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19. April 2015, 10:38 Uhr

Behinderte in Nepal

Und Rima tanzt

Von und Hendrik Steffens

Um endlich tanzen zu können, ließ sich Rima, ein Mädchen aus dem Waisenhaus, ein Bein amputieren. Nun kämpft sie gegen das Kastenwesen, gegen Spott - und für die Rechte Behinderter in Nepal.

Gleich passiert das kleine Wunder. Aus der Lautsprecherbox knarzt es ein wenig blechern. Dann nimmt die Musik Fahrt auf. Eine helle Stimme singt ein altes Volkslied, und Rima Puri tanzt. Tanzt, als wäre sie mit ihren beiden Freundinnen Nitu und Anita ganz allein in der Bibliothek.

Das Trio wirbelt über den kalten Steinboden. Ein paar Quadratmeter zwischen aufgestapelten, völlig verstaubten Büchern, Heften und Magazinen dienen als Bühne. Durch die Fenster an den Seiten fällt ein mildes Licht. Überlebensgroß und huldvoll lächelt hinter den Mädchen eine Hindu-Gottheit auf die Szene herab - absolut filmreif.

Davor sitzt Rimas Klasse auf klapprigen Holzstühlen im Halbdunkel und staunt. Vor wenigen Minuten haben sie Rima noch die Treppe hinaufsteigen sehen. Mit dem leicht wackeligen Gang, der ihre Prothese unter dem langen Rock verrät. Aber sobald die 14-Jährige anfängt zu tanzen, ist die Behinderung wie verschwunden. Wie weggezaubert. Das lässt jedes Mal aufs Neue Schülermünder offen stehen.

Rimas Geschichte taugt für ein Bollywood-Drehbuch, auch wenn das Happy End längst nicht feststeht. Das Mädchen kam als Unberührbare auf die Welt. Das linke Bein war unterhalb des Knies verkümmert. Eine Katastrophe für die völlig verarmte Familie. Der Vater verließ die Familie, die Mutter gab das Kind in ein Waisenhaus. Rima war damals fünf Jahre alt und ging auf Krücken.

Sie tanzte auch auf Krücken. Heimlich, wenn sie alleine im Zimmer des Waisenhauses war. "Ich habe mich geschämt. Ich will kein Mitleid oder Spott in den Augen von Menschen sehen, sondern Freude und Anerkennung", sagt die 14-Jährige heute. Einige der Schüler, die jetzt so viel Applaus spenden, haben sie damals gemobbt. "Das hat wehgetan. Aber jetzt haben sie Respekt", sagt Rima mit fester Stimme.

Ohne Chance - nur weil fünf Euro fehlen?

Eine Operation konnte das Waisenhaus nicht finanzieren - und erst recht keine Prothese. Rimas Fall ist in Nepal nicht untypisch. Behinderte Kinder landen oft in Waisenhäusern, weil sich arme Eltern nicht anders zu helfen wissen. Andere verstecken ihre Kinder hinter verschlossenen Haustüren. In den unwegsamen Bergdörfern ist eine Behinderung oft eine fast untragbare Bürde. Die Berge sind eine Welt voller Barrieren. Einrichtungen für Behinderte sind im ganzen Land Ausnahmen.

Inklusion gilt allenfalls als ein nettes Wort auf Papier, das sich für Politiker schön liest. Die Realität sieht anders aus: Für viele gläubige Hindus ist eine Behinderung die Folge von Verfehlungen in einem früheren Leben.

"Selbst eine leichte Sehbehinderung kann schon das Aus für den Schulbesuch bedeuten. Eine Brille können die Eltern nicht finanzieren. Das Kind erkennt nicht, was auf der Tafel steht, fällt im Lernpensum zurück und scheidet aus. Gerade auf dem Land passiert das oft", erklärt Sarah Blin, Leiterin des Kathmandu-Büros von Handicap International, einer weltweiten Hilfsorganisation, die in Nepal unter anderem Rehazentren und die Produktion von Prothesen unterstützt.

Ein Leben ohne Chance, weil umgerechnet weniger als fünf Euro für eine einfache Brille fehlen. Rima will solche Schicksale nicht akzeptieren. Genauso wenig wie damals ihr eigenes, als man ihr als kleines Mädchen sagte, dass sie nie tanzen können würde.

