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Neue Rettungsaktion: Europa beschließt Multimilliarden-Hilfe für Irland

Erst die Griechen, jetzt die Iren. Europas Finanzminister haben ein Rettungspaket über bis zu hundert Milliarden Euro für den Inselstaat beschlossen. Die Regierung des Landes hatte in einer demütigenden Kehrtwende darum gebeten - die Wut in Irland ist groß, Finanzmister Schäuble kündigt harte Vorgaben an.

Dublin - Die Spekulationen haben endlich ein Ende. Die irische Regierung hat an diesem Sonntag offiziell bei der EU und dem Internationalen Währungsfonds (IWF) um Hilfsgelder gebeten - und noch am Abend stimmten Europas Finanzminister in einer Telefon-Eilkonferenz grundsätzlich zu.

Der irische Premierminister Brian Cowen sagte, man habe sich auf ein Paket von bis zu hundert Milliarden Euro geeinigt, das vor allem die maroden irischen Banken stützen soll. Experten von EU und IWF seien seit drei Tagen im Land, um die genaue Höhe der benötigten Unterstützung zu bestimmen. Die Nachrichtenagentur Reuters berichtet mit Verweis auf eine hochrangige Quelle in der EU, es gehe um 80 bis 90 Milliarden Euro. Nach Auskunft von Währungskommissar Olli Rehn dagegen wird erst Ende November nach weiteren Verhandlungen über den genauen Betrag entschieden.

Der irische Finanzminister Brian Lenihan sagte als Begründung für den Hilfsantrag schon am Nachmittag, sein Land habe ein Defizit von 19 Milliarden Euro angehäuft, das es derzeit nicht auf den Finanzmärkten refinanzieren könnte. Er sagte, "mehrere zehn Milliarden Euro" seien wohl nötig, um den maroden Banken des Landes zu helfen, allerdings keine dreistellige Milliardensumme.

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Schritt für Schritt: Wie Irland den Euro-Rettungstopf anzapfen kann
Hintergrund: Der irische Staat hat Sicherheiten für das marode Bankensystem des Landes übernommen und daher einen völlig überschuldeten Haushalt. Irland steuert 2010 auf ein Etatdefizit von 32 Prozent zu. Zwar muss die Regierung ihre Schulden gerade nicht an den Finanzmärkten refinanzieren, weshalb sie sich noch vor Tagen bei einem europäischen Gipfel gegen ein Hilfsprogramm gesträubt hat, um nicht künftig von EU und IWF streng kontrolliert zu werden. Doch die irischen Probleme beunruhigen die Finanzmärkte. Auch andere in der Finanz- und Schuldenkrise belastete Staaten wie Griechenland und Spanien bekommen ihre Schulden nur noch zu deutlich höheren Zinsen refinanziert. Die Risikoaufschläge irischer, griechischer, portugiesischer und italienischer Staatsanleihen sind wieder gestiegen. Deshalb wuchs in den vergangenen Tagen der Druck auf die irische Regierung erheblich, sich auf eine Rettungsaktion einzulassen und so die Finanzmärkte zu beruhigen.

Kaum hatte Irland nun seine Bitte ausgesprochen, haben die EU-Finanzminister am Sonntagabend grundsätzlich Hilfen zugesagt. Das Land könne grundsätzlich Gelder aus dem im Frühjahr vereinbarten Euro-Rettungsschirm bekommen, sagte EU-Kommissar Rehn. Er sprach von einem Drei-Jahres-Plan, der "sowohl die finanzpolitischen Veränderungen der irischen Wirtschaft berücksichtigen wird als auch potentielle zukünftige Bedürfnisse des Bankensektors". Die Hilfe werde die finanzielle Stabilität Europas garantieren.

