Ein Jahr nach Charlottesville Amerikas Rechte marschiert ins liberale Portland ein

Ein rechter Troll, gefüttert von Donald Trumps Wahlerfolg, überzieht die Westküste der USA mit martialischen Aufmärschen. Ein Jahr nach dem tödlichen Angriff in Charlottesville kam es in Portland zum Showdown.

SPIEGEL ONLINE

Aus Portland berichtet


Sie tragen schusssichere Westen, schwere Stiefel, an ihren bepackten Gürtel baumeln Pistolen und Funkgeräte: Drei Männer bewachen den Parkplatz, von dem aus Joey Gibson seinen Angriff auf die liberale Hochburg Portland dirigiert. Die Stadt im Norden der US-Westküste liegt ein paar Autominuten entfernt.

Gibson ist ein trainierter Mann Mitte 30, Tattoos auf den Armen, schwarzes T-Shirt. Vor anderthalb Jahren hat er es sich zur Aufgabe gemacht, linksliberale Städte immer wieder mit Aufmärschen aufzumischen. Neben Portland sind das Seattle und San Francisco. Seit Donald Trump Präsident ist, kriegt er viel Aufmerksamkeit.

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Joey Gibson in Portland: Alt-Right provoziert liberale Stadt

In diesen Tagen jährt sich der Anschlag von Charlottesville, bei dem ein Rechter ein Auto in Gegendemonstranten steuerte. Eine Frau starb, Dutzende Menschen wurden verletzt. Bei Gibsons letztem Aufmarsch in Portland vor einem Monat gab es heftige Schlägereien. Der Internet-Hassprediger Alex Jones hat in seiner Verschwörungsshow Werbung für den Marsch gemacht. Auch deswegen sind an diesem Samstag viele nervös.

Unterstützer mit Waffen

Gibson spielt mit der Angst. "Wir können uns zur Wehr setzen", sagte er und lacht. Öffentlich grenzt er sich gerne von extremen Rechten und White Supremacists ab, spricht von Liebe und Verständigung. Bei seinen Veranstaltungen können sie dann trotzdem alle ungestört mitmachen. Überhaupt scheint Gibson ideologisch flexibel zu sein: Hauptsache, Aufmerksamkeit.

Mit ihren Helmen, Westen, Abzeichen und Funkgeräten sehen Gibsons aufrechte Bürger aus, als würden sie in eine Schlacht ziehen. Für diesen Protest hat er seine Unterstützer aufgefordert, Waffen mitzunehmen. Das geht, weil praktisch alle Besitzer einer Waffe im Bundesstaat Oregon oder angrenzenden Bundesstaaten hier eine Lizenz bekommen, um diese verdeckt tragen zu dürfen. Portlands Polizei kontrolliert die Rechten an Checkpoints, stellt aber nur ein paar Messer sicher.

Zuschlagen als Aufnahmeritual

"Patriot Prayer" heißt Gibsons Gruppe. Sie seien für freie Meinungsäußerung und gegen eine überbordende Regierung und ganz sicher keine Neonazis, behauptet er. Außerdem sind mehrere Dutzend dabei, die unter ihrer Weste ein schwarzes Poloshirt mit gelben Streifen tragen: die Uniform der "Proud Boys". Eine rechte Kameradschaft, bei der Zuschlagen Aufnahmeritual ist. Andere Teilnehmer zeigen ihre Trump-Fanartikel. Insgesamt sind es ein paar Hundert. Gibson stopft die vollbepackten Patrioten in kleine Busse, die Richtung Innenstadt pendeln.

Dort warten die Gegendemonstranten. Es sind mehr als doppelt so viele. Vorne weg Dutzende maskierte Anhänger der Rose City Antifa, ganz in Schwarz, mit Stöcken, Schutzschilden und Mundschutz, aber weniger Muskelmasse. Die Sonne brennt, Beleidigungen fliegen. Polizisten rasen mit Autos heran, bauen sich mit Knüppeln zwischen Linken und Rechten auf.

