Neue Militärstrategie USA schwören Verbündete auf blutige Afghanistan-Offensive ein

Die US-Regierung überarbeitet ihre Strategie für Afghanistan und Pakistan - Obamas Sonderbeauftragter Holbrooke wird den Vertretern von Nato und EU das neue Konzept erläutern. Bei einer Konferenz in Brüssel gab er erste Einblicke: Der Einsatz wird gefährlicher.

Aus Brüssel berichtet


Brüssel - Es ist ein Halbsatz nur, doch er ist vielsagend. Richard Holbrooke sitzt auf der Bühne des "Brussels Forum", hochrangige Europäer und Amerikaner sind auf Einladung des German Marshall Fund versammelt. Mucksmäuschenstill ist es im Ballsaal, als der US-Regierungsbeauftragte für Pakistan und Afghanistan Auskunft gibt über die neue US-Strategie dort. Holbrooke seufzt, dies sei einer der Konflikte, in denen man am weitesten entfernt von den Nachschubbasen kämpfen müsse. "Wir Amerikaner", sagt er über diesen Kampf fern der Heimat, dann ertappt er sich, und fügt rasch halblaut hinzu: "Und die Nato".

US-Sondergesandter Holbrooke: "Wir Amerikaner - und die Nato"
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US-Sondergesandter Holbrooke: "Wir Amerikaner - und die Nato"

Doch das Verteidigungsbündnis ist in diesen Momenten eher eine Randnotiz. Klar, Holbrooke spricht in seinen offiziellen Sätzen über eine umfassende Strategie des Westens, die Verzahnung von Zivilgesellschaft und Militär, den intelligenteren Umgang mit Aufständischen. Doch unterschwellig sendet er vor allem ein Signal amerikanischer Entschlossenheit. 17.000 neue US-Soldaten werden die USA nach Afghanistan schicken, damit dürfte sich Amerika um die Nato-Struktur nur noch wenig kümmern.

Holbrooke soll an diesem Montag Umrisse der neuen US-Strategie in der Region Vertretern von Nato und EU vorstellen. Verschiedene geheime Strategie-Szenarien hat das Weiße Haus dazu in Auftrag gegeben, das Ergebnis scheint zu sein: Die Afghanistan-Mission entwickelt sich noch stärker zu einer US-Mission. Und es wird wohl - zumindest vorläufig - ein blutigerer Einsatz.

Mehr Soldaten, mehr Gewalt?

"Die Lage ist so schlecht", sagt Holbrooke, "weil die internationale Gemeinschaft - vor allem die USA - verfrüht entschieden hat, dass die Mission in Afghanistan ganz gut funktioniert, und sich auf andere Dinge konzentriert hat." Für die Debatte um vermeintlich tiefer gesetzte Ziele des Westens dort hat er nur Spott übrig: "Es ist wohl kaum ein Minimalziel", schnaubt Holbrooke, "ein Land davor zu beschützen, wieder Zufluchtsort einer Terrorbewegung zu werden. Wir sollten die Schwierigkeiten nicht unterschätzen. Europäer und Amerikaner müssen sich entscheiden, ob ihnen dieser Kampf wichtig genug ist."

John McCain, Ex-Präsidentschaftsbewerber, ergänzt beim Abendessen nach Holbrookes Auftritt, das Gerede von bescheideneren Zielen in Afghanistan sei eine "sehr gefährliche Idee". Die politische Führungsspitze müsste vielmehr ihre Bürger überzeugen, dass der Einsatz Jahre, nicht Monate dauern werde - und dabei auch kommunizieren, dass mehr Soldaten zunächst wohl mehr Gewalt bedeuten.

Also jongliert Holbrooke nun mit gewaltigen Zahlen. Bis zu 400.000 afghanische Soldaten und Polizisten sind im Gespräch. "Ich glaube, diese Zahlen sind spekulativ, aber es wird eine deutliche Erhöhung geben", sagt der Sondergesandte. Zu Obamas Amtsantritt habe man über eine moderate Erhöhung von 78.000 auf 82.000 Sicherheitskräfte nachgedacht, "doch jeder sagte uns: Das reicht nicht." In den vergangenen Wochen und Monaten ist die US-Kritik am Stand der Polizeiausbildung in Afghanistan, an der die Deutschen mitwirkten, lauter geworden.