Fragen und Antworten zur Irland-Hilfe
Warum beantragt Irland Notfallhilfe?
Weil sich der Euro-Staat mit Milliardengarantien für seine maroden Banken in eine Rekordverschuldung gestürzt hat - Irland steht am Rande des Bankrotts. Anders als bei Griechenland, das im Frühjahr vor dem Kollaps gerettet werden musste, gibt es aber immerhin keinen akuten Zahlungsengpass, weil das Land seine Schulden gerade refinanziert hat.
Woher kommt das Geld?
Seit Mai gibt es den Euro-Rettungsschirm über insgesamt 750 Milliarden Euro. Dazu tragen die Euro-Länder 440 Milliarden bei, die EU-Kommission 60 Milliarden und der Internationale Währungsfonds (IWF) 250 Milliarden. Aus allen drei Töpfen würde Geld fließen. Zusätzlich will Großbritannien bilaterale Kredite bereitstellen. Die Idee eines separaten Bankenpakets ist vom Tisch, weil die Regeln des Rettungsfonds das ausschließen. Für eine Bankenhilfe müsste der irische Staat Kredite an die Unternehmen weiterreichen.
Wie hoch wären die Kosten für Deutschland?
Bekommt Irland Geld aus dem Euro-Rettungsschirm, würde Deutschland für ein Drittel der irischen Finanzhilfen geradestehen. Allerdings muss die Bundesregierung kein Geld nach Dublin überweisen, sondern nur Bürgschaften geben - für die Kredite, die der Krisenfonds am Markt aufnimmt. Nur wenn Irland seine Schulden wirklich nicht bezahlen könnte, würde die Bürgschaft fällig. In jedem Fall fallen indirekte Kosten an, weil sich Deutschlands Kreditwürdigkeit durch die Bürgschaft verschlechtert und es für Kredite selbst mehr Zinsen zahlen muss.
Was muss Irland leisten?
Die Auszahlung einzelner Tranchen ist an Bedingungen wie Haushaltsauflagen geknüpft. Debattiert wurde eine Anhebung der Unternehmensteuer, die derzeit in Irland 12,5 Prozent beträgt und im Europa-Vergleich sehr niedrig ist - viele Länder, auch Deutschland, sehen sie als Dumping-Tarif im globalen Wettbewerb um Industrieansiedlungen. Die Regierung will diesen Tarif aber nicht anpassen und plant stattdessen harte Einschnitte im Sozialsystem.
Wie soll die Hilfe wirken, und braucht es sie wirklich?
Irland kann mit den Krediten seinen Bankensektor schneller sanieren. Die Forderungen ausländischer Geldgeber, darunter vor allem deutsche und britische Banken, sind sicher. Die Nothilfe könnte verhindern, dass andere Sorgenkinder wie Spanien und Portugal mit in den Strudel gerissen würden - wenn das Kalkül aufgeht, sich die Unruhe an den Finanzmärkten legt und die Zuversicht in die Euro-Länder wieder wächst. Ansonsten könnte es bitter werden, dann wäre die Euro-Zone und letztlich die EU ernsthaft bedroht.
Der IWF wird bei den bald beginnenden Verhandlungen über die Rahmenbedingungen helfen. Ein Team halte sich gegenwärtig in Irland auf und werde nun mit den irischen Stellen, der EU-Kommission und der Europäischen Zentralbank (EZB) zügig Gespräche über ein Wirtschaftsprogramm führen, sagte Direktor Dominique Strauss-Kahn. Auch der EZB-Rat begrüßte die Entwicklung. Das Hilfspakt werde beitragen, die Stabilität des irischen Bankensystems, der Euro-Zone und der EU zu wahren.

Neben den Euro-Zonen-Ländern und dem IWF will auch Großbritannien bilateral Unterstützung leisten. Laut BBC sind Hilfen in Höhe von sieben Milliarden Pfund (umgerechnet rund acht Milliarden Euro) geplant. Die Schatzkanzlei teilte mit, es sei im britischen Interesse, dass es Irland wirtschaftlich gut gehe und das Land einen stabilen Bankensektor habe. Man beteilige sich darum an den Entscheidungen. Beide Länder verbänden enge historische Bande und Handelsbeziehungen.

Schäuble: "Wir verteidigen die Stabilität unserer gemeinsamen Währung"

Der irische Finanzminister Lenihan sagte, die Hilfsmilliarden würden vor allem für die Sanierung der Banken benötigt, um einen Kollaps der Branche zu verhindern. Es brauche strukturelle Änderungen, um sie wieder auf die richtige Spur zu setzen. Zu den Geldern für diese Aufgabe könnten am Ende noch generelle Hilfen für den Staatshaushalt kommen.

