit dem Nachbarland sei auch für die schwere Wirtschaftskrise in Russland verantwortlich. "Die Sanktionen, dann die Kapitalflucht: all das wegen Putins unsinniger Aggression gegen die Ukraine." In dem Interview wiederholte Nemzow den Vorwurf, Moskau unterstütze die prorussischen Separatisten in der Ostukraine mit eigenen Truppen, was der Kreml stets zurückgewiesen hat.

"Die Opposition hat nicht viel Einfluss"

Eine Journalistin konfrontierte den Oppositionellen auch mit der Lage auf der Krim: Eine Mehrheit der Bewohner habe doch gewollt, dass die Schwarzmeer-Halbinsel in die russische Föderation eintrete. "Die Bevölkerung wollte in Russland leben, zugegeben", erwiderte Nemzow. "Aber die Frage ist eine andere: Man darf sich nicht nach dem Willen richten, sondern nur nach dem Gesetz. Und man muss die internationale Gemeinschaft respektieren."

Korrupte Politiker vor Gericht stellen, das Militärbudget halbieren, das Bildungsbudget aufstocken: Der einstige Gouverneur und Architekt der liberalen Wirtschaftsreformen der Neunzigerjahre machte in dem Interview zahlreiche Vorschläge, um Russland zu modernisieren.

Zugleich zeigte er sich wenig optimistisch, dass er Gehör finden würde: "Die Opposition hat zurzeit nicht viel Einfluss auf die Russen." Auch für dieses Problem hatte er eine Lösung parat. Den Wortführern der Opposition müsse jede Woche in einem der Hauptfernsehsender eine Stunde Zeit eingeräumt werden. "Denn wenn man die Macht in den Händen eines einzigen Menschen konzentriert, kann das nur zur Katastrophe führen - zu einer totalen Katastrophe."

Durch das Attentat auf Nemzow hat das Lager derjenigen, die ihre Stimme noch gegen Putin erheben, einen seiner wichtigsten Vertreter verloren. Der Anti-Krisen-Protestmarsch, der am Sonntag durch einen Moskauer Vorort ziehen sollte, wurde als Reaktion auf die tödlichen Schüsse abgesagt. Stattdessen sollen die Moskauer nun am Sonntag zu einem Gedenkmarsch für Nemzow ins Stadtzentrum kommen.

irb/AFP

Forum - Diskussion über diesen Artikel
insgesamt 26 Beiträge
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Seite 1
telemach_berlin 28.02.2015
1. Es ist
so traurig, dass die verhängnisvolle interne Reinstallierung der Feindbilder dazu führt, dass Menschen sterben weil sie es gewagt haben eine andere Vision zu haben als die aktuellen Machthaber. Noch trauriger ist das Festhalten an der abartigen und bei uns leider verbreiteten Vorstellung dass ein ehemaliger KGB-Oberst ein populärer, demokratisch gewählter "President" ist. Nach Gleichschaltung der Medien, Abschaffung der unabhängigen Gerichtsbarkeit und pauschaler Diffamierung aller Gegner aus dem demokratischen Opositionslager als Spione, US-Lakaie und Faschisten kann nur ein naiver oder zynischer Mensch diese Demokratur verteidigen.
Themis-Simeht 28.02.2015
2. Es ist wirklich traurig,
Uns geht es noch gut. Freie Presse, alles PERFEKT!!!
mundilfari 28.02.2015
3. Er hat Recht
am Ende wird der Putinismus in einer Katastrophe enden. Die Frage ist wie die aussieht.
princesstinkerbell 28.02.2015
4. Kann man nur zu stimmen
"so traurig, dass die verhängnisvolle interne Reinstallierung der Feindbilder dazu führt, dass Menschen sterben weil sie es gewagt haben eine andere Vision zu haben als die aktuellen Machthaber" Die Vision der Ostukrainer ist hoffentlich eben so viel wert, wie die der anderen Menschen auf der ganzen Welt. Unaufgeklärten Morde scheinen sich zu häufen: Abgeschlachteten Studenten in Mexiko, erste malaysische Maschine, himmlische Hundertschaft auf dem maidan, zweite malaysische Maschine, ermordeter russischer Politiker...
otto_lustig 28.02.2015
5. Egal ob ein KGB-Oberst oder nicht
Zitat von telemach_berlinso traurig, dass die verhängnisvolle interne Reinstallierung der Feindbilder dazu führt, dass Menschen sterben weil sie es gewagt haben eine andere Vision zu haben als die aktuellen Machthaber. Noch trauriger ist das Festhalten an der abartigen und bei uns leider verbreiteten Vorstellung dass ein ehemaliger KGB-Oberst ein populärer, demokratisch gewählter "President" ist. Nach Gleichschaltung der Medien, Abschaffung der unabhängigen Gerichtsbarkeit und pauschaler Diffamierung aller Gegner aus dem demokratischen Opositionslager als Spione, US-Lakaie und Faschisten kann nur ein naiver oder zynischer Mensch diese Demokratur verteidigen.
das wirklich traurige ist, dass sich die russische Demokratur überhaupt nicht für die Aufklärung von Morden an Regimegegnern interessiert. Fahndungserfolge? Fehlanzeige! Die Mörder bleiben unbestraft. Die Amerikaner schaffen es immerhin Mörder zu überführen. Putin kann oder will das offenbar nicht.
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