Einher damit geht in Holbrookes Ausführungen ein neuer Fokus auf Pakistan, wo viele der militantesten Kämpfer in der Region Unterschlupf suchen für Aktionen in Afghanistan. "Die Bedrohung kommt vor allem von Extremisten im Westen Pakistans", erinnert Holbrooke. "Man kann die militärischen und zivilen Aspekte nicht trennen - man wird das Problem nicht lösen, wenn man nicht in West-Pakistan siegt. Wir werden mehr tun, und wir hoffen, die Europäer werden mehr tun."

Aber wie? Interventionen auf pakistanischem Boden sind keine Option, also bleibt mehr zivile Hilfe, um das instabile Land zu stützen. Ruprecht Polenz, Vorsitzender des Auswärtigen Ausschusses im Bundestag, verweist auf deutsche Hilfe für eine solche Pakistan-Initiative, die Holbrooke lobend aufgreift. Pakistan stecke in einer gewaltigen Finanzklemme, es brauche viel Geld. "Wir müssen diese Fragen zu einer Priorität in unseren Haushalts-Budgets machen", fordert der polnische Außenminister Radoslaw Sikorski.

"Nur einige besorgen das Kämpfen und Sterben"

Wird auch mehr militärische Hilfe der Europäer in Afghanistan wieder eine Priorität werden? EU-Diplomaten scheinen davon auszugehen, dass die Amerikaner beim Nato-Gipfel Anfang April nicht um neue Truppenbeiträge buhlen werden. Anne-Marie Slaughter, frisch bestellte Planungschefin des US-Außenministeriums, sagt SPIEGEL ONLINE: "Die Überprüfung unserer Strategie in Afghanistan und Pakistan würdigt die Bedeutung der Polizeiarbeit und der vielfältigen Aktivitäten, die nötig sind, um die Institutionen für effektives Regieren in Afghanistan zu stärken - das ist ein Teil des deutschen Beitrages."

Doch wie lange hält so ein Burgfrieden? Die Amerikaner kämpfen im konfliktreichen Süden des Landes, deutsche und europäische Soldaten trainieren vor allem die Polizei im sicheren Norden. Robert Kagan, konservativer Publizist und Außenpolitikberater von John McCain im Wahlkampf, warnt: "Während die Amerikaner ihre Truppen weiter ausbauen, reduzieren andere ihre Beiträge. Es ist einfach nicht fair, wenn nur einige das Kämpfen und Sterben besorgen."

Die Deutschen wissen aber, dass diese Debatte nicht vorbei ist - auch nicht um die Frage, ob die Deutschen Soldaten in den Süden Afghanistans senden sollten. Bezeichnend eine Szene auf der Konferenz in Brüssel: Volker Stanzel, Politischer Direktor des Auswärtigen Amtes, erinnert an den Umfang des deutschen Truppen-Beitrags. "Diese Truppen sind im Norden Afghanistans", sagt Stanzel. "Gibt es einen breiten Aufstand im Norden? Nein."

Für viele scheint der Diplomat zu suggerieren, dass dies an der erfolgreichen deutschen Tätigkeit dort liege, ungläubiges Gemurmel brandet auf. Stanzel sagt, er habe das eigentlich nicht als Scherz gemeint. "Es ist aber schon interessant, zu was für Reaktionen das hier führt", sagt der Moderator zu dem Deutschen. Ein indischer Diskutant spottet: "Wenn die Deutschen im Norden so erfolgreich waren, vielleicht sollte man sie dann in den Süden schicken."

Holbrooke mahnt, man müsse den Bürgern klarmachen, dass die USA und andere Länder in diesem fernen Land kämpften, weil ihre nationalen Sicherheitsinteressen direkt berührt seien. Ähnlich klang einmal ein Bundesverteidigungsminister namens Peter Struck, der die deutsche Sicherheit auch am Hindukusch verteidigen wollte. Das ist lange her, wenig politisches Werben für den Einsatz und seine Gründe folgten. Ruprecht Polenz sagt: "Wenn man heute in Deutschland diesen Satz benutzt, lächeln die Leute - und verstehen ihn nicht mehr."

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