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Behinderte in Nepal: Und Rima tanzt

Von Till Mayer und Hendrik Steffens

Um endlich tanzen zu können, ließ sich Rima, ein Mädchen aus dem Waisenhaus, ein Bein amputieren. Nun kämpft sie gegen das Kastenwesen, gegen Spott - und für die Rechte Behinderter in Nepal.

Gleich passiert das kleine Wunder. Aus der Lautsprecherbox knarzt es ein wenig blechern. Dann nimmt die Musik Fahrt auf. Eine helle Stimme singt ein altes Volkslied, und Rima Puri tanzt. Tanzt, als wäre sie mit ihren beiden Freundinnen Nitu und Anita ganz allein in der Bibliothek.

Das Trio wirbelt über den kalten Steinboden. Ein paar Quadratmeter zwischen aufgestapelten, völlig verstaubten Büchern, Heften und Magazinen dienen als Bühne. Durch die Fenster an den Seiten fällt ein mildes Licht. Überlebensgroß und huldvoll lächelt hinter den Mädchen eine Hindu-Gottheit auf die Szene herab - absolut filmreif.

Davor sitzt Rimas Klasse auf klapprigen Holzstühlen im Halbdunkel und staunt. Vor wenigen Minuten haben sie Rima noch die Treppe hinaufsteigen sehen. Mit dem leicht wackeligen Gang, der ihre Prothese unter dem langen Rock verrät. Aber sobald die 14-Jährige anfängt zu tanzen, ist die Behinderung wie verschwunden. Wie weggezaubert. Das lässt jedes Mal aufs Neue Schülermünder offen stehen.

Rima hatte schon als kleines Mädchen einen großen Traum: Tanzen.

Die 14-Jährige konnte ihn sich erfüllen. Doch es war ein langer, steiniger und schmerzvoller Weg. Mit fünf Jahren kam sie in ein Waisenhaus nachdem ihr Vater ihre Mutter verlassen hatte.

Manchmal fragt sie sich, wie sie alles geschafft hat. Aber auch, welche Barrieren noch auf sie warten.

Rima wurde mit einer Behinderung geboren. Das linke Bein war unterhalb des Knies verkümmert. Erst im Alter von zwölf Jahren finanzierte ihr die Hilfsorganisation "Handicap International" eine Operation und eine Prothese. Auf staatliche Unterstützung konnte das Mädchen nicht hoffen.

Die Physiotherapie im Orthopädie- und Rehazentrum des "National Disabled Funds" ist kostenlos. Hier wagte sie die ersten Tanzschritte ohne Krücken.

Vor der Amputation und ihrer Prothese war sie auf Krücken angewiesen.

Getanzt hat sie trotzdem - mit ihren Krücken, wenn niemand im Zimmer des Waisenhauses war.

"Seitdem ich ohne Krücken gehen kann, habe ich ein völlig anderes Leben. Es ist wunderschön", sagt Rima. Beim Seilspringen merkt sie manchmal nicht, dass sie einen Schuh verloren hat.

Für die jüngeren Waisenkinder ist Rima die große Schwester.

Und natürlich tanzt Rima, wann und wo immer es geht. Hier auf den abgeernteten Reisfeldern mit ihren beiden Freundinnen Nitu und Anita.

Seit der Operation hat sich ihr Alltag auch in der schule verändert. Früher haben sie einige Schüler wegen ihrer Behinderung gemobbt. Oft sieht die Gesellschaft eine Behinderung als Folge von Verfehlungen in einem früheren Leben an. "Der Spott hat wehgetan, aber das wird es nie wieder geben. Jetzt haben sie Respekt", sagt Rima.

Ein ganzer besonderer Augenblick ist es für Rima, wenn sie das traditionelle Tanzkostüm der Schultanzgruppe anziehen darf.

"Das macht mich stolz", meint Rima.

Rima hat vergangenes Jahr den zweiten Platz bei einem Tanzwettbewerb für Schüler gewonnen. Sogar in einer nepalesischen Filmproduktion durfte sie tanzen. Im Waisenhaus hatten die Mitarbeiter für Tanzstunden gesammelt. Doch für weitere Stunden reicht das Geld nicht.

