Neue Foltervorwürfe Protokoll des Horrors

Heute drangen erneut schockierende Details über die Misshandlungen irakischer Gefangener an die Öffentlichkeit. US-Soldaten sollen Iraker gezwungen haben, Schweinefleisch zu essen und Alkohol zu trinken. Sexuelle Übergriffe gab es offenbar in größerem Maße als bisher bekannt. Auch Hinweise auf einen Todesfall existieren.


Abu-Ghureib-Gefängnis im Irak: Ein Gefangener ruft einen Wärter
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Abu-Ghureib-Gefängnis im Irak: Ein Gefangener ruft einen Wärter

Berlin - Die "Washington Post" veröffentlichte heute erschreckende Auszüge aus Berichten von 13 irakischen Häftlingen, die im US-Gefangenenlager von Abu Ghureib misshandelt wurden. Den detaillierten Zeugnissen zufolge wurden die Inhaftierten auf fast jede vorstellbare Art und Weise gedemütigt. Sexuelle Misshandlung und Demütigung scheinen an der Tagesordnung gewesen zu sein. "Sie sagten mir, wir werden dafür sorgen, dass du sterben willst - aber das wird nicht passieren", zitiert die Zeitung den Iraker Ameen Said al-Sheik, in Abu Ghureib unter der Nummer 151362 geführt. "Sie entblößten mich. Einer von ihnen sagte, er werde mich vergewaltigen. Er malte das Bild einer Frau auf meinen Rücken und zwang mich, in einer beschämenden Position zu stehen."

Hussein Mohssein Mata al-Zajiadi, im Lager mit der Nummer 19446 versehen, gab zu Protokoll: "Sie befahlen meinem Freund zu masturbieren. Dann sagten sie auch mir, ich solle masturbieren, während sie das Ganze fotografierten."

Täter hatten ihre Namensschilder abgeklebt

Die erschütternden Berichte, an die die "Washington Post" gelangte, stammen aus einer Sammlung von Dokumenten, Fotografien und Videos, die Teil der Beweissicherung von Armeefahndern sind. Mit Hilfe dieser Schilderungen, die zwischen dem 16. und 21. Januar gesammelt wurden, werden derzeit die Anklagen gegen einige der in Abu Ghureib stationierten Soldaten vorbereitet.

Erster Verurteilter: Jeremy Sivits
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Erster Verurteilter: Jeremy Sivits

Bislang sind sieben US-Soldaten angeklagt worden. Der erste von ihnen, Jeremy Sivits, ist vor wenigen Tagen zu einer Haftstrafe von einem Jahr und einer Degradierung verurteilt worden.

Die befragten Iraker gaben zu Protokoll, dass sie die meisten Namen der Täter nicht erkennen konnten, weil diese ihre Namensschilder abgeklebt hätten. Zwei Namen aber tauchen immer wieder auf: Charles A. Graner Jr. und Javal S. Davis waren offenbar an zahlreichen und regelmäßigen Misshandlungen beteiligt.

Vergewaltigung eines Jugendlichen

Ein Gefangener, Mohanded Juma Juma, beschreibt beispielsweise, dass Graner mehrfach das für die Inhaftierten bestimmte Essen in die Toiletten warf und sie aufforderte, daraus zu essen. Kasim Mehaddi Hilas, der Gefangene 151108, wirft Graner vor, gemeinsam mit anderen Soldaten einen Gefangenen mit einer Neonröhre sexuell misshandelt zu haben. Insgesamt werden mehrere Fälle von Vergewaltigungen geschildert, darunter auch die eines Jungen, der zwischen 15 und 18 Jahren alt gewesen sei.

Angeklagter Charles Graner in Siegerpose vor der Leiche eines Irakers
AP/ ABC News

Angeklagter Charles Graner in Siegerpose vor der Leiche eines Irakers

Eine Reihe Inhaftierter berichtete außerdem, sie seien gezwungen worden, dem Islam abzuschwören, Schweinefleisch zu essen und Alkohol zu trinken. Ameen Said al-Sheik beschreibt, dass ein US-Soldat sein gebrochenes Bein wiederholt geschlagen und ihn dabei aufgefordert habe, seine Religion zu verfluchen. "Sie befahlen mir, Jesus dafür zu danken, dass ich noch am Leben war", berichtete er.