Rima bat um eine Amputation

Bereits 2011 machte die Menschenrechtsorganisation Human Rights Watch auf die ernste Lage von Menschen mit Behinderung in Nepal aufmerksam. Ein Großteil der 329.000 Kinder im Grundschulalter, die nicht zur Schule gehen, weisen eine Behinderung auf, räumte das Bildungsministerium damals ein. Seitdem hat sich wenig gebessert.

Das Land hat noch nicht einmal ein Grundgesetz. Seit 2007, als das damalige Königreich Nepal nach einem blutigen Bürgerkrieg zur Republik wurde, gibt es nur eine Übergangsverfassung. Im Januar dieses Jahres scheiterte die Verfassungsgebende Versammlung ein weiteres Mal.

Die Opposition hatte kürzlich aus Protest gegen neue Verfassungspläne der Regierung zu einem dreitägigen Generalstreik aufgerufen. Fabriken und Schulen mussten schließen, Busse und Bahnen fuhren nur eingeschränkt. Nach Kritik aus Bevölkerung und Wirtschaft und Zusammenstößen zwischen Demonstranten und der Polizei in der Hauptstadt Kathmandu wurde der Ausstand nach nur einem Tag abgebrochen. Die von den Maoisten angeführte Allianz will verhindern, dass die Regierung die umstrittenen Verfassungspläne alleine durchpeitscht.

Die Politik ist gelähmt. Somit bleiben auch die Rechte Behinderter auf der Strecke. "Deren Schicksal hängt bisher von Mildtätigkeit ab", sagt Sarah Blin von Handicap International.

Das Gesundheitswesen bietet keine ausreichende Versorgung. Rima hatte deswegen kein Anrecht auf eine kostenlose Operation. Aber sie hatte Glück: Ein Reporter einer Lokalzeitung wurde auf ihr Schicksal aufmerksam.

Rima sah mit ernsten, großen Augen in die Kamera. Sie berichtete, dass sie gern tanzen würde, wenn man ihr den verkümmerten Teil des linken Beins abnähme und sie endlich eine Prothese bekäme. Ein tapferes Mädchen, das sich wünscht, dass ein Teil seines Beins abgesägt wird, damit es keine Krücken mehr braucht. Der Artikel bewegte viele. Auch Mitarbeiter von Handicap International lasen ihn und reagierten.

Mit zwölf Jahren bekam das Mädchen seinen Wunsch erfüllt. "Dann konnte ich endlich wirklich tanzen", sagt Rima. "Damals übte sie ununterbrochen. Wir haben unser Geld zusammengelegt, um ihr eine Tanzlehrerin zu finanzieren", lacht Uma Devi Basnet, die "Mutter" des "Srijansil Children Welfare"-Waisenhauses. Mit Erfolg: Vergangenes Jahr wurde Rima Zweitbeste bei einem Tanzwettbewerb für Schüler. Ihr Lebensmut beeindruckt viele.

"Aber wenn Tanzen nicht mein Beruf wird..."

Sie hat sogar schon eine kleine Rolle in einem Fernsehfilm gespielt. "Fast 30 Sekunden bin ich darin beim Tanzen zu sehen", sagt sie stolz. Am liebsten würde sie in einem Bollywood-Film mitspielen. Die indischen Filme sind in Kathmandu schwer angesagt, in den riesigen Kinos der Hauptstadt fiebert das Publikum lautstark mit. Ein Mädchen aus Nepal hat es sogar geschafft, ein Kinderstar zu werden. "Teria Magar ist noch viel jünger als ich und reist schon durch die ganze Welt. Und wie sie tanzt!", strahlt Rima.

Rima ist kein Star, aber Fans hat sie. Den Zeitungsartikel haben die Mitarbeiter des Orthopädie- und Rehazentrums des "National Disabled Fund" stolz aufgehängt. Ishwar Bahadur Basenet ist Patient dort. Ihm hat eine Minenexplosion ein Bein weggerissen, als er im Bürgerkrieg kämpfte. "Alle hier im Rehazentrum kennen die kleine Rima. Sie gibt uns viel Mut. Weil sie zeigt, was ein behinderter Mensch leisten kann, wenn man ihn lässt."

Ob es mit Rimas Traum klappt? Das Waisenhaus kann sich keine Tanzlehrerin mehr leisten. Aber zusammen mit Nitu und Anita tanzt Rima weiter: in der Schulbibliothek, auf den abgeernteten Reisfeldern rund ums Waisenhaus. "Ich werde immer tanzen. Aber wenn das nicht mein Beruf werden sollte, dann möchte ich etwas lernen, womit ich für die Rechte von Behinderten kämpfen kann."

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