"Ich will kein Mitleid oder Spott in den Augen von Menschen sehen, sondern Freude und Anerkennung", sagt die 14-Jährige. Die junge Tänzerin gibt so manchen Menschen mit Behinderung viel Hoffnung.

Rimas Geschichte taugt für ein Bollywood-Drehbuch, auch wenn das Happy End längst nicht feststeht. Das Mädchen kam als Unberührbare auf die Welt. Das linke Bein war unterhalb des Knies verkümmert. Eine Katastrophe für die völlig verarmte Familie. Der Vater verließ die Familie, die Mutter gab das Kind in ein Waisenhaus. Rima war damals fünf Jahre alt und ging auf Krücken.

Sie tanzte auch auf Krücken. Heimlich, wenn sie alleine im Zimmer des Waisenhauses war. "Ich habe mich geschämt. Ich will kein Mitleid oder Spott in den Augen von Menschen sehen, sondern Freude und Anerkennung", sagt die 14-Jährige heute. Einige der Schüler, die jetzt so viel Applaus spenden, haben sie damals gemobbt. "Das hat wehgetan. Aber jetzt haben sie Respekt", sagt Rima mit fester Stimme.

Ohne Chance - nur weil fünf Euro fehlen?

Eine Operation konnte das Waisenhaus nicht finanzieren - und erst recht keine Prothese. Rimas Fall ist in Nepal nicht untypisch. Behinderte Kinder landen oft in Waisenhäusern, weil sich arme Eltern nicht anders zu helfen wissen. Andere verstecken ihre Kinder hinter verschlossenen Haustüren. In den unwegsamen Bergdörfern ist eine Behinderung oft eine fast untragbare Bürde. Die Berge sind eine Welt voller Barrieren. Einrichtungen für Behinderte sind im ganzen Land Ausnahmen.

Inklusion gilt allenfalls als ein nettes Wort auf Papier, das sich für Politiker schön liest. Die Realität sieht anders aus: Für viele gläubige Hindus ist eine Behinderung die Folge von Verfehlungen in einem früheren Leben.

"Selbst eine leichte Sehbehinderung kann schon das Aus für den Schulbesuch bedeuten. Eine Brille können die Eltern nicht finanzieren. Das Kind erkennt nicht, was auf der Tafel steht, fällt im Lernpensum zurück und scheidet aus. Gerade auf dem Land passiert das oft", erklärt Sarah Blin, Leiterin des Kathmandu-Büros von Handicap International, einer weltweiten Hilfsorganisation, die in Nepal unter anderem Rehazentren und die Produktion von Prothesen unterstützt.

Ein Leben ohne Chance, weil umgerechnet weniger als fünf Euro für eine einfache Brille fehlen. Rima will solche Schicksale nicht akzeptieren. Genauso wenig wie damals ihr eigenes, als man ihr als kleines Mädchen sagte, dass sie nie tanzen können würde.

Rima bat um eine Amputation

Bereits 2011 machte die Menschenrechtsorganisation Human Rights Watch auf die ernste Lage von Menschen mit Behinderung in Nepal aufmerksam. Ein Großteil der 329.000 Kinder im Grundschulalter, die nicht zur Schule gehen, weisen eine Behinderung auf, räumte das Bildungsministerium damals ein. Seitdem hat sich wenig gebessert.

Das Land hat noch nicht einmal ein Grundgesetz. Seit 2007, als das damalige Königreich Nepal nach einem blutigen Bürgerkrieg zur Republik wurde, gibt es nur eine Übergangsverfassung. Im Januar dieses Jahres scheiterte die Verfassungsgebende Versammlung ein weiteres Mal.

