Neue Enthüllungen über Trump Mitten im Sumpf

Erst das Skandalbuch von Bob Woodward, dann ein anonymer Essay mit brisanten Insiderinformationen: US-Präsident Donald Trump scheint umstellt - und sucht nach Gegnern in den eigenen Reihen.

SHAWN THEW/EPA-EFE/REX/Shutterstock

Von , Washington


Es ist unerträglich heiß in Washington, manchen steigt die Hitze zu Kopf. Und die Hauptstadt hat einen neuen Spitznamen: Crazytown.

Das passt. Vor allem der Präsident ist außer Rand und Band, er wütet und schimpft wie lange nicht - gegen seine politischen Gegner, gegen die Medien, die, wie er findet, alle "verrückt" geworden sind.

"Ich will den Sumpf trocken legen und der Sumpf wehrt sich", rief er seinen Anhängern via Twitter zu. "Macht euch keine Sorgen: Wir werden gewinnen."

Wenn er da mal nicht zu viel verspricht. Wenige Wochen vor den Midterm-Wahlen am 6. November steckt Trumps Präsidentschaft in der nächsten großen Krise - und wer dachte, die Dinge könnten nicht noch verworrener werden, als sie ohnehin schon sind, wird wieder einmal eines Besseren belehrt.

Eigentlich sollte diese Woche mit der Kongressanhörung von Trumps Kandidaten für den Obersten Gerichtshof, Brett Kavanaugh, für den Präsidenten eine mit positiven Nachrichten werden. Doch das Enthüllungsbuch "Fear" von Bob Woodward und der in der "New York Times" veröffentlichte Essay eines anonymen Trump-Mitarbeiters mit Insiderinformationen aus dem Weißen Haus wirken für ihn nun wie ein doppelter Kinnhaken.

Laut dem Buch halten selbst engste Mitarbeiter den Präsidenten für einen "Idioten". Und in dem Meinungsbeitrag in der "Times" erklärt ein hochrangiger Mitarbeiter Trumps, dass es innerhalb der Administration einen Zirkel von Menschen gebe, die heimlich daran arbeiteten, Trump zu kontrollieren und ihn von größeren Dummheiten abzuhalten.

Nun sucht ganz Washington den Urheber des Essays - allen voran natürlich Trump und seine Leute. Laut "Times" handelt es sich bei dem Verfasser um einen "Senior Administration Official", was den Kreis der Verdächtigen relativ groß macht. Mehrere Hundert Leute, die im Weißen Haus oder nebenan im Old Executive Building für den Präsidenten arbeiten, dürften unter diese Rubrik fallen.

Trumps Sprecherin Sarah Sanders fordert den "Feigling" auf, sich zu bekennen. Trump selbst spricht von "Verrat" und verlangt von der "Times", den Autor oder die Autorin "aus Gründen der nationalen Sicherheit" preiszugeben. Das klingt fast so, als wolle er gegen den Kritiker am liebsten gleich einen Schauprozess veranstalten.

Die "Times" weigert sich natürlich, der Forderung des Präsidenten nachzukommen und verteidigt gleichzeitig ihre Entscheidung, den Beitrag eines Anonymus zu veröffentlichen. Man habe sorgfältig abgewogen und sich schließlich zu diesem ungewöhnlichen Schritt entschieden, weil es der einzige Weg gewesen sei, den Lesern eine wichtige Perspektive aus der Regierung zu vermitteln, teilte die Redaktion mit.

Vor allem in den sozialen Medien werden Namen möglicher Verfasser genannt. Unter anderem kursiert der Name eines Redenschreibers aus dem Stab von Vizepräsident Mike Pence, weshalb der zweite Mann im Staat sich wohl beeilte, zu erklären, dass er mit der Sache nichts zu tun habe. Auch Außenminister Mike Pompeo stellte klar: "Das kommt nicht von mir."

Es herrscht Chaos, der Chef ist ein Choleriker

Die Nervosität von Trump und Co. ist einfach zu erklären. In Kombination mit dem Woodward-Buch verstärkt der anonyme Aufsatz den Eindruck, dass Amerika von einer Regierung geführt wird, die sich im permanenten Ausnahmezustand befindet. Es herrscht Chaos, der Chef ist ein Choleriker - und seine eigenen Mitarbeiter arbeiten gegen ihn, weil sie ihn für gefährlich und unfähig halten.

