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Neue Heimat Israel: "Hier fühle ich mich weniger als Jüdin"

Nur weil Nadine Zielinsky Jüdin ist, musste sie daheim in Zürich ständig die Politik Israels rechtfertigen. Sie beschloss, das Land selbst kennenzulernen - und blieb gleich da. Auf SPIEGEL ONLINE schreibt die 29-jährige Auswanderin, wie sich ihr Leben seither verändert hat.

Berlin - Manchmal denke ich: Wer bin ich, dass ich hier her komme und meine, ausgerechnet ich könne was ändern?

Nadine Zielinsky: "Ich weiß, wenn ich irgendwo was ändern kann, dann nur hier"
Nadine Zielinsky

Nadine Zielinsky: "Ich weiß, wenn ich irgendwo was ändern kann, dann nur hier"

Aber die nächsten Gedanken kommen schnell: Israel ist ein junges Land. Der Staat muss aufgebaut werden, wir müssen miteinander reden, Frieden schaffen. Jeden Tag ein bisschen. Mein Gefühl ist: Alles, was ich hier mache, hat mehr Bedeutung als in der Schweiz.

Vor fünf Jahren bin ich nach Israel ausgewandert, ursprünglich komme ich aus Zürich. Ich lebe heute in Jerusalem und mache hier meinen Master. Ich bin die erste aus meiner engeren Familie, die in Israel lebt.

Meine Großeltern mütterlicherseits haben viele Brüder und Schwestern im Holocaust verloren. Selbst haben sie überlebt. Eine Oma wanderte rechtzeitig nach Argentinien aus, kam nach dem Krieg nach Deutschland. Meine Oma und Opa väterlicherseits lebten in der Schweiz, wo die Juden verschont blieben.

"Hast du einen jüdischen Pass?"

Ich kam hier her, weil ich etwas tun wollte. Nicht nur in Zürich sitzen und denken, es nervt, dass ich mich als normale Schweizerin, die zufällig auch Jüdin ist, ständig für die israelische Politik rechtfertigen muss.

Denn in der Schweiz war ich für viele in erster Linie jüdisch. Das war einerseits ein Stempel, den mir andere aufdrückten. Oft kamen dann noch Fragen wie: "Hast du einen jüdischen Pass, sprichst du jüdisch?" Trotzdem, das fand ich besser, als gar nicht gefragt zu werden.

Und andererseits habe ich mich auch selbst immer mehr damit auseinandergesetzt, was es bedeutet jüdisch zu sein. Ich bin jüdisch und nicht religiös - das geht für die meisten Menschen nicht zusammen. Dabei sind Juden für mich neben der Religion auch ein Volk, das eine gemeinsame Geschichte und Kultur hat.

Richtig anstrengend wurde es mit Beginn der zweiten Intifada im Jahr 2000. Ständig musste ich erklären, warum die israelische Regierung dies macht oder jenes. Immer wieder wurde ich auf Ariel Scharon angesprochen. Ich sollte eine Politik verteidigen, hinter der ich selbst nicht stand.

Ich hatte nichts mit der israelischen Siedlungspolitik zu tun - aber plötzlich hatte ich es doch, denn immer wurde ich gefragt. Durch die Diskussionen habe ich mich aber selbst immer intensiver mit dem Nahost-Konflikt beschäftigt. Ich war schon vorher ein politischer Mensch, und ich wurde es noch mehr.

Ich habe viel mit Leuten aus Israel gesprochen, bin dorthin gereist, hatte damals auch einen israelischen Freund. Und ich entdeckte dadurch andere Wahrheiten, als in der Schweizer Presse standen. Ich selbst sympathisiere mit der israelischen Friedensbewegung - war aber schockiert über die israelfeindliche Berichterstattung.

Da fällt mir zum Beispiel das Bild mit dem kleinen palästinensischen Jungen ein, der in den Armen seines Vaters starb. Das Foto war in Deutschland und der Schweiz auf allen Titelseiten, es löste einen riesigen Aufschrei aus. Israelis haben den Kleinen erschossen, das stand schnell fest. Die Berichtigung, dass die Schützen wahrscheinlich palästinensisch waren, kam dann nur sehr klein.

Irgendwann war ich ziemlich genervt. Ich hatte keine Lust mehr, mich zu rechtfertigen. Ich entschied: Ich gehe, vielleicht kann ich in Israel mit meinen schweizerischen, urdemokratischen Werten selbst etwas machen. Das war 2003.

Erst plante ich nur ein Austauschjahr. Es war mehr ein Abenteuer, als der Beginn eines neuen Lebens. Meine Freunde und meine Familie haben den Kopf geschüttelt. Warum ausgerechnet jetzt, wo die Situation derart brenzlig ist, auf dem Höhepunkt der Intifada?

Ich habe das aber eher verdrängt. Und als ich ankam, wurde auch der Bau des Sicherheitszauns begonnen. Die Folge war, dass die Zahl der Anschläge drastisch gesunken ist. Ich hatte Glück, wenn man das so sagen kann. Am Anfang habe ich trotzdem immer noch genau hingesehen, wenn jemand etwa eine dicke Jacke trug im Sommer.

"Ich plane meine Zukunft in Israel"

Die Schweiz ist wohl das sicherste Land der Erde. Aber das Sicherheitsgefühl ist relativ. Es ist Teil meines Lebens in der Uni oder am Busbahnhof durch einen Detektor zu laufen und auch hier fühle ich mich sicher.

Was mir zuerst aufgefallen ist in Jerusalem? Wie wahnsinnig hilfsbereit die Menschen hier sind - in der Schweiz ist alles eher eine große Konkurrenz. Hier haben mir an der Uni Leute geholfen, ihre Aufzeichnungen gegeben, mir Sachen erklärt. Leute, die ich gar nicht kannte.

Ich arbeite in Jerusalem in mehreren zivilgesellschaftlichen Projekten mit, habe mit allen Seiten gesprochen - mit israelischen Siedlern, mit israelischen Palästinensern. Araber und Juden haben untereinander so wahnsinnig verschiedene Standpunkte. Wie sollen sie sich dann miteinander einigen?

Das ist oft ernüchternd. Aber immerhin setzt sich der Trend durch: Es muss zwei Staaten geben. Einer politischen Partei will ich mich hier nicht zuordnen. Es ist mir zuviel Filz. Ich sympathisiere aber mit der Friedensbewegung. Und ich bin "grün" - wenn es hier so etwas gibt wie eine grüne Bewegung.

Seit ich in Jerusalem lebe, fühle ich mich viel weniger als Jüdin - weil ich hier zu einer Mehrheit gehöre. So wie es in der Schweiz Ostereier im Laden gibt, gibt es hier halt Kerzen für Chanukka.

Ich plane meine Zukunft in Israel. Je länger ich hier bin, desto lieber.

Ich weiß, wenn ich irgendwo was ändern kann, dann nur hier.

Aufgezeichnet von Anna Reimann

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