Religion spielt eine wichtige Rolle im Leben der rund 26,7 Millionen Nepalesen. Dabei stellen die Hindus mit rund 81 Prozent der Bevölkerung, vor Buddhisten (circa elf Prozent), Muslimen (mehr als vier Prozent) und anderen Religionen, die deutliche und prägende Mehrheit. Unser Bild zeigt eine Beerdigungszermonie in einem Hindutempel in Kathmandu.

Die Verbrennungszeremonien der Hindus wirken für Europäer ungewöhnlich.

Die buddhistischen Heiligtümer sind bei Touristen beliebt - etwa die Bodhnath Stupa von Kathmandu.

Überall in Kathmandu ist zu sehen, wie Religion das Leben prägt.

Der Alltag ist für viele Menschen ein Überlebenskampf. Hier ruht sich ein Rikscha-Fahrer aus, bevor er für den nächsten Fahrgast in die Pedale tritt.

Kastenwesen, schlechte Bildungsmöglichkeiten und ein jahrelanger Bürgerkrieg haben die Entwicklung der armen Bergrepublik gehemmt. Viele Menschen versuchen, sich als Straßenhändler über Wasser zu halten.

Kinderarbeit ist oft Alltag in den Straßen von Kathmandu.

Genug für den Lebensunterhalt zu haben, ist für große Teile der Bevölkerung täglich die Herausforderung Nummer eins.

Menschen mit Behinderung haben es besonders schwer, ihre Rechte einzufordern. Der Bürgerkrieg hat Tausende Versehrte hinterlassen. So wie Ishwar Bahadur Basnet. Er verlor ein Bein bei einer Minenexplosion. Er dient noch immer in der Armee. Doch die Zukunft macht ihm Sorgen. Kein Gesetz regelt die Versorgung der versehrten Veteranen.

Es gibt viel zu wenige Einrichtungen für Menschen mit Behinderung. Sie bleiben oft selbst im schlecht entwickelten Gesundheitswesen Patienten zweiter Klasse. Im Orthopädie- und Rehazentrum des National Disabled Fund werden Prothesen hergestellt. Die Patienten, oft Kriegsversehrte, nehmen nicht selten strapaziöse Anreisen nach Kathmandu auf sich.

Unterstützt wird das Zentrum von der Hilfsorganisation Handicap International. Auch Rima bekommt hier kostenlose Unterstützung.

Bei allen Unterschieden der Volksgruppen und Religionen: Die Nepalesen lieben die Musik. Egal ob die schottisch-britisch anmutende Kapelle vor einer Hochzeitsgesellschaft ...

... oder Straßenmusikanten in den engen Gassen der Altstadt.

Schon die Kinder lieben Musik und Tanz.

So wie Rima, die beim Tanzen schnell vergisst, dass sie eine Prothese trägt. Und mit ihrem Talent eine Botschafterin für Menschen mit Behinderung sein will.

Die Opposition hatte kürzlich aus Protest gegen neue Verfassungspläne der Regierung zu einem dreitägigen Generalstreik aufgerufen. Fabriken und Schulen mussten schließen, Busse und Bahnen fuhren nur eingeschränkt. Nach Kritik aus Bevölkerung und Wirtschaft und Zusammenstößen zwischen Demonstranten und der Polizei in der Hauptstadt Kathmandu wurde der Ausstand nach nur einem Tag abgebrochen. Die von den Maoisten angeführte Allianz will verhindern, dass die Regierung die umstrittenen Verfassungspläne alleine durchpeitscht.

Die Politik ist gelähmt. Somit bleiben auch die Rechte Behinderter auf der Strecke. "Deren Schicksal hängt bisher von Mildtätigkeit ab", sagt Sarah Blin von Handicap International.

Das Gesundheitswesen bietet keine ausreichende Versorgung. Rima hatte deswegen kein Anrecht auf eine kostenlose Operation. Aber sie hatte Glück: Ein Reporter einer Lokalzeitung wurde auf ihr Schicksal aufmerksam.