Laut dem Bericht der "Washington Post" hat ein Sprecher des US-Verteidigungsministeriums gestern versichert, man untersuche die Fälle.

Methoden aus Afghanistan importiert?

Die "New York Times" berichtete heute, dass einige der Methoden, die im Irak zur Anwendung kamen, offenbar aus dem Afghanistan-Krieg importiert worden seien. Das Verhörzentrum in Abu Ghureib, schreibt die Zeitung, sei von einer Einheit des Militärgeheimdienstes geführt worden, die zuvor in Afghanistan gedient und die dort entwickelten "aggressiven Regeln und Prozeduren" eingeführt habe. Anders als in Afghanistan betrachtet die Führung der US-Armee im Irak die Bestimmungen der Genfer Konvention zum Schutz von Kriegsgefangenen eigentlich als uneingeschränkt für alle Häftlinge gültig. Mitglieder der fraglichen Einheit seien Armeedokumenten zu Folge trotzdem bereits vor Monaten wegen der Misshandlung einer irakischen Frau bestraft worden.

Längst gibt es auch Hinweise, dass nicht nur reguläre Soldaten der US-Armee an den Misshandlungen beteiligt waren. Das "Wall Street Journal" berichtet in seiner heutigen Ausgabe, dass ein Mitarbeiter der Firma Titan aus San Diego in den USA der sexuellen Demütigung eines irakischen Häftlings beschuldigt wird. Titan hat einen Langzeitvertrag mit der US-Armee und stellt Übersetzer für die Arbeit in US-Gefängnissen zur Verfügung.

Auch der heute in der "Washington Post" zitierte Kasim Mehaddi Hilas berichtet von einem Übersetzer, der sich an einem irakischen Jugendlichen vergangen habe. Ob allerdings dieser Täter und der Titan-Angestellte identisch sind, ist noch unklar.

Hinweise auf ersten Toten durch Folter

Asad Jalil: Zu Tode gefoltert?
SPIEGEL TV

Asad Jalil: Zu Tode gefoltert?

Dem Fernsehmagazin "SPIEGEL TV" liegen Hinweise vor, dass es zumindestens einem durch Folter verursachten Todesfall gegeben hat. In der US-Luftwaffenbasis al-Asad im Irak verstarb Anfang des Jahres der Iraker Asad Abdul Karim Abdul Jalil. In einem Interview mit "SPIEGEL TV" machte Jalils Mithäftling Abid Hamed Abid US-Soldaten für den Tod verantwortlich: "Asad war mit Handschellen gefesselt, und sie haben ihn mit empor gestreckten Händen an das Gitter gekettet, damit er aufrecht stehen blieb", sagte Abid gegenüber "SPIEGEL TV". "Aber sein Körper war von der Folter schon zu schwach. Er kämpfte dagegen an, bis schließlich seine Seele seinen Körper verließ und er starb."

Bilder vom Leichnam Jalils stützen die Aussage, der Verstorbene sei zuvor gefoltert worden. Dem offiziellen Totenschein zu Folge, ausgestellt von Captain Luis A. Santiago von der US-Armee, starb Jalil indes "im Schlaf" und aufgrund einer "natürlichen" Todesursache.

Anfang kommender Woche will US-Präsident George W. Bush nun in einer Rede eine "klare Irak-Strategie" vorstellen und damit versuchen zu zeigen, dass er die Lage in dem Land im Griff hat. Bush werde sein Konzept am Montag um 20 Uhr (3 Uhr MEZ Dienstag) bei einer Rede vor dem War College der US-Armee in Carlisle im US-Bundesstaat Pennsylvania vorstellen, teilte ein Sprecher des US-Präsidialamtes heute mit. "Der Präsident plane am Montagabend mit dem amerikanischen Volk und einer weltweiten Zuhörerschaft über eine klare Strategie zu reden, wie wir im Irak weiter vorgehen müssen", sagte der Sprecher.

Bush werde sich in der Rede mit mehreren Themen befassen, sagte der Sprecher weiter, darunter mit der Sicherheit des Irak, der Souveränität des Landes, Infrastrukturmaßnahmen und internationaler Diplomatie. Die USA und ihr engster Verbündeter im Irak, Großbritannien, bemühen sich derzeit um eine neue Resolution der Vereinten Nationen mit der die künftige Regierung legitimiert und internationale Truppen im Irak unter Führung der USA ein Mandat erhalten sollen.

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