Neue Erkenntnisse über Selbstmordanschlag: Die Stockholm-Verschwörung

Von Yassin Musharbash

Erst explodierte ein Auto, dann sprengte sich der Terrorist selbst in die Luft. Vor einem Jahr entkam Stockholm nur knapp einem Inferno. Nun erhellen neue Informationen die Hintergründe: Der Attentäter hatte mutmaßlich Mitverschwörer in Großbritannien, die Drahtzieher saßen vermutlich im Irak.

Von Abdulwahab in Brand gesetztes Auto: Mutmaßliche Drahtzieher im Irak Zur Großansicht
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Von Abdulwahab in Brand gesetztes Auto: Mutmaßliche Drahtzieher im Irak

Berlin - Es war am späten Nachmittag des 11. Dezember 2010, als der Schrecken des internationalen Terrorismus in Stockholm Einzug hielt: Einen Tag vor dem 3. Advent, nahe einer belebten Einkaufsstraße und mitten im Zentrum der schwedischen Hauptstadt kam es in kurzem Abstand zu zwei Detonationen: Die erste, um 16.49 Uhr, setzte ein Auto in Brand; die zweite, rund elf Minuten darauf, tötete Taimour Abdulwahab, der Sprengsätze am Leib getragen hatte.

Abdulwahab, ein zum Tatzeitpunkt 28 Jahre alter, gebürtiger Iraker, hatte ein Inferno geplant: Ein halbes Dutzend Sprengsätze hatte er bei sich, als eine der Vorrichtungen - wahrscheinlich versehentlich - zu früh explodierte und ihn tötete. Sein ursprünglicher Plan hatte darin bestanden, weitere Sprengsätze an verschiedenen Orten im City-Zentrum zu deponieren und sie dann fernzuzünden. Zwischen 30 und 40 Menschen, so rekonstruierte es die US-Bundespolizei FBI laut der schwedischen Tageszeitung "Svenska Dagbladet", hätten dabei ums Leben kommen können.

Doch das ist nicht das einzige Detail, das die Ermittler in verschiedenen Ländern in den vergangenen zwölf Monaten zusammengetragen haben. Wichtigstes Ergebnis: Taimour Abdulwahab war mit ziemlicher Gewissheit kein Einzeltäter, wie es lange vermutet worden war. Im Gegenteil: Es gibt starke Indizien dafür, dass der Anschlag in Großbritannien geplant und von Militanten im Irak in Auftrag gegeben wurde.

5725 Pfund für den Attentäter

Einige der wichtigsten Hinweise sind in einem Dokument des "High Court" im schottischen Glasgow enthalten, das SPIEGEL ONLINE vorliegt. Demnach wird ein Mann namens Nasserdine M. beschuldigt, Abdulwahabs Mitverschwörer gewesen zu sein. Tatsächlich hatte Abdulwahab lange und bis kurz vor seinem Anschlag in Großbritannien gelebt. Das Papier stammt vom November 2011 und bezieht sich auf eine Anhörung vor der Eröffnung eines möglichen Prozesses. Für Januar 2012 ist die nächste Anhörung angesetzt; M. war im März 2011 festgenommen worden.

Dem Dokument zufolge hat M. unter anderem 5725 britische Pfund (rund 6800 Euro) auf ein Konto Abdulwahabs überwiesen. M. habe außerdem einen E-Mail-Account eingerichtet, dessen Zugangsdaten er Abdulwahab per SMS übermittelt habe, "sodass er mit ihm im Zusammenhang mit besagter Verschwörung kommunizieren konnte". Und schließlich: Am Tag des Attentats selbst habe Taimour Abdulwahab versucht, M. telefonisch zu erreichen, bevor er zur Tat schritt.

Andere Vorwürfe in dem Dokument verstärken die Vermutung, dass der Anschlagsplan seinen Ursprung im Irak hatte. Denn Abdulwahab, so steht es in dem Dokument, sei irgendwann zwischen dem 12. Juni und dem 24. August 2009 in den Irak gereist. Sein mutmaßliches Ziel: "Ausbildung in Methoden und Techniken im Zusammenhang mit der Ausführung oder Vorbereitung von terroristischen Taten." Zwar war schon lange vermutet worden, dass Abdulwahab in seinem Geburtsland gewesen war und sich dort mit Militanten vernetzte; aber die ebenfalls in dem Dokument auftauchende Behauptung, Abdulwahab habe am Tag des Anschlags von Stockholm aus auf einem Handy im Irak angerufen und sei danach von einem Handy im Irak selbst angerufen worden, stützen die These, dass die Drahtzieher des Anschlags dort zu suchen sind.

