Neue Afghanistan-Strategie USA prüfen politische Rolle für gemäßigte Taliban

Wie findet Afghanistan zum Frieden? Der US-Botschafter in Kabul kündigt jetzt an, dass Taliban in den politischen Prozess des Landes eingebunden werden könnten. "Aufstände, wie alle Kriege, enden mit Abkommen", sagt er in einem Interview - und spekuliert über Parteigründung und Wahlteilnahme.


Kabul - US-Präsident Barack Obama forciert den Wechsel in der Afghanistan-Strategie. Einem Zeitungsbericht zufolge wollen die USA die Taliban jetzt unmittelbar in den politischen Prozess des Landes einbinden. Der US-Botschafter in Kabul, William Wood, sagte dem britischen "Observer", eine Übereinkunft zwischen aufständischen Taliban und der westlichen Allianz sei denkbar.

Taliban-Kämpfer: Angebot zur politischen Teilhabe
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Taliban-Kämpfer: Angebot zur politischen Teilhabe

"Aufstände, wie alle Kriege, enden mit einem Abkommen", zitiert die Zeitung den Top-Diplomaten. Wood sagte, eine Teilung der Macht mit den Taliban sei zwar ausgeschlossen - man sei aber darauf vorbereitet, die Gründung politischer Parteien und die Teilnahme an Wahlen zu diskutieren. Die USA knüpften das Angebot der politischen Teilhabe an die Bedingung, dass die Taliban die Verfassung respektieren.

Die neue US-Regierung treibt damit ihr Vorhaben voran, direkt mit gemäßigten Taliban in Kontakt zu kommen - Obama hatte dies kürzlich angekündigt. Vertreter der radikalen Islamisten wiesen dieses Gesprächsangebot damals zurück. Dem "Observer" zufolge gab es inzwischen aber mehrere inoffizielle Kontakte und Sondierungsgespräche mit Unterhändlern von Aufständischen und Taliban. Vertreter der pro-westlichen Regierung von Präsident Hamid Karzai seien vor zwei Wochen in Dubai mit Emissären des Warlords Gulbuddin Hekmatjar zusammengetroffen. Hekmatjar hatte sich unter anderem zu dem blutigen Überfall auf einen Konvoi französischer Isaf-Soldaten im September bekannt, bei dem zehn Franzosen starben.

Der "Observer" berichtet auch von weiteren Kontakten. So hätten Taliban-Führer Karzais Bruder getroffen, und es habe Gespräche zwischen Vertretern von Nato und EU und amnestierten ehemaligen Taliban-Führern in Kabul gegeben.

Schon im Dezember war es zu ersten Annäherungen gekommen. Im Dezember gab es "Friedensgespräche" in Mekka in Saudi-Arabien, an denen Vertreter der Kabuler Regierung und der Taliban teilnahmen. Sie endeten jedoch ohne konkrete Resultate.

Widerstand aus Berlin

Die US-Strategie in Afghanistan sieht neben Kontakten zu gemäßigten Taliban vor allem auch den Ausbau der Sicherheitskräfte im Land vor. In den kommenden Monaten will Obama den Kampf gegen die Aufständischen mit 17.000 weiteren US-Soldaten unterstützen und die afghanische Armee und Polizei deutlich vergrößern. Der US-Sondergesandte für die Region, Richard Holbrooke, nannte Berichte über eine Aufstockung auf insgesamt 400.000 Mann zwar "spekulativ". Fakt sei aber, dass die geplante Aufstockung von 78.000 auf 82.000 nicht ausreiche.

Holbrooke will am Montag in Brüssel die Nato sowie die EU über den bisherigen Stand der US-Planungen informieren. Auch von den Verbündeten in Europa erwarten die USA ein verstärktes Engagement.

In der deutschen Regierung gibt es allerdings schon jetzt Skepsis, was die geplante Verstärkung der einheimischen Polizei und Armee angeht. Mit Blick auf den Vorschlag der US-Regierung sagte Verteidigungsstaatssekretär Christian Schmidt (CSU) der "Bild am Sonntag", "manche" hätten den neuen Begriff der vernetzten Sicherheit von militärischem und zivilem Vorgehen "nicht weit genug verstanden". Richtig sei: "Wir müssen Afghanistan zunehmend den Afghanen überlassen und kleinere Brötchen backen." Man helfe den Afghanen "in unserem Interesse gegen Terror und Gewalt", müsse sich "aber davon verabschieden, dass wir dort Nation Building betreiben und unsere Strukturen eins zu eins übertragen können".

Welche Chancen die neue US-Strategie zur Befriedung des Landes wirklich bietet, ist nicht absehbar. Die Stationierung zusätzlicher US-Soldaten in Südafghanistan jedenfalls wird nach Einschätzung eines Nato-Generals zunächst zu einem deutlichen Anstieg der Gewalt führen. Erst langfristig werde sich die Sicherheitslage durch die Aufstockung verbessern, sagte Kommandeur Mart de Kruif aus den Niederlanden am Freitag.

Mindestens Elf Tote bei Anschlägen

Am Wochenende kamen in Afghanistan mindestens elf Menschen bei Anschlägen ums Leben. In der Provinz Nangarhar im Osten des Landes sprengte ein Selbstmordattentäter am Samstag ein Fahrzeug vor einem Polizeiposten in die Luft. Dabei wurden nach Behördenangaben fünf Zivilisten und ein Polizist getötet. Bei der Explosion einer Autobombe in der östlichen Provinz Khost kamen mindestens zwei Menschen ums Leben. Wie die Polizei mitteilte, ging der Sprengsatz inmitten einer Menschenmenge hoch, die sich zum Neujahrsfest versammelt hatte. Am Sonntag starb ein Zivilist bei einem weiteren Anschlag in der Provinz.

beb/mit AFP

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