Neue Offensive Israels Armee und Hamas kämpfen erbittert um Gaza

Israel weitet seine Offensive in Gaza-Stadt drastisch aus: Panzer und Bodentruppen rücken in die Vororte vor, die Luftwaffe bombardiert mehr als 60 Ziele. Hamas-Kämpfer schießen mit Raketen auf die Soldaten. Beobachter sprechen von der schlimmsten Nacht seit Beginn des Krieges.


Gaza/Tel Aviv - Es ist, als verpufften die internationalen Bemühungen um eine Waffenruhe in Nahost im Nichts. In der Nacht zu Dienstag hat Israel seine Angriffe auf den Gaza-Streifen abermals intensiviert. Bodentruppen rückten weiter in die Vororte von Gaza-Stadt vor und lieferten sich schwere Gefechte mit militanten Palästinensern. Zugleich griff die Luftwaffe nach Angaben einer Armeesprecherin über Nacht mehr als 60 Ziele an und lieferte den Bodentruppen Unterstützung aus der Luft. Auch in Beit Lahia und Dschabalija nördlich von Gaza gab es heftige Kämpfe.

Militäroperation in Gaza-Stadt: Ausweitung der Offensive
AP

Militäroperation in Gaza-Stadt: Ausweitung der Offensive

Zu den angegriffenen Zielen gehörten den Angaben zufolge erneut Schmugglertunnel unter der Grenze des Gaza-Streifens zu Ägypten sowie ein Hotel im nördlichen Teil des Palästinensergebiets, in dem sich Militante verschanzt haben sollen. Getroffen wurden den Angaben zufolge außerdem mehrere Raketenabschussrampen.

Nach Berichten von Augenzeugen drangen israelische Panzer nach Mitternacht in die drei Außenbezirke Tal al-Hawa, Eidschlin und Seitun vor. Währenddessen bombardierte die Luftwaffe die Region. Palästinensische Kämpfer hätten mit Raketen zurückgefeuert.

Nach Angaben palästinensischer Rettungskräfte wurde in Seitun mindestens ein Mensch getötet. In dem Außenbezirk Raduan wurden mindestens drei Menschen verletzt, als ein Haus bei einem Bombenangriff zerstört wurde. Ein israelischer Armeesprecher bestätigte Kämpfe in mehreren Bezirken Gazas, ohne nähere Angaben zu machen.

Der bewaffnete Arm der Hamas, die Issaddin-al-Kassam-Brigaden, zerstörten nach eigenen Angaben in Seitun israelische Panzerfahrzeuge. In dem Dorf Chusa wurde demnach eine unbestimmte Zahl israelischer Soldaten getötet. Diese Angaben wurden von der israelischen Armee zurückgewiesen.

Israel hatte schon am Montag seine militärische Strategie auf Gaza konzentriert. Die Anstrengungen, die Stadt einzukesseln, würden nun verstärkt, sagte General Ejal Eisenberg vor Journalisten. Israels Regierungschef Ehud Olmert hatte am Montag seinen Willen bekundet, die Offensive zu beenden. Allerdings müssten dafür zwei Bedingungen erfüllt sein, schränkte Olmert bei einem Besuch im südisraelischen Aschkelon ein: "das Ende des Raketenbeschusses und das Ende der Waffenlieferungen an die Hamas".

18 Tage nach Beginn der israelischen Militäroffensive gehen auch die internationalen Bemühungen um eine Waffenruhe in Nahost weiter. Der Weltsicherheitsrat will am Dienstag erneut in New York zusammentreten. Uno-Generalsekretär Ban Ki Moon will darüber hinaus zu Gesprächen in die Region reisen.