Als Bedingung für die Unterstützung muss die irische Regierung nun aber erst mal jenen Staatshaushalt sanieren. Bundesfinanzminister Wolfgang Schäuble (CDU) sprach im ZDF schon vor der Ministerkonferenz von harten Auflagen. Eine Lösung für Irland könne vor einer Ausbreitung der Schuldenkrise auf andere Länder schützen: "Wir verteidigen ja nicht irgendein Mitgliedsland, sondern wir verteidigen die Stabilität unserer gemeinsamen Währung." Der Wirtschaftsaufschwung in Deutschland sei durch die Irland-Krise nicht bedroht, sagte Wirtschaftsminister Rainer Brüderle (FDP). "Sollten Hilfen für Irland fließen, werden diese den Aufschwung in Deutschland nicht gefährden", so Brüderle zur "Bild"-Zeitung.

Nicht zuletzt europäische Politiker haben für Irland eine Erhöhung der Unternehmensteuer ins Gespräch gebracht - sie ist mit 12,5 Prozent so niedrig, dass sie in den vergangenen Jahrzehnten viele ausländische Unternehmen angelockt hat, zum Verdruss anderer EU-Länder. Einen solchen Schritt allerdings schloss Finanzminister Lenihan aus. Stattdessen müssen sich die Bürger auf drastische Kürzungen im Sozialsystem gefasst machen. Irische Medien berichten, das an diesem Sonntag beschlossene Sparpaket der Regierung umfasse Kürzungen unter anderem bei der Kinderunterstützung, den Mindestlöhnen und dem Arbeitslosengeld. Bis 2014 sollten 15 Milliarden Euro eingespart werden. Offiziell werden die Details des Programms erst am Mittwoch verkündet.

Parteifreunde fordern Rücktritt

Für die irische Regierung von Ministerpräsident Brian Cowen in Dublin ist das Hilfsgesuch demütigend. Das Land hatte sich lange gegen Hilfen gewehrt - einerseits sprach der Nationalstolz dagegen, andererseits wollte die Regierung die Hoheit über die Haushaltsplanung behalten. Irische Medien sowie Mitglieder der Regierungspartei Fianna Fáil reagierten deshalb nun wütend, bezichtigten die Regierung der Lüge und forderten ihren Rücktritt. "Ihr habt gelogen. Ihr habt uns enttäuscht. Tretet zurück", titelte die Zeitung "Sunday Independent" unter einem Foto aller Kabinettsmitglieder.

"Das Handeln und die Äußerungen der Regierung in den vergangenen zehn Tagen haben das Vertrauen der Bürger fundamental beschädigt", schrieb der ehemalige Verteidigungsminister Willie O'Dea von Fianna Fáil in der Zeitung. Der Abgeordnete John McGuinness forderte Cowens Rücktritt. Es müsse Neuwahlen geben, selbst wenn die Regierungspartei die Macht abgeben müsse.

Die Flucht unter den Euro-Rettungsschirm bei gleichzeitiger Haushaltskontrolle durch die Geldgeber ist in der irischen Bevölkerung alles andere als populär. Das Trauma der Fremdherrschaft ist nach Jahrhunderten britischer Besatzung tief verwurzelt, der Stolz auf die 1922 erlangte Eigenständigkeit groß.

In Umfragen kommt die Regierungspartei Fianna Fáil auf nur noch 17 Prozent der Stimmen. Damit verlöre sie die Hälfte ihrer Sitze im Parlament. Sollte die Regierung die aktuelle Krise überstehen, gehen Beobachter von Neuwahlen spätestens im Frühjahr 2011 aus.