Besonders brisant: Der Verfasser des Essays in der "New York Times" erwähnt, dass es im Kabinett bereits Überlegungen gegeben habe, Trump aus dem Amt zu entfernen. Außerdem schreibt er oder sie, dass die Widerstandsbewegung gegen Trump sehr wohl wolle, dass die Regierung Erfolge habe. Man fühle sich aber zuallererst dem Land verpflichtet. Und der Präsident agiere in einer Art und Weise, die dem Wohl der Republik schade.

Trumps Paranoia könnte damit noch weiter zunehmen: Von nun an dürfte jeder Mitarbeiter, der ihm widerspricht, bei Trump in den Verdacht geraten, der Widerstandsgruppe anzugehören. Zugleich könnte so die Zahl der Mitarbeiter, die sich trauen, dem Präsidenten überhaupt noch Widerworte geben, weiter abnehmen. Es wäre ein fataler Teufelskreis: Ein Präsident, der ohnehin als beratungsresistent gilt, würde noch weniger auf andere Leute hören.

Videoanalyse zu Trump-Enthüllungsbuch: "Es ist zum Fürchten, was da passiert"

Reuters/SPIEGEL ONLINE

Schon jetzt fühlt sich dieser Präsident von allen und jedem verfolgt -angeblich soll er nur noch seiner Tochter und seinem Schwiegersohn trauen. Selbst das Verhältnis zu wichtigen Vertrauten wie Stabschef John Kelly gilt als beschädigt. Zwar dementiert Kelly energisch, dass er Trump einen "Idioten" genannt haben soll, doch den misstrauischen Präsidenten dürfte das kaum beruhigen. In Washington wird damit gerechnet, dass Kelly schon nach den Midterm-Wahlen seinen Hut nehmen könnte.

In dem Buch von Reporterlegende Bob Woodward ist es übrigens der Stabschef, der den Begriff "Crazytown" einführt. Laut Woodward soll sich Kelly bei einem Treffen lautstark über Trump und dessen Unfähigkeit beschwert haben. Und dann fiel der Satz: "Wir sind in der Stadt der Verrückten, in Crazytown."

insgesamt 82 Beiträge
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kochra8 06.09.2018
1. Das größte Übel ist...
...daß dieser Präsi reichlich viel Macht bündelt, die ohne eine Vernunftlobby womöglich schon längst ein globales Desaster ausgelöst hätte. Trump riskierte sonst bloss einen Mehrfrontenkrieg gegen die Staaten, die er geflissentlich zu beschützen wünscht, wie ein Bush im Quadrat, um schliesslich heldenhaft zu kollabieren. Wie öfters bei Seinesgleichen, wird sein Abgang, vermute ich, nicht elegant. In den Annalen der Geschichte wird er sicher einmal nicht strahlen. Dann also bleibt ihm nur, ein alles mit sich reissen, damit man sich ihm erinnert. So stets gewöhnterweise: "Alle gegen einen", schiene er dann als Letztes zu sagen.
hamburger.jung 06.09.2018
2.
Druck von einem Leitmedium und ein trojanisches Pferd im Stall. Es läuft gut für die USA und schlecht für den schlechtesten Präsidenten aller Zeiten. Das ist gut, sehr gut.
noalk 06.09.2018
3. Sollen sie ihn doch gewähren lassen
Lieber ein Ende mit Schrecken als ein Schrecken ohne Ende. Das Verhindern von Fehlern, die dem Land schaden würden, verlängert nur Trumps Zeit, in der er dem Land viele kleine Schäden zufügt. Das Land würde einen Schaden verkraften, aber er wäre dann wengstens weg.
neutralfanw 06.09.2018
4.
Die Veröffentlichungen machen Trump unsicher und unberechenbar. Er weiß, dass die Berichte und Beschreibungen stimmen. Seine Lügenwelt bröckelt an mehreren Stellen. Für ihn gibt es nur noch das Ziel, als Sieger und unverschuldet aus dem Amt zu fliegen. Das Chaos ist perfekt.
rainbow-warrior999 06.09.2018
5. Interessant
finde ich ja, dass diese Interna nicht von irgendwem, der damit Kohle machen will, kommt. Das könnte man vielleicht bei "Fire and Fury" noch sagen, bei dem Buch von James Comey schon weniger, aber ganz sicher nicht bei Bob Woodward, der dazu beigetragen hat, "Tricky-Nixon" zu entmachten. Wer auch immer dieser "Senior Administration Official" sein mag, die wütende Reaktion des Quartalsirren im Weißen Haus zeigt doch, das damit ein Nerv getroffen wurde. Btw.: Kennt man in US of A eigentlich einen "Quellenschutz" ?
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