Die Uno-Resolution zum Gaza-Krieg
(Klicken Sie auf die Überschriften, um mehr zu erfahren)
Waffenruhe
Der Uno-Sicherheitsrat "betont die Dringlichkeit und ruft zu einem sofortigen, dauerhaften und vollständig eingehaltenen Waffenstillstand auf, der zu einem vollständigen Rückzug israelischer Kräfte aus dem Gaza-Streifen führen soll". Das Gremium "verurteilt jegliche Gewalt und Feindseligkeit gegen Zivilisten sowie jede Art von Terrorismus". Diese Textstelle bezieht sich auf die Raketenangriffe der radikal-islamischen Hamas auf israelisches Staatsgebiet, die aber nicht ausdrücklich erwähnt werden.
Humanitäre Hilfe
Der Sicherheitsrat fordert "eine ungehinderte Lieferung und Verteilung von humanitärer Hilfe im ganzen Gaza-Streifen". Nötig seien "Lebensmittel, Kraftstoff und Medikamente". Das Gremium "begrüßt Initiativen zur Einrichtung und Öffnung von humanitären Korridoren sowie andere Mechanismen zur nachhaltigen Versorgung mit humanitärer Hilfe". Zudem ruft es "die Mitgliedstaaten auf, internationale Bemühungen zur Linderung der humanitären und wirtschaftlichen Lage im Gazastreifen zu unterstützen".
Friedensprozess
Der Sicherheitsrat "begrüßt die ägyptische Initiative sowie andere regionale und internationale Bemühungen". Er "fordert verstärkte internationale Bemühungen um Vereinbarungen und Garantien für eine dauerhafte Ruhe im Gaza-Streifen". Dazu zähle auch "eine Unterbindung des unerlaubten Schmuggels von Waffen und Munition sowie die Wiedereröffnung von Grenzübergängen".
Versöhnung der Palästinenser
Zugleich "ermutigte" das Gremium "greifbare Maßnahmen, die zu einer Versöhnung der Palästinenser führen". Darüber hinaus forderte der Sicherheitsrat "neue und dringende Bemühungen der Konfliktparteien und der internationalen Gemeinschaft um einen umfassenden Frieden, der auf der Vision von einer Region basiert, in der zwei demokratische Staaten, Israel und Palästina, Seite an Seite friedlich und mit sicheren sowie anerkannten Grenzen leben".

Angesichts der schweren israelischen Angriffe signalisierte die Hamas-Führung im Gaza-Streifen zwar ihre Bereitschaft zur Zusammenarbeit. Der hochrangige Hamas-Politiker Ismail Hanija sagte in einer aufgezeichneten Fernsehbotschaft, er werde bei jeder Initiative zusammenarbeiten, die das Blutvergießen beende. Hanija verlangte aber einen Rückzug der israelischen Truppen aus dem Gaza-Streifen und eine Öffnung aller Grenzübergänge. Dennoch ist Hanija überzeugt, dass die Zeichen für die Hamas günstig stehen: "Das Blut, das geströmt ist, wird nicht umsonst geströmt sein, denn es wird uns den Sieg bringen." Hanija soll sich an einem unbekannten Ort im Gaza-Streifen aufhalten.

Nach Angaben aus libanesischen Kreisen wird die Hamas aber die ägyptischen Vorschläge zur Einstellung der Kämpfe ablehnen. Unterhändler der Hamas kehrten am Montagabend nach Kairo zurück, nachdem sie in der syrischen Hauptstadt Damaskus mit ihrer Exilführung über die Vorschläge beraten hatten. Nach Angaben aus den libanesischen Kreisen will die Hamas nur eine zeitlich begrenzte Waffenpause. Zudem lehne die Palästinenserorganisation die Entsendung ausländischer Beobachter an den Grenzübergang Rafah ab.

Die israelische Offensive im Gazastreifen dauert seit dem 27. Dezember an. Bei dem Militäreinsatz wurden nach Angaben palästinensischer Rettungskräfte mehr als 900 Palästinenser getötet, etwa 4100 wurden verletzt. Zudem kamen seit Beginn des Waffengangs 13 Israelis ums Leben, drei von ihnen durch Hamas-Raketen. Allein am Montag schlugen nach Angaben der israelischen Armee 16 Raketen in Israel ein.

Nahost-Konflikt
Die Gebiete
Im Grunde dreht sich der Konflikt um das Existenzrecht Israels und die Forderung nach einem eigenen Palästinenserstaat . Es gibt inzwischen palästinensische Autonomiegebiete - den Gaza-Streifen und das Westjordanland . Die Grüne Linie trennt die Gebiete von Israel. Um die israelischen Siedlungen in den umstrittenen Gebieten gibt es immer wieder Streit.
Die Gegner
Dem Staat Israel stehen einzelne Gruppierungen und Institutionen gegenüber: im Gaza-Streifen und Westjordanland die Palästinensische Autonomiebehörde | Hamas | Kassam-Brigaden | Volkswiderstandskomitee (PRC) | PLO | Fatah | Al-Aksa-Brigaden | Islamischer Dschihad | im Libanon die Hisbollah
Geschichte

ffr/dpa/AFP/Reuters

© SPIEGEL ONLINE 2009
Alle Rechte vorbehalten
Vervielfältigung nur mit Genehmigung der SPIEGELnet GmbH


Die Homepage wurde aktualisiert. Jetzt aufrufen.
Hinweis nicht mehr anzeigen.