Attentat in Moskau Der Mord an Boris Nemzow - Fakten und offene Fragen

Warum musste Boris Nemzow sterben? Nach dem Mord an dem russischen Oppositionspolitiker wird über Hintermänner und Motive spekuliert. Was wir bisher wissen - und was nicht.

Tatort des Nemzow-Mordes in Moskau: Viele Spekulationen, wenige Fakten
DPA

Tatort des Nemzow-Mordes in Moskau: Viele Spekulationen, wenige Fakten


Hamburg - Der Mord am russischen Oppositionspolitiker Boris Nemzow hat weltweit Bestürzung ausgelöst. Die Tat wirft viele Fragen auf, über den Tathergang und das Motiv kursieren Spekulationen, die Ermittlungen der russischen Behörden werden aus dem Westen kritisch beäugt.

Eine Übersicht über Fakten und Unklarheiten im Fall Nemzow:

Was wir wissen

  • Der Kreml-kritische Oppositionspolitiker wurde in der Nacht zum Samstag in Moskau ermordet. Die Tat ereignete sich gegen 23.30 Uhr Ortszeit auf einer Brücke in der Nähe des Roten Platzes, keine 200 Meter von den Mauern des Kreml entfernt.

  • Laut Behörden wurde Nemzow von vier Schüssen in den Rücken getroffen, abgefeuert aus einer Makarow-Pistole. Zum Zeitpunkt seiner Ermordung war er in Begleitung des ukrainischen Models Anna Durizkaja,

  • Durizkaja blieb bei dem Angriff unverletzt. Nemzows Begleiterin sagte dem russischen Oppositionssender Doschd, dass sie den Täter nicht gesehen habe. Dieser habe von hinten geschossen. Sie wisse auch nicht, woher er gekommen sei. Laut eigener Aussage dürfe sie Moskau derzeit nicht verlassen. Sie fühle sich schlecht und wolle nur noch nach Hause.

  • Die russischen Behörden gehen von einem Auftragsmord aus. Sie ermitteln in vier mögliche Richtungen, mit unterschiedlichen Tatmotiven: Destabilisierung des Landes, Rache durch Islamisten, Mord durch ukrainische Extremisten, Mord aus kommerziellen Gründen. Für Hinweise auf den Mörder wurden drei Millionen Rubel (etwa 45.000 Euro) als Belohnung ausgesetzt.

  • Die Ermittlungsbehörde schließt aus, dass der Mord etwas mit Nemzows Kritik an Putin zu tun gehabt habe. Das sehen Oppositionelle und kritische Stimmen aus dem Westen anders. Bundesaußenminister Frank-Walter Steinmeier mahnte transparente Ermittlungen an: Eine offene Aufklärung sei "die einzige Möglichkeit für Russland, auch jeden Verdacht auf die russische Führung abzulenken", sagte Steinmeier der ARD.

  • Der Sarg Nemzows wird nun zunächst im Sacharow-Menschenrechtszentrum aufgebahrt, am Dienstag ist die Beisetzung auf dem Prominentenfriedhof Trojekurowo geplant.

Was wir nicht wissen

  • Wer hinter dem Attentat steckt. Wer schoss auf Nemzow, gab es Drahtzieher im Hintergrund?

  • Welches die Motive für den Mord waren.

  • Wie die Tat genau ablief. Zunächst hieß es, der Schütze habe aus einem Auto heraus gefeuert. Auf einer Videoaufnahme ist zu sehen, wie der mutmaßliche Attentäter nach dem Mord in ein Auto springt und flieht. Die Aufnahme zeigt jedoch nicht das Attentat, da ein Schneeräumfahrzeug die Sicht verdeckt. Angeblich gibt es neben den bislang bekannten Bildern kaum verwertbare Aufnahmen aus weiteren Überwachungskameras in der Nähe des Tatorts.

  • Ob die Polizei tatsächlich das Fluchtfahrzeug gefunden hat - das hatte zumindest ein russischer Fernsehsender berichtet. Die Ermittler wiesen diese Spekulationen jedoch zurück und warnten vor einer "Desinformation der Öffentlichkeit".

  • Ob Nemzow tatsächlich an einem Bericht gearbeitet hat, der Beweise für die Intervention russischer Militärs in der Ostukraine präsentieren sollte. Dies hatten Oppositionskollegen als mögliches Mordmotiv ins Spiel gebracht.

bka/dpa/AFP/Reuters/AP

Forum - Diskussion über diesen Artikel
insgesamt 31 Beiträge
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Seite 1
brüderlich 02.03.2015
1. schön auf den Punkt gebracht
Danke SPON! Besonders interessant sind natürlich die Informationen der Begleitperson Nemzows. Ist es nicht merkwürdig, dass so gar nichts über sie geschrieben wird, dass so gar nichts geschrieben wird, was sie gesehen hat, dass so gar nichts geschrieben wird, was sie jetzt macht und wie sie geschützt wird.
arrache-coeur 02.03.2015
2.
Kurze Zusammenfassung des "Faktenchecks": "Was wir nicht wissen" - So ziemlich alles ausser, dass er ermordet wurde. Wie wäre es, die Behörden einfach mal ermitteln zu lassen? Die russische Regierung hat sicher ein gesteigertes Interesse an der Aufklärung des Falls.
volan 02.03.2015
3. Wer Russland kennt
weiss, das sich in Kreml-Nähe keine Fliege unbeobachtet aufhalten kann. Fotos zeigen zahlreiche installierte Kameras mit verschiedenen Spektralbereichen. Die Mörder waren Profis: Verschiedene Patronen, ein Schneeräumfahrzeug ohne Schnee auf den Strassen, das gerade im richtigen Moment die Szene der Überwachungskamera eines Hotels verdeckt. Es wird wohl der Ukraine-Report gewesen sein. 7500 Gefallene, 6000 Verwundete (davon im Mittel 1/3 später tot) und 3350 Vermisste allein bei den regulären Truppen (zeitweise im Urlaub mit voller Ausrüstung), dabei Freiwillige und Separatisten nicht mitgerechnet, das in russischen Medien kann sich Putin nicht leisten.
chiefseattle 02.03.2015
4. Faktencheck
Vielleicht sollte noch erwähnt werden, dass Nemzovs Partei bei den Wahlen 2012 fast 4% erreichte. Eine Gefahr für Putin ist dies gewiß nicht. Außerdem hat der Mann sich in den 90ern viele Feinde gemacht, als er Firmen verkaufte und Arbeitslose kreierte, dabei aber selber zu Millionär wurde. Die Frage nach der Ukraine-Connection bleibt weiter spannend.
kodu 02.03.2015
5. Diese Zusammenfassung ...
... war lange überfällig. Sie stellt einen objektive Rahmen dar, an dem sich alle Mutmaßungen messen lassen müssen. Der Beitrag ist "SPIEGEL" - würdig, was man leider nicht von allem sagen kann, was seit dem Mord die Hamburger Redaktionsräume verlassen hat.
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