Ausbildung im Irak

Abdulwahab selbst hatte einen möglichen Hinweis darauf hinterlassen: In einer Abschiedsbotschaft, die er vor der Tat an Medien und Behörden mailte, machte er eine Anspielung auf den "Islamischen Staat" - gemeint gewesen sein könnte damit der "Islamische Staat Irak"; der Name, unter dem al-Qaida in dem Land operiert. Andererseits hat al-Qaida sich nie zu dem Anschlagsversuch von Stockholm bekannt, wie man es auf der Grundlage von vergleichbaren Fällen hätte erwarten können. Möglicherweise hatte Abdulwahab nur mit unteren Chargen des Terrornetzwerks zu tun, die auf eigene Faust agierten; oder mit einer ganz anderen Terrororganisation und nicht mit al-Qaida.

Für eine Ausbildung Abdulwahabs sprechen indes die offenbar recht komplexen Sprengsätze. "Das kann er sich nicht selbst beigebracht haben", sagt ein schwedischer Experte mit Kenntnis der Ermittlungsergebnisse. Laut "Svenska Dagbladet" sollen Bomben derselben Machart in Afghanistan und Pakistan zum Einsatz gekommen sein.

Gänzlich aufgeklärt ist der Anschlag von Stockholm noch nicht. Zum einen identifiziert die Glasgower Schrift einen möglichen weiteren Mitverschwörer, dessen die Behörden aber nicht habhaft werden konnten. Er könnte sich in Frankreich aufhalten, heißt es in Stockholm.

Zeugen wollen Fotografen am Tatort gesehen haben

Noch mysteriöser ist, was die Reporter des "Svenska Dagbladet" am Montag berichteten. Sie warten mit zwei Augenzeugen auf, die unabhängig voneinander berichtet hätten, dass nur etwa 30 Sekunden nach der für Abdulwahab tödlichen zweiten Explosion ein Mann am Tatort aufgetaucht sei und Fotos vom Toten und dem Rest des Sprengstoffes gemacht habe. Der Mann habe eine schwarze Jacke getragen, blaue Jeans, und ein 25 cm langes Objektiv mit sich geführt. Einer der Zeugen gab zu Protokoll, es sei ihm vorgekommen, als habe der Mann nur auf die Explosion gewartet. Er habe für etwa 15 bis 20 Sekunden fotografiert und sei dann verschwunden, in eine Richtung, die zu einem Tunnel führt.

Das Blatt wirft die Frage auf, ob es sich um einen weiteren Mitverschwörer gehandelt haben könnte, nicht zuletzt, weil entsprechende Bilder niemals irgendwo öffentlich geworden sind. Die Zeitung zitiert Experten, deren Ansicht zufolge es drei Gründe gegeben haben könnte, einen Mitverschwörer zum Tatort zu schicken: Weil man dem Attentäter nicht getraut habe; weil Aufnahmen für die spätere Propaganda gemacht werden sollten; oder weil weitere Attentäter in Gang gesetzt werden sollten.

Allerdings sind auch auf den Web-Seiten von al-Qaida & Co. bislang keine passenden Bilder aufgetaucht. Es ist somit völlig offen, ob es sich nicht auch um einen zufällig in der Nähe stehenden Touristen mit Kamera gehandelt haben könnte, der später - aus welchen Bedenken heraus auch immer - seine Aufnahmen für sich behielt.

Am Dienstag werden die schwedischen Sicherheitsbehörden eine Pressekonferenz zu dem Anschlag abhalten. Vielleicht warten sie mit weiteren neuen Details auf. Doch die Theorie, dass Schweden nur haarscharf einem international geplanten Terror-Inferno entgangen ist, scheint immer mehr Bestätigung zu finden.

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  • Dienstag, 06.12.2011 – 06:23 Uhr
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