"Trump hat ein Klima geschaffen, in dem sich diese Gruppen offen auf die Straße trauen", sagt Effie Baum, die den Gegenprotest in Portland mitorganisiert. Sie will die Provokationen von Gibson und seinen Männern nicht ins Leere laufen lassen: "Das funktioniert nicht. Wenn wir nicht zahlenmäßig überlegen auftreten, werden die nur mehr und nehmen sich mehr heraus."

"USA, USA, USA"

Auf seinem T-Shirt kündigt Gibson seine Kandidatur für den US-Senat an: Gibson für die Freiheit. Antreten will er im Nachbar-Bundesstaat Washington (wo die Demokraten führen) für die Republikaner (die ihn nominieren müssten). Eigentlich völlig aussichtslos.

Gibson will ganz Amerika zeigen, wie die Linken so drauf seien, hat er vor dem Protest erklärt. Seine "Patriot Prayer" und die "Proud Boys", die sonst wenig friedlich auftreten, halten sich weitgehend zurück. Sie rufen "USA, USA, USA", führen ihre Ausrüstung aus, lassen sich von allen Seiten filmen und fotografieren und stehen ansonsten viel in der Sonne.

Als ein paar von den zahlenmäßig weit überlegenen Linken übermütig werden, greifen die Beamten rigoros durch. Es knallt in Downtown Portland, die Polizei setzt Blendgranaten und Pfefferspray ein. Es gibt Verletzte, darunter auch ein Journalist. Von den Rechten gibt es Applaus.

Aber auch der Plan von Effie Baum und PopMob, dem Protestbündnis, geht auf: Sie haben sich mit einer großen Mehrheit gegen Joey Gibson und seine Möchtegern-Armee gestellt.



insgesamt 167 Beiträge
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Seite 1
DJ Bob 05.08.2018
1. klassiker
Die gleiche Taktik wie PEGIDA. Präsenz zeigen und die ANTIFA provozieren...Und es hat funktioniert. Der Bürger sieht jetzt die Linken als "Krawallmacher" an. Interessant finde ich in dem Beitrag wie die Antifa schon glorifiziert wird...Auch sie wollen KEINE Demokratie
asmael666 05.08.2018
2. Komisch, ich hab as anders in Erinnerung
Ich hab mir das gestern Abend in mehreren Livestreams angesehen, und von dem, was ich sehen kommte, ging die Gewalt, die Beschimpfungen und die Weigerung, den polizeilichen Anweisungen Folge zu leisten, ausschließlich von den selbsternannten Antifaschisten aus. Ich halte den Versuch, das mit Charlottesville gleichsetzen zu wollen, recht konstruiert, insbesondere weil die Proud Boys um Gavin McInnes nun wirklich nichts mit Neonazis oder Rechtsradikalen zu tun haben.
inmyopinion61 05.08.2018
3. Ein paar Messer sichergestellt.
Also waren die meisten Demonstranten unbewaffnet.
s.l.bln 05.08.2018
4. Die Republikaner...
...werden es noch bereuen, daß sie aus Angst um Posten und Karriere das Land diesem Psychopathen und seinem Mob überlassen haben. Bereits jetzt ist vom bekannten politischen System und seinen Schutzmechanismen kaum noch was übrig und eigentlich gibt es gar keine Tabus mehr, die noch zu brechen währen. Watergate wäre unter Trump nach drei Tagen ohne jede Konsequenz in den Medien verpufft.
Atheist_Crusader 05.08.2018
5.
Viel Glück übrigens bei dem Versuch mit diesen Menschen zu diskutieren. Ich hab das oft genug versucht. Mein Lieblings geistiger Kurzschluss war die Überzeugung dass Hitler ja ein Linker gewesen sei (wegen dem "Sozialismus"-Part im Wort "Nationalsozialismus"), womit man "beweisen" wollte, dass rechtsextreme Ideologie eben kein gefährliches Extrem sei, sondern nur das absolute Gegenteil der linken Ideologie (die selbstverständlich böse ist, wodurch man dann selbst zu den Guten wird).
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