anr/yes/Reuters/dapd/AFP

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Forum - Irland und die Folgen – Wird der Euro überleben?
insgesamt 2571 Beiträge
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1. Letzte Auswirkungen der Fnanzkrise!
merapi22 20.11.2010
Zitat von sysopDie europäische Schuldenkrise galt mit der Rettung Griechenlands und dem Rettungsschirm für den Euro im Frühjahr dieses Jahres als überwunden. Doch angesichts der Krise in Irland warnen Experten nun sogar vor dem Zerbrechen des Euro-Raums und einem Untergang der EU. Wie bedroht ist der Euro durch die Irland-Krise?
Die Finanzkrise ist überwunden! Genau wie nach dem Platzen der Interneteuphorie 2000 bis 2003 hat es Nachwirkungen, aber viele Internetunternehmen haben die Krise überlebt, genauso wird der Euro die letzte zyklische Krise von 2008/09, (die hauptsächlich die Finanzwirtschaft betraf), überleben!
2. Koma
Ghost12 20.11.2010
Frage ist nur, wie lange der Patient noch im Koma liegt. Nach Spanien wird es eng. Das Teil hier darf nicht über 5% gehen: http://www.comdirect.de/inf/anleihen/detail/uebersicht.html?SEARCH_REDIRECT=true&ID_NOTATION=32874710&SEARCH_VALUE=A1ASF1&REFERER=search.general&REDIRECT_TYPE=WKN sonst kommen die 7-8 % ganz schnell. Dann muss der Euro wieder abwerten, geschätzte 20-30%. Nicht nur die Deutschen werden um ihren Wohlstand gebracht, damit die EU-Clique, brüsselzentrierte Machtpolitiker und die EZB ihre Privatbankfinanzierer subventionieren.
3.
Ghost12 20.11.2010
Rolli, Danke, noch nie SO klar gesehen. - "Griechenland" war platt gesagt Frankreichs Bankenproblem. - "Irland" ist das Problem der deutschen Banken. - und "Portugal" wäre das Problem der spanischen Banken leichte Schlussfolgerung: der zeitliche Abstand zwischen "Rettung" Portugals und Spaniens wird sehr knapp sein. Und bei "Spanien" ist das Problem so groß, dass der Euro massiv abwerten wird.
4. -
semper fi, 20.11.2010
Zitat von sysopDie europäische Schuldenkrise galt mit der Rettung Griechenlands und dem Rettungsschirm für den Euro im Frühjahr dieses Jahres als überwunden. Doch angesichts der Krise in Irland warnen Experten nun sogar vor dem Zerbrechen des Euro-Raums und einem Untergang der EU. Wie bedroht ist der Euro durch die Irland-Krise?
Deutschland hat etwa 82 Millionen Einwohner. Davon sind etwa 81.999.640 "Experten" auf verschiedenen Themenfeldern (auch sehr aktuell: Terrorismus) und verschiedener Richtungen. Es sollte also nicht allzu schwer fallen, einen Experten zu finden, der das Gegenteil behauptet.
5. -
semper fi, 20.11.2010
Ja, wir müssen nur noch 1 ... 2 Monate durchhalten. Dann bekommt Merkel den neuen Bundesflieger (Airbus 340) und wird sich dann - nonstop über etwas 16,000 km - aus dem Staub machen. Nur für den Fall, dass Guttenberg es nicht schafft, natürlich.
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Fotostrecke: Wo die Gefahren für den Euro liegen

Fläche: 70.182 km²

Bevölkerung: 4,61 Mio.

Hauptstadt: Dublin

Staatsoberhaupt:
Michael D. Higgins

Regierungschef: Enda Kenny

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Milliarden-Auffangnetz

Für die klammen Euroländer stellt die Gemeinschaft bei Bedarf bis zu 750 Milliarden Euro Soforthilfe zur Verfügung.

Die ersten 60 Milliarden Euro kommen direkt von der EU-Kommission.

Sollte dieses Geld nicht ausreichen, kommen dazu die 440 Milliarden Euro schweren Hilfen einer Finanz-Zweckgesellschaft (siehe unten).

Zusätzlich steuert der Internationale Währungsfonds (IWF)mindestens 250 Milliarden Euro bei.

Finanz-Zweckgesellschaft
Die Finanz-Zweckgesellschaft ist ein für die Euroländer völlig neues Instrument, das im Namen aller 16 Euroländer Geld leihen und an finanzschwache Staaten weiterleiten kann.
Die Euroländer selbst müssen das Geld dabei nicht auf den Tisch legen, sie treten vielmehr als Garanten für das zu leihende Geld auf.
Zinssatz
Wie im Fall von Griechenland wird es auch für das 750-Milliarden-Paket einen einheitlichen Zinssatz für alle bedürftigen Länder geben. Griechenland muss für seine Kredite fünf Prozent Zinsen (für drei Jahre) zahlen.
Konsolidierung
Schuldenländer verpflichten sich, künftig noch strenger auf die Sanierung der Staatshaushalte zu achten.
Finanzmarktregulierung

Die Euroländer wollen die Finanzmärkte stärker regulieren. Dazu zählen Derivate und Rating-Agenturen, die die Kreditwürdigkeit von Schuldnern - und damit auch Staaten - bewerten.

Darüber hinaus versprechen sich die Staaten auch von der Einführung eines "Stabilitätsbeitrags" der Banken und einer weltweiten Abgabe auf Finanztransaktionen eine stärkere Beteiligung des Finanzsektors an den Kosten der Finanz- und Schuldenkrise.



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