Rima sah mit ernsten, großen Augen in die Kamera. Sie berichtete, dass sie gern tanzen würde, wenn man ihr den verkümmerten Teil des linken Beins

abnähme und sie endlich eine Prothese bekäme. Ein tapferes Mädchen, das sich wünscht, dass ein Teil seines Beins abgesägt wird, damit es keine Krücken mehr braucht. Der Artikel bewegte viele. Auch Mitarbeiter von Handicap International lasen ihn und reagierten.

Mit zwölf Jahren bekam das Mädchen seinen Wunsch erfüllt. "Dann konnte ich endlich wirklich tanzen", sagt Rima. "Damals übte sie ununterbrochen. Wir haben unser Geld zusammengelegt, um ihr eine Tanzlehrerin zu finanzieren", lacht Uma Devi Basnet, die "Mutter" des "Srijansil Children Welfare"-Waisenhauses. Mit Erfolg: Vergangenes Jahr wurde Rima Zweitbeste bei einem Tanzwettbewerb für Schüler. Ihr Lebensmut beeindruckt viele.

"Aber wenn Tanzen nicht mein Beruf wird..."

Sie hat sogar schon eine kleine Rolle in einem Fernsehfilm gespielt. "Fast 30 Sekunden bin ich darin beim Tanzen zu sehen", sagt sie stolz. Am liebsten würde sie in einem Bollywood-Film mitspielen. Die indischen Filme sind in Kathmandu schwer angesagt, in den riesigen Kinos der Hauptstadt fiebert das Publikum lautstark mit. Ein Mädchen aus Nepal hat es sogar geschafft, ein Kinderstar zu werden. "Teria Magar ist noch viel jünger als ich und reist schon durch die ganze Welt. Und wie sie tanzt!", strahlt Rima.

Rima ist kein Star, aber Fans hat sie. Den Zeitungsartikel haben die Mitarbeiter des Orthopädie- und Rehazentrums des "National Disabled Fund" stolz aufgehängt. Ishwar Bahadur Basenet ist Patient dort. Ihm hat eine Minenexplosion ein Bein weggerissen, als er im Bürgerkrieg kämpfte. "Alle hier im Rehazentrum kennen die kleine Rima. Sie gibt uns viel Mut. Weil sie zeigt, was ein behinderter Mensch leisten kann, wenn man ihn lässt."

Ob es mit Rimas Traum klappt? Das Waisenhaus kann sich keine Tanzlehrerin mehr leisten. Aber zusammen mit Nitu und Anita tanzt Rima weiter: in der Schulbibliothek, auf den abgeernteten Reisfeldern rund ums Waisenhaus. "Ich werde immer tanzen. Aber wenn das nicht mein Beruf werden sollte, dann möchte ich etwas lernen, womit ich für die Rechte von Behinderten kämpfen kann."

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1. Das macht Hoffnung
spon-facebook-10000921305 19.04.2015
Auf solche Projekte können wir stolz sein.
2.
hotgorn 19.04.2015
Bei mir steht auch irgenwann eine Operation im darmbereich an. Auch meine psychische Krankheit wurde lange nicht erkannt. Man sieht ja nichts der ist völlig gesund ist das häufige Urteil würde mich freuen wenn rima sich für bald behinderte auch in Deutschland einsetzen kann.
3. liebe bundesregierung
mymindisramblin' 19.04.2015
ich moechte das in zukunft die von mir bezahlten steuern in projekte wie dieses fliessen, anstatt sie den banken in den rachen zu schmeissen oder waffen als 'hilfe' in krisenregionen zu schicken. wenigstens ein positiver artikel diese woche - so stelle ich mir journalismus vor.
4. ich könnte heule vor freude,
uksubs 19.04.2015
wenn ich sehe, was es für wundervolle geschichten gibt in dieser ansonsten manchmal doch so kaputten welt! wäre doch schade, wenn alles den bach runtergeht. für rima bitte die weltehrenmedaille!!
5. Zusammen helfen
oliverkausd 19.04.2015
Kann der Spiegel nicht ein Soendenkonto für ihren Tanzunterricht einrichten? Wir leben allen wie die Maden im Speck und ich würde Rima gerne etwas zu ihrem Tanzunterricht dazu geben.
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